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Oktoberfest-Schausteller:"Die Absage der Wiesn trifft uns ins Mark"

Das gewohnte Leben fällt dieses Jahr für Peter Bausch und seine Lebensgefährtin Laura Krafka aus. Von März bis Oktober wären sie mit ihrem Fahrgeschäft "Top Spin No.1" auf Achse gewesen. Bis zu 15 Volksfeste waren geplant.

(Foto: Robert Haas)

Peter Bausch betreibt auf der Wiesn den "Top Spin No.1". Drei Minuten Schwindel, Kreischen, Glücksgefühl - doch dieses Jahr steht alles still. Über die Probleme einer Schaustellerfamilie.

In seiner Kabine ist Peter Bausch, 37, in seinem Element. Er sitzt vor einer Schalttafel mit diversen Knöpfen, die für ihn so etwas sind wie die Klaviatur für einen Pianisten. Die Töne, die er damit erzeugt, sind aber keine Dur- oder Moll-Akkorde. Wenn Peter Bausch auf die Tasten drückt, bringt er damit Dutzende Münder zum Kreischen. Die übertönen locker die Kirmesmucke, die wie bei jedem Fahrgeschäft aus den Boxen dröhnt. Kreischen ist der Applaus für einen Schausteller. Je lauter, desto besser - und mit einem ganz bestimmten Drehknopf holt er das Beste aus seinem Publikum heraus: Mit ihm reguliert er die Wasserfontäne, wenn die Meute im Fahrgeschäft ganz knapp darüber hängt, fast niemand bleibt dabei trocken. Bausch ist der Betreiber des "Top Spin No.1", einer überdimensionierten, 180 Tonnen schweren Hollywoodschaukel mit Überschlag und Kreischgarantie. Hier gibt es für ein paar Euro drei Minuten Glücksgefühl. Und wenn die Leute sich gleich noch mal in die Schlange stellen, ist alles gut gelaufen.

Dieses Jahr aber fällt das Kreischen aus. Die Volksfeste sind wegen der Corona-Pandemie abgesagt: Der Plärrer in Augsburg, auf dem Peter Bausch mit seinen Eltern und seiner Lebensgefährtin Laura Krafka zu Ostern in die Saison starten wollte, die Frühlingsfeste in Weiden und München, die Regensburger Mai-Dult, das Straubinger Gäubodenfest, alles. Das "Top Spin No. 1": eingelagert in einer Halle in Walkertshofen hinter Augsburg. Wer mitfahren will, kann dies nur virtuell, mithilfe der von vielen Fans gedrehten Filmchen im Internet.

Das Jahr 2020 bedeutet für die Schausteller null Einnahmen. Das Oktoberfest, das es dieses Jahr ebenfalls nicht gibt, war für Bausch und Krafka, wie auch für viele andere Kollegen aus der Branche, die letzte Hoffnung. Als die Absage feststand, musste Bausch als kommissarischer Vorsitzender des Münchner Schaustellervereins jede Menge Interviews geben. Und jedes Mal musste er dieselbe bittere Realität schildern. Dass für Unternehmer wie ihn trotz fehlender Einnahmen laufend Kosten anfallen, Standmiete für das Fahrgeschäft, Leasing- und Kreditraten, etwa für einen neuen Lastwagen, den er sich angeschafft hat. Dass seine vier für die Saison angestellten Mitarbeiter aus Rumänien nun versuchen, in ihrer Heimat ihre Jobs zu halten, von denen sie außerhalb der deutschen Volksfestsaison leben. Und dass die staatlichen Soforthilfen nicht reichen für ein ganzes Jahr. "Die hätten geholfen, wenn man bald wieder zum Spielen gekommen wäre", sagt Bausch.

Als es zunächst geheißen habe, dass alles bis zum 31. August ausfällt, sei dies eine "Ohrfeige" gewesen. "Die Absage der Wiesn aber trifft uns ins Mark." Die Schausteller hätten sich gewünscht, dass die Stadt wenigstens bis Juni warten würde, ehe sie das Fest absagt. Aber Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) wollten eine Entscheidung nicht länger hinauszögern. Für die Stadt bedeutet die Absage zwar einen riesigen wirtschaftlichen Ausfall, der auf 1,3 Milliarden Euro geschätzt wird. Vonseiten der Schausteller hat sie aber keinen Ärger zu erwarten, ein Rechtsanspruch auf die Wiesn besteht nicht, das hat der OB explizit deutlich gemacht. Und die Vergaben für die diesjährige Wiesn hatte der Stadtrat noch nicht beschlossen. Nun haben die Stadtratsfraktionen von CSU, SPD und Grünen beantragt, dass Schausteller "volksfesttypische Speisen und Schmankerl zum Mitnehmen auf den Plätzen der Münchner Wochen- und Bauernmärkte zu anderen Tagen als den üblichen Markttagen anbieten können".

