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Wirtefamilie gibt Bräurosl-Zelt auf:Standkonzert, Wirte-Wallfahrt und Schwulen-Party

Willy Heide, 1955

Lange Familientradition: Wiesnwirt Willy Heide im Jahr 1955, umringt von den Kellnerinnen der Bräurosl.

(Foto: Otfried Schmidt/SZ-Photo)

1936 übernahm Georg Heide mit großem Tamtam das traditionsreiche Bräurosl-Zelt. Seitdem hat die Familie das Oktoberfest mit verschiedenen Neuerungen mitgeprägt.

Von Franz Kotteder

Als Georg Heide der Ältere 1936 in Begleitung eines doppelt mannsgroßen Masskrugs erstmals beim Einzug der Wiesnwirte mitmachen durfte, war alles aufs Monumentale ausgerichtet. Der Masskrug war umringt von einer Kette aus jeweils zwei Meter langen Bratwürsten, und vor seinem Zelt, der Bräurosl, standen zwei gigantische Glastürme, die nachts von innen beleuchtet werden konnten. Noch mehr als die beiden Türme strahlte Heide selbst, man kann ihn auf einem alten Foto in seiner Kutsche sehen. Der Biergartenwirt aus der Vorortgemeinde Planegg hatte erreicht, was schon damals der Traum eines jeden Münchner Gastronomen war: Festwirt eines großen Bierzelts auf der Wiesn zu werden.

Und die Bräurosl war sowieso eines der traditionsreichsten Zelte. 1901, da hieß es noch Pschorr-Bräu, stand es erstmals auf der Wiesn. Schon 1913 war es dann das größte überhaupt, mit nicht weniger als 12 000 Plätzen (das heutige Zelt hat lediglich 6400). Die Brauerstochter Rosi Pschorr gab ihm dann den heute noch gültigen Namen; angeblich ritt sie jeden Abend mit einer Mass Bier in der Hand auf einem Brauereigaul nach Hause.

Georg Heide war eigentlich nur ein paar Jahre Wiesnwirt - wegen des Zweiten Weltkriegs fiel das Fest aus oder fand danach drei Jahre lang nur als stark abgespecktes "Herbstfest" statt. 1953 reichte er den Stab an seinen Sohn Willy weiter, zog sich nach Planegg zurück und widmete sich ganz seiner Großgaststätte Heide Volm.

Willy Heide wiederum war ein Wiesnwirt par excellence, umtriebig und viel beschäftigt. 1985 wurde er als Nachfolger von Richard Süßmeier zum Wirtesprecher gewählt. Gleich zum Einstand begründete Willy Heide eine neue Wiesntradition: das gemeinsame Standkonzert aller Oktoberfestkapellen am zweiten Wiesnsonntag um elf Uhr zu Füßen der Bavaria.

Kerzenweihe für eine friedliche Wiesn in der Wallfahrtskirche Maria Eich, Planegg

Die traditionelle Kerze für eine friedliche Wiesn: Pater Matthäus Klein (re.) mit der Wirtsfamilie Heide.

(Foto: Florian Peljak)

Und noch eine weitere Tradition hat Heide ins Leben gerufen: Die Wirte-Wallfahrt mit Kerzenweihe in die Klosterkirche Maria Eich. Nach dem Wiesnattentat 1980 stiftete Heide jedes Jahr eine große Kerze, um "für eine friedliche Wiesn" zu bitten - und nicht um gutes Wetter und für einen guten Umsatz, wie viele Münchner den Wirten gerne nachsagen. Wobei sie gegen Letzteres auch nichts einzuwenden haben.

Die dritte große Wiesn-Tradition, die auf Willy Heide zurückgeht, kam 1985 völlig unbeabsichtigt zustande. Der "Münchner Löwen Club" buchte damals bei Heide am ersten Wiesnsonntag einige Tische auf der Galerie. Heide freute sich, weil er dachte, es handele sich um einen Fanclub des TSV 1860. Es war aber ein Schwulen-Verein, und seither findet der "Gay Sunday" am ersten Wiesnsonntag statt, mittlerweile in der gesamten Bräurosl.

Willy Heide übergab die Leitung des Zelts 2001 ganz an den Sohn Georg, der es mit seiner Frau Renate und Tochter Daniela führte und sich bereits auf das neue, modernere Zelt freute. Bis Corona kam.

© SZ vom 07.07.2020/kafe
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