Kultur & Sport:Wie das Kultur-Programm von Olympia 72 Kunstgeschichte schrieb

Lesezeit: 4 min

Kultur & Sport: Kleinteilig und niederschwellig: Auf der Spielstraße rund um den Olympiasee wurden 1972 auch Kunstobjekte gezeigt.

Kleinteilig und niederschwellig: Auf der Spielstraße rund um den Olympiasee wurden 1972 auch Kunstobjekte gezeigt.

(Foto: Fritz Neuwirth)

Auch die European Championships in München sind wieder stolz auf ihr aktuelles Programm, das ebenfalls Kultur und Sport verbinden will. Was davon bleibt?

Von Susanne Hermanski

Kultur & Sport: Kleinteilig und niederschwellig: Auf der Spielstraße rund um den Olympiasee wurden 1972 auch Kunstobjekte gezeigt.

Kleinteilig und niederschwellig: Auf der Spielstraße rund um den Olympiasee wurden 1972 auch Kunstobjekte gezeigt.

(Foto: Fritz Neuwirth)

Spektakulär ist "The Roofs". Es kommen internationale Stars der Musikszene nach München wie Moop Mama, Gayle, Alphaville und Ry X. Der Eintritt ist ebenso frei, wie zu den Sprayer-Events, Streetdance-Battles und anderen Kulturangeboten des Festivals. Noch bis 21. August steigt es als Teil der "European Championships Munich 2022", dieses größten Sportereignisses, das München seit 50 Jahren gesehen hat. So wird dafür geworben.

Aber lässt sich "The Roofs" vergleichen mit dem Kulturprogramm seines Vorbilds aus dem Jahr 1972? Schon der Name spielt an auf eine der meistbeachteten Kulturleistungen von Olympia 1972 - die Architektur des Dachs von Günter Behnisch und Frei Otto. An deren Fuße, im gesamten Olympiapark und an anderen Orten der Stadt verteilt sind nun die Roofs-Bühnen. Kleinteilig, immer getreu des eigenen Ziels "mehr Dorfcharakter als Gigantismus". Niederschwellig, also durchaus im Sinne der Olympischen Spiele 1972 und etwa seiner legendären "Spielstraße" rund um den Olympiasee.

Trotzdem war das Kulturprogramm 1972 grundlegend anders. Schon bei der Bewerbung Münchens als Austragungsort war die Verbindung von Sport, Kunst und Gestaltung (geformt von Otl Aicher) ausschlaggebend, Ziel war das Entstehen eines gelebten Gesamtkunstwerks. Und dafür wollte und wagte man auch die Erschütterung, die Provokation.

"Die monumentale Form der Spiele ist Scheiße."

"Der Spiegel" zitierte seinerzeit süffisant diese Ambitionen: Das Olympische Organisationskomitee (OK) habe "auch für jene enttäuschten Spiele-Besucher in München vorgesorgt, die von ,ihrer Rolle als anonyme, passive Teilnehmer' (OK) frustriert werden könnten. Sie dürfen vom schieren Sport in einen die ,Vernunft und Sensibilität gleichermaßen aktivierenden Kunstbereich' entfliehen". Den Essener Architekten Werner Ruhnau, der mit der Spielstraße betraut war, zitiert das Hamburger Blatt denn auch mit dem "markanten Grundsatz", dem er huldige: "Die monumentale Form der Spiele ist Scheiße." Weswegen Ruhnau "ein totales Gegenkonzept zum monumentalen Theater in den Stadien" entwickeln wollte.

Schon das gedruckte Programm der Kultur-Spiele taugte 1972 zum Aufreger. Es war auf beinah 150 Seiten angeschwollen, deshalb wurde der Prospekt zu 4,50 Mark angeboten. Die Kosten für all seine Kultur wiederum bezifferte das Olympische Komitee auf 15 Millionen Mark. So mancher hielt beide Summen in dieser Zeit, da die Wiesn-Maß noch für 1,35 Mark zu haben war, für hemmungslos und übertrieben. Ausführlich, ja beinah hämisch, wurde in den Tageszeitungen vor Beginn der Spiele denn auch berichtet, wie schleppend etwa die Kartenverkäufe "selbst für die Wiener Philharmoniker" oder die Reihe "Vita Bavarica" im Kongressaal gelaufen seien. Darüber, wie bewegend die Aufführung einer antiken Tragödie inmitten der immer noch in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs liegenden Allerheiligenhofkirche gewesen ist - München zeigte im Beuys'schen Sinne seine Wunde - las man wenig.

Am Ende jubelte das Kulturreferat dann doch über 650 000 Besucher des Kulturprogramms, in das die Opernfestspiele ebenso einbezogen waren wie Auftragskompositionen und viel Bildende Kunst. Zudem hatten bereits 1,2 Millionen Besucher die Spielstraße besucht, als die Organisatoren nach dem Attentat auf israelische Athleten am 5. September 1972 das offizielle Kunstprogramm beendeten.

Kultur & Sport: Paolo Nestler überbaute die Terrasse des Hauses der Kunst wie einen Wintergarten.

