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Oktoberfest:München bekommt erstmals eine Wiesnstadträtin

Die Grüne Anja Berger stammt aus Nürnberg - trotzdem möchte sie lieber Wiesnstadträtin in München sein, als einmal den berühmten Christkindlesmarkt zu eröffnen, sagt sie.

Die Grüne Anja Berger stammt aus Nürnberg - trotzdem möchte sie lieber Wiesnstadträtin in München sein, als einmal den berühmten Christkindlesmarkt zu eröffnen, sagt sie.

(Foto: Stephan Rumpf)

Als stärkste Fraktion im Rathaus haben nun die Grünen das traditionelle Recht, den Wiesnstadtrat vorzuschlagen. Sie haben sich entschieden: für Anja Berger. Was sie nun mit dem Oktoberfest vor hat.

Interview von Heiner Effern

Anja Berger von den Grünen soll die erste Wiesnstadträtin der Geschichte werden. Das prestigeträchtige Amt wird zu jeder Sitzungsperiode neu vergeben. Den ersten Zugriff hat traditionell die stärkste Fraktion, das sind seit der Kommunalwahl die Grünen. Diese entschieden sich am Montag für die 49 Jahre alte Berger. Sie muss vom Stadtrat noch offiziell gewählt werden, was angesichts der grün-roten Mehrheit als Formalie gilt. Die designierte Wiesnstadträtin verrät im Gespräch, warum sie das Oktoberfest liebt, was sie anders machen möchte und weswegen sie zum Start ihres Amts auch ein bisschen traurig ist.

SZ: Zum ersten Mal wird eine Frau Wiesnstadträtin - und dann auch noch eine Grüne. Ist Ihre Partei nun endgültig im Zentrum der Macht angekommen?

Anja Berger: Ich freue mich unbändig, auch dass meine Fraktion zugegriffen hat. Das hätten uns manche nicht zugetraut. Es ist schon ein Zeichen, wenn ein Amt, das immer nur von Männern besetzt wurde, nun an eine grüne Frau geht. Wir wollen ja die Hälfte der Macht für die Frauen, da ist das fast ein bisschen historisch.

Also wird nun alles anders auf der Wiesn?

(Lacht) Das glaube ich nicht. Das ist auch schwierig. Die Wiesn ist ein wunderbares Event, wo vieles zusammenspielt und sehr gut läuft. Aber ein bisschen grüne Akzente setzen ist schon nicht schlecht, in Richtung Nachhaltigkeit.

Sie wollen nicht nur repräsentieren?

Das ist bei mir schon ein Mitgestalten-Wollen. Man wird wegen der großen Menge nicht alle Lebensmittel in Bio hinbekommen, aber mehr ökologische, aus der Region oder aus artgerechter Tierhaltung dürften es schon sein.

Aber beim Bier passt alles?

Da muss ich mich näher damit beschäftigen, ob man da noch ökologischer vorgehen kann. Ich würde es erst mal so lassen, das ist süffig.

Klingt so, als ob Sie mit dem Oktoberfest schon was anfangen können.

Unbedingt. Ich liebe die Wiesn. Ich bin zwar kein Münchner Kindl, aber seit ich hier bin, gehe ich mit Begeisterung hin. Mein Herz hängt an der Wiesn, deshalb bin ich auch ziemlich traurig dieses Jahr.

Eine bittere Premiere. Sie beginnen Ihr Amt gleich mit einer Absage. Das Coronavirus hat auch die Wiesn flachgelegt.

Wir müssen uns einfach auf die nächste freuen, wann immer die sein wird.

Das Amt des Wiesnstadtrats soll ein Scharnier sein zwischen Politik und den Beschickern des Oktoberfests. Kennen Sie schon Ihre Ansprechpartner?

Alle natürlich nicht, einige schon. Da ist der Kontakt recht gut, ich war ja auch schon auf Beschickerversammlungen. Aber das sind so viele Menschen, die die Wiesn gestalten, da wird es schon noch einige Treffen geben.

Sie müssen auch anzapfen können, etwa beim Frühlingsfest.

Mir ist noch nicht klar, ob das der Wirtschaftsreferent macht oder die Wiesnstadträtin. Wenn ich es bin, dann werde ich das gerne tun, aber vorher auch ordentlich trainieren.

Auf der Wiesn stellt sich immer auch die Kleiderfrage. Klassisches Dirndl, ein modernes oder gar keines?

Mittlerweile liebe ich Dirndl, obwohl ich länger damit gebraucht habe. Ich komme ja aus Nürnberg, da war das nicht so en vogue. Klassisch, würde ich sagen, selbstgeschneidert von meiner Mutter, aber ich hab schon ein paar Ideen, wie ich da noch aufstocken kann mit mehr Farbe und bisschen Außergewöhnlichem. Aber noch eine Gegenfrage: Fragen Sie eigentlich auch die Männer nach ihrer Kleidung?

Beim letzten Anzapfen waren die Lederhosen des Ministerpräsidenten und des Oberbürgermeisters großes Thema.

Ja, das stimmt.

Wenigstens in dieser Frage herrscht auf der Wiesn eine gewisse Gleichstellung. Passt die Massenveranstaltung Oktoberfest auch sonst zu den grünen Idealen?

Die Wiesn ist ein wunderbares Fest, an dem auch das Münchner Lebensgefühl sehr gut zutage tritt. Das ist wichtig, dass das auch so bleibt. Das Gemeinsam-feiern-können, egal wo man herkommt oder wer man ist, so eine offene und plurale Gesellschaft, passt sehr gut zu unserem Menschenbild.

Trotz aller Wiesn-Begeisterung, jetzt mal ganz ehrlich: Wären Sie als Nürnbergerin nicht lieber einmal Christkind gewesen und hätten den berühmten Christkindlesmarkt eröffnet?

Auch wenn ich es mir hätte aussuchen können: Ich wäre lieber Wiesnstadträtin geworden. Das liegt mir mehr als eine blonde Rauschgoldperücke und das viele Auswendiglernen.

© SZ vom 27.05.2020/mmo
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