Ein Fahrgeschäft aber könne er nicht "to go" anbieten, sagt Bausch. Auch diesen Satz hat er bereits mehrmals in Mikrofone gesprochen und in Reporterblocks diktiert. Ein zweites Standbein fehlt ihm und seinen Kollegen, anders als den Wiesnwirten, die darauf hoffen, bald wieder - zumindest unter Auflagen - ihre Gastronomie öffnen zu können. "Wir stehen hier vor einem Vakuum, so was gab's noch nie", sagt Bausch. Ob die Vorschläge aus der Schaustellerbranche, temporäre Freizeitparks mit geordnetem Zugang einzurichten oder einen finanziellen Rettungsschirm aufzulegen, bei der Politik Gehör finden, ist ungewiss. Niemand weiß, wie die Zukunft aussieht. Dass nun diskutiert wird, die Wiesn nächstes Jahr um eine Woche zu verlängern, sieht Peter Bausch mit Skepsis. "Ob das den gewünschten Erfolg hat, weiß keiner." Überhaupt könne eine Woche den Ausfall eines ganzen Jahres nicht ersetzen.

Aber es geht Bausch und Krafka nicht nur ums Geld. Beide sagen, dass sie endlich wieder arbeiten, aus der Wohnung und aus der Stadt rauskommen wollen. Statt im ganzen Land, vor allem aber in Bayern, unterwegs zu sein, sitzen die beiden nun auf 60 Quadratmetern im Münchner Dreimühlenviertel fest - gerade mal einen Kilometer von der Theresienwiese entfernt. Am Küchentisch erzählen sie von ihrem Leben als Schausteller. Durchs Fenster scheint die Sonne - es herrscht bestes Volksfestwetter. Doch das gewohnte Leben fällt dieses Jahr aus. Es hätte bedeutet, von März bis Oktober auf Achse zu sein, auf bis zu 15 Volksfesten zu "spielen", wie Bausch es nennt. Das Wohnmobil ist in dieser Zeit Heim und Büro zugleich.

Karussels als Kinder mit Lego nachgebaut

Seit sechs Jahren ist auch Laura Krafka, 33, mit auf Tour und verkauft am Top Spin die Fahrchips. Obwohl sie schon als Kind gerne auf die Wiesn gegangen ist, hatte sie mit der Schaustellerei zunächst nichts am Hut. Sie studierte nach dem Abitur Kommunikationswissenschaften und Publizistik und arbeitete dann in einer großen Münchner Firma im Einkauf. Dann, nach vier Jahren Beziehung, entschloss sie sich, ins Schausteller-Geschäft einzusteigen. Außer der Arbeit im Top Spin betreibt sie auf dem Münchner Frühlingsfest das "Proseccostüberl". Und im Advent verkauft sie Weihnachtsschinken in der Münchner Residenz, während ihr Peter am Marienplatz Punsch ausschenkt.

Für ihn war als Spross einer alteingesessenen Schaustellerfamilie schon früh klar, dass er wie seine Eltern, Groß- und Urgroßeltern ebenfalls ins Schaustellergewerbe einsteigen würde. "Als Kinder haben wir die Karussells unserer Eltern mit Lego nachgebaut", erzählt Bausch. Die Eltern Karin und Rudi Bausch hatten unter anderem das Kinderfahrgeschäft "Töff Töff", das "Calypso" und, von 1984 an zusammen mit der Schaustellerfamilie Menzel, aus der seine Mutter stammt, das "Traumschiff", die größte transportable Schiffsschaukel der Welt.

Das Top Spin schließlich war das erste Fahrgeschäft seiner Art, seine Premiere feierte es 1990, natürlich auf dem Oktoberfest. Bausch war damals noch ein Kind und mit acht Jahren noch zu jung, um selbst mitzufahren. Wer einsteigen will, muss zehn Jahre alt und mindestens 1,40 Meter groß sein. 1998 dann stieg er über Nacht in den Betrieb der Eltern ein. Damals war er 16, weil sein Vater erkrankt war, musste er in den Sommerferien einspringen. Heute sitzt der 37-Jährige im "Top Spin No. 1" buchstäblich am Drücker. Das Fahrgeschäft ist nach 30 Jahren ein beliebter Klassiker, die Wasserfontäne kam erst später dazu, Vorbild war eine Anlage in England. Sonst hat sich, außer dem Musikgeschmack der Fahrgäste vielleicht, nichts geändert. Technisch muss das Gerät immer auf dem neuesten Stand sein. "So ein Fahrgeschäft wird nicht alt", sagt Bausch.

Seit 1909 ist die Familie Bausch auf dem Oktoberfest vertreten, damals baute Franz Anton Bausch den allerersten, noch mit Dampf betriebenen Toboggan auf der Wiesn auf. Seither hat die Familie keine Wiesn ausgelassen. Das gleichnamige Fahrgeschäft, das heute noch gleich am Wiesneingang zur Matthias-Pschorr-Straße steht, ist ein anderes Modell. Aus dem Büro hat Urenkel Peter alte Fotos mitgebracht von den früheren Geschäften seiner Familie. Der Ur-Toboggan ist darauf zu sehen, die riesige Schiffschaukel, das "Calypso" - und jede Menge Menschen.

Der Schwindel, das Kreischen, die drei Minuten Glücksgefühl - in diesem Jahr wird es sie für niemanden geben.

© SZ vom 07.05.2020/aner
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