Paolo Nestler überbaute die Terrasse des Hauses der Kunst wie einen Wintergarten.

(Foto: Architekturmuseum der TUM)

Was bis heute nachhallt, ist die Ausstellung "Weltkulturen und moderne Kunst" im Haus der Kunst, das dafür architektonisch massiv umgestaltet worden ist. In der Kunstgeschichte gilt die Ausstellung als Pioniertat, als einer der ersten Schritte weg vom eurozentristischen Kunstverständnis. Die aktuelle Ausstellung "Olympiastadt München" in der Pinakothek der Moderne, erstellt vom Architekturmuseums der TU München, gibt Zeugnis davon (bis 8. Januar 2023). Der Architekt Paolo Nestler hatte für das Haus der Kunst einen Anbau geschaffen, der es vom Englischen Garten aus gesehen komplett überformte. Nestler, unmittelbar vor und während der Studentenunruhen von 1965 bis 1969 Präsident der Akademie der Bildenden Künste, setzte den Anbau wie einen Wintergarten über die Terrasse des Hauses der Kunst.

Die älteren Münchner erinnerte die Konstruktion aus Glas, Metall und Eternitplatten sofort an den "Glaspalast" am Alten Botanischen Garten. Der war 1931 abgebrannt und hatte zuvor - weltoffen - bedeutende internationale Kunstausstellungen beherbergt. Die Pläne zu dessen Wiederaufbau hatten die Nationalsozialisten 1933 gestoppt und stattdessen am größeren Park das "Haus der Deutschen Kunst" gebaut.

Kultur & Sport: Ältere Münchner erinnerte der lichtdurchflutete Anbau an das Haus der Kunst an den Glaspalast, der bis 1931 im Alten Botanischen Garten stand.

Ältere Münchner erinnerte der lichtdurchflutete Anbau an das Haus der Kunst an den Glaspalast, der bis 1931 im Alten Botanischen Garten stand.

(Foto: Architekturmuseum der TUM)

Mehr als 2700 Objekte fanden Platz unter Nestlers temporärem Dach. "Weltkulturen und moderne Kunst" verfolgte das erklärte Ziel, die bis dahin gültige "Vormachtstellung abendländisch-christlicher Kultur" in Frage zu stellen. Klassische Moderne, etwa von Paul Klee und Oskar Kokoschka, wurde präsentiert neben Artefakten aus den Kulturen aller Kontinente, von Ägypten über den Orient, Asien bis nach Indo-Amerika. Außerdem wurde ein "Klangzentrum" eingerichtet, wo nicht nur Yehudi Menhuin und Ravi Shankar eine "Improvisation über indische Ragas" spielten. Mit der Instrumentenabteilung des Stadtmuseums wurde auch Mauricio Kagels "Exotica für außergewöhnliche Instrumente" uraufgeführt. Eine augenzwinkernde Komposition, bei der sich sechs Profis mit ihren fremden Instrumenten abmühten. Schon damals entbrannte eine leidenschaftliche Diskussion darüber, was weißen Musikern erlaubt sei.

Über Details der Schau gibt in München eine weitere aktuelle Ausstellung Auskunft, deren Titel: "Visionen und Wirklichkeit - Kunst für die Olympischen Spiele in München 1972". Zu sehen ist sie in der Rathausgalerie noch bis 11. September. Sie verweist auf viele zusätzliche Aktionsfelder des Kulturprogramms von 1972, auch auf die Wettbewerbe für die Realisierung von Kunstwerken an den Parkeingängen und für das Olympiadorf. Die Liste derer, die dazu geladen waren, "liest sich heute wie das Who is Who der damaligen Kunst", schreibt Kuratorin Elisabeth Hartung. Sie reicht von Jean Tinguely und Klaus Rinke bis hin zu Hans Hollein und David Hamilton.

Für Werke im Park sollte die amerikanische Avantgarde direkt beauftragt werden: Dan Flavin und Frank Stella waren darunter, auch Andy Warhol. Am Ende nahm dessen Platz jedoch Gerhard Richter ein. Er steuerte für die Gestaltung der Rückwand in der Olympia-Schwimmhalle einen Entwurf bei. Tatsächlich wurde von diesen Entwürfen wenig realisiert. Und von dem, was umgesetzt wurde, ist vieles heute in schlechtem Zustand, vergessen oder abgerissen, darauf verweist "Vision und Wirklichkeit" auch.

Selbst wenn das Kulturprogramm nach dem verheerenden Attentat auf die israelischen Athleten beendet war. Der Künstler Otto Piene und einige Kollegen setzten nach langen Diskussionen ganz zum Ende doch ein positives Signal: Sie inszenierten während der Schlussfeier der Spiele ein Zeichen der Verbindung und der Hoffnung und spannten fünf mit Helium gefüllte und miteinander verbundene Schläuche über den Olympiasee. In den Farben des Regenbogens.

Das Roofs-Programm der European Championships mag heute seinerseits schillernd sein. Doch dass mehr bleibt davon als die Erinnerungen an ein paar schöne Sommerabende, ist kaum zu erwarten. Und das ist wohl auch gut so, auf manche Weise.

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