Oktoberfest:In der Aerosol-Hölle

Lesezeit: 3 min

Oktoberfest: "Zu einer erhöhten Zahl von Infektionen wird es durch das Fest bestimmt kommen", sagt der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie.

"Zu einer erhöhten Zahl von Infektionen wird es durch das Fest bestimmt kommen", sagt der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Auf der Wiesn wird es mit Sicherheit zu Ansteckungen kommen, sagen Corona-Experten. Doch die Lage für Kliniken in und um München sollte handhabbar bleiben - wenn es bis dahin keine gefährlicheren Virusvarianten gibt.

Von Christina Berndt

Es wird ein Tanz der Aerosole werden, so viel ist schon mal sicher. Viren werden jede Menge mit dabei sein, wenn im September das Oktoberfest beginnt und bis zu 7000 Menschen im Zelt trinken, schreien, singen, küssen und dicht an dicht schunkeln. "Die Inzidenz wird bei Beginn des Fests sehr wahrscheinlich niedriger sein als jetzt", sagt Carsten Watzl, der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Aber selbst wenn sie dann bei 500 liegt, heißt das immer noch, dass in so einem Zelt schnell mal 50 Infizierte mitfeiern werden - und andere anstecken. "Zu einer erhöhten Zahl von Infektionen wird es durch das Fest bestimmt kommen", sagt Watzl.

Ob die Wiesn letztlich zum Problem für München und seine Krankenhäuser wird, das hängt stark davon ab, wer feiert und sich ansteckt. "Im Moment besteht die Strategie ja gar nicht so sehr darin, Infektionen zu verhindern, sondern vielmehr darin, Erkrankungen zu verhindern", sagt Watzl.

Solange nicht zu viele ältere und gefährdete Menschen ohne Impfschutz zur Wiesn gehen, halte sich das Risiko vermutlich in Grenzen. "Ein ungeimpfter 60-Jähriger setzt sich in so einem Zelt einem beträchtlichen Risiko aus", so der Immunologe. "Aber wir haben in der Bevölkerung durch die Impfungen ein ordentliches Maß an Grundimmunität erreicht, und vor diesem Hintergrund kann man sich auch wieder mehr Sachen erlauben." Jedenfalls unter der Prämisse, dass sich die Situation zum Herbst hin nicht allzu negativ entwickelt und etwa eine besonders gefährliche Variante die Pandemie treibt.

Auch die Virologin Ulrike Protzer blickt eher gelassen auf die Entscheidung aus dem Rathaus. "Wenn sich die Situation nicht dramatisch verändert, dann kann man das so verantworten", sagt die Direktorin der Virologie an der TU und am Helmholtz-Zentrum München.

Es bleibe aber letztlich "eine Entscheidung mit Wagnis", sagt der Infektiologe Clemens Wendtner. Der Chefarzt von der München Klinik Schwabing verweist auf die immer noch bestehende Impflücke und die drei Millionen Menschen, die trotz Impfung keine ausreichende Immunität haben. "Am Ende muss jeder selbst wissen, ob er aufs Oktoberfest geht", so Wendtner. "Ich würde jedem raten, der Fragezeichen an seinem Immunsystem hat, sich diesem Risiko nicht auszusetzen. Ich selbst werde mir das auch zweimal überlegen, ob ich dort hingehe."

Die Stadt sollte früh genug Impfstoff ordern, rät die Expertin

Er vertraue darauf, "dass die Politik bei ungünstigen Entwicklungen so klug und verantwortungsvoll ist, dass sie die Notbremse zieht", sagt Wendtner. Auch die Virologin Protzer betont, dass man "genau beobachten muss, wie die Lage sich auch international entwickelt." Wenn gefährliche Virusvarianten entstehen oder Hospitalisierungen dramatisch ansteigen, müsse man die Strategie entsprechend anpassen und eventuell Zugangsbeschränkungen zum Beispiel für Ungeimpfte verhängen. Auch aus dem Ausland werde der ein oder andere Besucher natürlich eine Infektion mitbringen, so Protzer, womöglich eine besorgniserregende Variante. Im Extremfall würden deshalb womöglich auch Zugangsbeschränkungen für Menschen aus bestimmten Virusvariantengebieten erforderlich. Denn wenn Menschen aus Ländern kommen, in denen die Impfquote niedrig ist oder wo nicht so wirksame Impfstoffe verwendet werden, dann kann es sein, dass sie hier schwer erkranken. In der Folge könnte es zu einer deutlich wachsenden Zahl von Patientinnen und Patienten auf den Intensivstationen kommen.

Die Virologin Protzer appelliert an die Stadt München, vor der Wiesn noch einmal eine gezielte, auf das Oktoberfest ausgerichtete Impfkampagne zu starten. Sie würde das Fest auch selbst besuchen. "Ich bin dreimal geimpft und würde mir vor dem Wiesn-Besuch noch eine vierte Spritze geben lassen." Protzer hält eine Auffrischimpfung etwa 14 Tage vor dem Festbesuch für ratsam, also Anfang September, außer man hat sich zwischenzeitlich angesteckt, dann ist das Immunsystem dadurch geboostert.

"Diese Impfung bietet auch über den kommenden Winter Schutz", sagt sie. Menschen, die keinen Oktoberfestbesuch planen, legt sie ebenfalls eine vierte Impfung ans Herz. "Das reicht dann aber Mitte September", so Protzer. Denn in den vergangenen beiden Jahren zogen die Infektionszahlen erst Mitte Oktober nach ihrer Sommerruhe wieder richtig an. Zur Wiesn-Vorbereitung für die Stadt gehört für Protzer somit unbedingt eines: "Dass dann auch genug Impfstoff und Impfmöglichkeiten da sind."

Zur SZ-Startseite

SZ PlusMeinungOktoberfest
:Eine Wiesn auf eigene Gefahr

Es ist an der Zeit, wieder ein Miteinander im großen Stil und in Ausgelassenheit zu zelebrieren - für diejenigen, die das möchten und das Risiko auf sich nehmen. Wie gut, dass der Münchner Oberbürgermeister dies nun ermöglicht.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB