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Politiker auf dem Oktoberfest:Wahlarena Wiesn

Katrin Habenschaden (Die Grünen) möchte bei der Kommunalwahl 2020 Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) ablösen, das Gleiche hat Kristina Frank (CSU, rechts) vor.

(Foto: Stephan Rumpf, Imago, Florian Peljak)

Im März entscheiden die Münchner, wer ihre Stadt künftig regiert. Auf dem Oktoberfest laufen sich die Kandidaten schon einmal warm - auch wenn das offiziell verboten ist.

Auch wenn Wahlkampf auf der Wiesn offiziell verboten ist: So ganz verschweigen kann man ja auch nicht, dass der Veranstalter, also die Stadt München, am 15. März 2020 einen neuen Chef sucht. Oder eine neue Chefin. Gute Laune, schöne Bilder, Treffen mit prominenten Netzwerkern, all das schadet keinem Kandidaten. Da brauchen sie unter den erwarteten gut sechs Millionen Oktoberfestbesuchern die paar Münchner Wähler gar nicht unbedingt direkt zu treffen. Obwohl das natürlich auch nicht schadet.

Gleich am ersten Tag zum Anstich treffen die drei Kontrahenten, die sich bei der Kommunalwahl ernsthaft Hoffnung auf den Posten des Oberbürgermeisters machen dürfen, in der Ratsbox des Schottenhamel aufeinander: Amtsinhaber Dieter Reiter (SPD) und seine beiden Gegnerinnen Kristina Frank (CSU) und Katrin Habenschaden (Grüne). Ein Scherz hier, ein Spruch da, dann geht er los, der offizielle Nicht-Wahlkampf auf der Wiesn.

Kristina Frank hat schon an den ersten Tagen so viele Termine, dass sie am Montagabend erst zum Armbrustschießen der BMW-Niederlassung kommt, als die meisten Pfeile schon abgefeuert sind. Als sie einen Platz am Tisch von Josef Schmid und seiner Frau Natalie findet, dauert es einige Minuten, bis sie entspannen kann, bis sie nicht mehr auf jedes Wort, jede Geste zu achten scheint - Wahlkampf-Modus, da kann ein Fehler großen Schaden anrichten.

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Mit Schmid, ihrem Vorgänger als OB-Kandidat der CSU, spricht sie nun natürlich nicht über Politisches, schon gar nicht über die Kampagne zur Kommunalwahl, sind ja viel zu viele Leute rundrum. Aber es ist doch eine Vertrautheit und ein Vertrauen zu spüren, wahrscheinlich ist es auch und gerade in der Münchner CSU wichtig, jemanden zu haben, auf den man sich verlassen kann.

Katrin Habenschaden hält nicht nur dirndltechnisch dagegen ("Hab' ich secondhand gekauft"), sondern auch in Sachen Brauchtum. Die Grünen sind auch hier längst auf dem Weg zur Volkspartei. Gleich am Eröffnungstag dirigiert sie im Festzelt Tradition auf der Oiden Wiesn wie die grüne Landtagsabgeordnete Claudia Köhler die Hauskapelle. Karl-Heinz Knoll, der frühere Spaten-Vorstand und heutige Vorsitzende des Münchner Festrings, hat die beiden auf die Bühne gebeten, Köhler ist seine Tochter. Katrin Habenschaden bringt das Dirigat des "Tölzer Schützenmarsches" mit Bravour hinter sich und erntet viel Applaus. "Ich mache jetzt Sachen", sagt sie lachend, "da wäre ich vorher nie draufgekommen!"

Für den Oberbürgermeister selbst startet das Oktoberfest sogar ungewohnt politisch. SPD-Familienministerin Franziska Giffey ist am Eröffnungstag zu Gast und hat sich einen Rundgang gewünscht. Wenigstens hat Berlin, woher zur Zeit sonst wenig Erbauliches daherkommt, eine Frau geschickt, mit der Dieter Reiter offensichtlich kann.

Zuvor hat er das erledigt, was Frank und Habenschaden künftig gerne übernehmen würden: Als Münchner Oberbürgermeister hat er das erste Fass auf der Wiesn angezapft, mit wieder einmal nur zwei Schlägen. Die Tage danach sind dicht getaktet, neben den selbstverständlichen Pflichtbesuchen im Behördenhof oder bei der Wiesnwache gibt es da ein Gespräch und hier ein Treffen, wie zum Beispiel mit den Landräten aus dem Speckgürtel im Augustiner. "Dinge, die normalerweise im Büro stattfinden", die passieren in diesen beiden Wochen am Biertisch, sagt Reiter. Normales Geschäft statt Wahlkampf. "Kein Mensch spricht mich darauf an, die Leute wollen Spaß haben."

Reiter weiß, mit dem Bonus des Amtsinhabers zu spielen. Er besitzt das, was Frank und Habenschaden auf dem Oktoberfest verstärkt anstreben: Bekanntheit beim Volk. Reiter leistet es sich nun, den Hintereingang in ein Zelt zu nehmen, aufs Hereinspielen durch die Wiesnband ist er auch nicht scharf. "Das würde jeder Kapellmeister machen", sagt er. Rein privat mit seiner Frau Petra über das Oktoberfest zu schlendern, ist wegen der vielen Selfies- und Gesprächswünsche kein Vergnügen mehr. Vor sechs Jahren war das noch anders, Reiter kann sich noch gut erinnern, dass man als Kandidat anders und aufgeregter an die letzte Wiesn vor der Wahl herangeht. Da sei es wichtig, "mal zu dirigieren und gesehen zu werden".