Süddeutsche Zeitung

Oktoberfest:Schnelle Diagnose neben dem Bierzelt

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180 unnötige Notfallfahrten wurden 2022 durch den mobilen Computertomografen vermieden. Doch ob es auch dieses Jahr auf der Wiesn in München ein CT-Gerät geben wird, ist fraglich.

Von Heiner Effern

Eine feine Sache war diese Neuerung auf dem Oktoberfest 2022, darin sind sich Stadtverwaltung und Politik einig. Die Rede ist nicht von einem Fahrgeschäft oder Schmankerl, sondern von einer Premiere in der medizinischen Abteilung: einem mobilen Computertomografen (CT). Nach Stürzen und anderen Vorkommnissen konnte sofort festgestellt werden, ob der Patient in eine Klinik muss oder beruhigt heimgehen kann. Ob das auch dieses Jahr auf der Wiesn möglich sein wird, war bis zuletzt unklar. Alle wollen ihn, doch niemand bei der Stadt will so recht die Verantwortung übernehmen. Sprich: bezahlen.

Am Dienstag im Stadtrat gibt es nun eine letzte Chance, das geglückte Experiment zu wiederholen. Wenn der Beschluss dann nicht getroffen wird, dürfte die ohnehin extrem knappe Frist für die nötige Ausschreibung nicht reichen. Wiesnchef und Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) wird beantragen, dass der Computertomograf aus dem normalen Haushalt von der Stadt bezahlt wird. Die grün-rote Koalition soll davon überhaupt nicht begeistert gewesen sein. Bis zuletzt wurde gefeilscht. Nun arbeiten Grüne und SPD an einer Lösung in letzter Minute.

Die SPD ist jedenfalls jetzt bereit, die Miete für das CT-Gerät und die Kosten für die Mitarbeiter zu übernehmen. "Es wird das CT-Gerät geben", legt sich die Fraktionsvorsitzende Anne Hübner fest. Die Grünen haben sich offenbar noch nicht so endgültig entschieden, dort gibt es aber eine prominente Fürsprecherin, Wiesn-Stadträtin Anja Berger. "Ich setze mich für das CT ein", sagte sie. Es geht um Kosten, die wohl bei knapp einer halben Million oder sogar noch darunter liegen dürften. "Wir diskutieren noch. Wenn eine Finanzierungsmöglichkeit gefunden wird, dann würde ich das begrüßen", sagte Berger.

180 unnötige Notfallfahrten wurden 2022 durch das CT-Gerät vermieden

Dass ein solch langes Hickhack einer möglichen Einigung vorangeht, das verwundert angesichts der Bilanz von der vergangenen Wiesn. 205 Patienten wurden direkt auf dem Oktoberfest im CT-Gerät untersucht, 180 von ihnen erfuhren direkt, dass sie keine schwerere Verletzung erlitten hatten und selbst nach Hause gehen können. Das heißt: In den gut zwei Wochen wurden 180 unnötige Notfallfahrten mit einem Sanka und 180 Behandlungen in der Notaufnahme vermieden.

Sollten dieses Jahr mehr Besucher kommen als im vergangenen, nicht sehr starken Jahr, dann könnte die Zahl sogar noch steigen. Die Stadt muss nun prüfen, ob es ihr das wert ist. Im vergangenen Jahr wurde das CT-Gerät wegen der Pandemie eher hemdsärmelig beschafft und betrieben, so ganz ohne Ausschreibung. Es sollte jeder zusätzliche Patient in einer Klinik vermieden werden, um die ohnehin angespannte Lage dort nicht noch unnötig zu verschärfen. Das Kreisverwaltungsreferat (KVR) machte Anmietung und Betrieb sogar zur Auflage.

Dafür gebe es ohne Pandemie keine Rechtsgrundlage, beschied das KVR für das Oktoberfest 2023. Das Gesundheitsreferat fand das CT-Gerät auch gut, doch eine gesetzliche Basis sieht es ebenfalls nicht. Eine freiwillige Leistung sei das, das müsse der Veranstalter übernehmen. Damit lag die Verantwortung im Wirtschaftsreferat. Das wollte dafür Geld verwenden, das im vergangenen Jahr im Budget übrig geblieben war. Das soll aber bereits der Kämmerer einkassiert haben. Es bleibt spannend bis Dienstag, ob und vor allem woher das nötige Geld für die feine Neuheit kommt.

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