Süddeutsche Zeitung

München 1972:Die vergessene Olympia-Zentrale mitten in Schwabing

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Das Organisationskomitee der Spiele von 1972 hatte seinen Sitz in einem schlichten Bürokomplex an der Saarstraße 7 - was heute kaum noch jemand weiß. Dabei wurde dort Kanzler Willy Brandt empfangen und Maskottchen Waldi erfunden.

Von Ellen Draxel

Das Gebäude ist wenig spektakulär. Ein schnörkelloses Betongebäude, fünf Stockwerke hoch, direkt am Entrée zum Neubauquartier am Ackermannbogen. In diesem schlichten Komplex an der Saarstraße 7, das heute Praxen und Büros beherbergt und sich dank einer Renovierung noch ähnlich frisch präsentiert wie vor 50 Jahren, residierte einst das Organisationskomitee der Olympischen Sommerspiele von 1972. Nur wenige Meter vom Eingang der damaligen Waldmann-Stetten-Kaserne entfernt. Kaum jemand weiß das heute mehr.

Auch Daniel Schlögl war sich der Geschichte dieses Ortes lange nicht bewusst. Der Leiter der Bibliothek des Instituts für Zeitgeschichte ist Historiker und fährt nahezu täglich an dem Gebäude vorbei. "Die Saarstraße 7", sagt er, "kommt tatsächlich in den wenigsten Publikationen vor, die es zu diesen Spielen gibt". Im Buch des Londoners Mark Holt etwa, der auf 536 Seiten alles detailgetreu über das Erscheinungsbild der Spiele auflistet. Oder in Winfried Nerdingers und Wilhelm Vossenkuhls Werk über den Designer Otl Aicher, das in Teilen auf Holt fußt und erst vor Kurzem erschienen ist. Und natürlich in dem vom Organisationskomitee herausgegebenen Design-Handbuch, das die "Richtlinien und Normen für die visuelle Gestaltung" auflistet und die Saarstraße 7 als Adresse hinterlegt. Aber sonst?

Dem Landesamt für Denkmalpflege ist der Bau ebenfalls nicht als denkmalwürdig bekannt, als Schlögl nachfragt. In dem vor acht Jahren herausgegebenen "Kulturgeschichtspfad Schwabing-West" wird der Ort ebenfalls mit keinem Wort erwähnt. Vor oder an dem Haus findet sich keine Hinweistafel. Und das, obwohl die Image-Kampagne für ein neues, modernes Deutschland, das Rebranding für München als Weltstadt, das diese Olympischen Spiele ja auch sein sollten, von April 1969 bis März 1972 in der obersten Etage dieses Gebäudes ersonnen und umgesetzt wurden. Von Olympia-Chef-Designer Otl Aicher und seinem Team. Aichers Gestaltungskonzept, die pazifistische Farbpalette aus Blau, Grün und Orange, ist nach wie vor im Münchner Olympiapark präsent. Genauso wie seine bis heute als wegweisend empfundenen Piktogramme.

Elena Schwaiger war damals Teil der Abteilung Visuelle Gestaltung. Die heutige Malerin war erst 20, als sie als Praktikantin, seinerzeit noch unter ihrem Mädchennamen Elena Winschermann, zu Aichers Kreativtruppe stieß. Von ihr stammt der Entwurf für den berühmten Dackel "Waldi" mit dem hellblauen Kopf und Schweif, das Maskottchen der Spiele. An die Stimmung in dem Haus an der Saarstraße erinnert sich Schwaiger noch gut. "Wir waren fast wie eine Familie, eine eingeschworene Gemeinschaft. Es war toll." Untergebracht in einem riesigen Großraumbüro, erzählt sie, in dem "alle gequalmt haben wie die Wahnsinnigen", habe zwar "jeder sein Zeug gepuzzelt". Mindestens einmal am Tag aber versammelte sich das Aicher-Team um einen großen, hohen Tisch zum kritischen Brainstorming.

Geheimnisse gab es nicht: Wenn Gäste die Design-Abteilung besuchten, Politiker, Fotografen, bekamen das alle mit. Als angenehm empfanden die Kreativen auch die Lage nahe dem Olympiapark - am "Rande und doch irgendwie mittendrin". Auf jeden Fall nicht so weit vom Geschehen entfernt wie das Studio in einer Fabrikhalle in Garching-Hochbrück, in der die Gestalter zwei Jahre zuvor, von April 1967 bis März 1969, gearbeitet hatten. Schwaiger hat sogar noch den Pförtner des Hauses an der Saarstraße 7 vor Augen: Ein "sehr netter Mann", wie sie sagt. "Er kannte uns alle mit Namen." Auch dass der enge Kreis fast jeden Tag in die Gaststätte Oberwiesenfeld zum Schweinebraten essen ging, die nach wie vor existiert, hat sich ihr ins Gedächtnis gebrannt.

Wanderte man durchs Haus, traf man auf die gesamte Olympia-Verwaltung. Auch auf die damalige Hostess Silvia Sommerlath, heute Königin von Schweden. Denn der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Willi Daume, war mit seinen fast 700 Mitarbeitern, dem Generalsekretariat und der Olympia-Leitzentrale bereits Anfang 1967 in die Saarstraße gezogen.

Daume und Aicher, schreibt Kunsthistorikern Eva Moser in ihrem 2012 erschienenen Buch über den Gestalter Otl Aicher, verstanden sich auf Anhieb, als sie sich im Juli 1966 erstmals begegneten. "Daume", so Moser, "war selbst eine spielerische Natur, in seinem Büro an der Münchner Saarstraße 7 herrschte ein kreatives Chaos; sein Schreibtisch war mit Fahrradpedalen bestückt, daneben stand ein Ruder-Heimtrainer, es gab Spielzeugampeln, Mobiles und kinetische Spiele. Spötter sprachen von einem Raumschiff Orion".

So sehr ging der Sportfunktionär in dem auf, was er tat, dass sein Büro an der Saarstraße in der letzten Phase der Vorbereitungen und während der Spiele für ihn zu einem zweiten Zuhause wurde. Zeitweise übernachtete er sogar dort.

In einem Artikel des Spiegel von 1972 ist beschrieben, wie man sich den damaligen "Regieraum" der Spiele im vierten Stock des Gebäudes vorstellen muss. "Eine lange, schön geschwungene Wand mit mindestens zwölf sauber eingebauten Bildschirmen, auf denen die wichtigsten Wettbewerbe gleichzeitig und live zu sehen sind; darunter grüne Tafeln, auf denen der organisatorische Verlauf jeder Veranstaltung mit rotem Fettstift schematisch dargestellt wird; die Wände angefüllt mit meterlangen graphischen Darstellungen und riesig vergrößerten Karten; ein Pult mit Tonbandgeräten zur Aufzeichnung telephonischer Alarmmeldungen."

Die Olympia-Leitzentrale, positioniert zwischen Fernschreibstelle, Funkstelle, Küche und Lager. Heitere Spiele sollten es 1972 werden, "leicht, dynamisch, unpolitisch, unpathetisch, frei von Ideologie". So steht es in dem Normenbuch von damals.

Doch das Politische ließ sich nicht einfach ausblenden. Als am 24. September 1971 Bundeskanzler Willy Brandt die Zentrale des Münchner Organisationskomitees an der Saarstraße 7 besucht, wird er von einem jungen Mann angegriffen, der ihm ins Gesicht schlägt und ruft: "Das ist für die Politik im Osten!" In der Wohnung des Täters, eines Studenten, findet man später ein Hitler-Bild an der Wand. Ein Jahr später, am 5. September 1972, überfallen palästinensische Terroristen die israelische Mannschaft im Olympischen Dorf, ermorden zwei Sportler und nehmen neun Geiseln, die beim anschließenden Zugriff der Polizei ebenfalls ihr Leben lassen.

"Möglich", meint Historiker Daniel Schlögl, "dass die Saarstraße 7 als Ideenort der heiteren Spiele bekannt geworden wäre, wäre das Attentat nicht passiert". So aber sei das Gebäude, "ins Hintertreffen geraten". Immerhin: Das Landesamt für Denkmalpflege will auf Schlögls Anregung hin nun recherchieren, inwiefern der Bau geschützt werden kann. Im Kulturreferat denkt man über eine Aufnahme des Orts in den Kulturgeschichtspfad Schwabing-West nach. Und im Stadtmuseum plant man bereits ein Stelen-Projekt, mit dem es im Münchner Stadtraum auf unbekannte Orte im Zusammenhang mit den Spielen von 1972 aufmerksam machen will. Vorgesehen ist auch eine Stele an der Saarstraße 7.

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