Süddeutsche Zeitung

Ehemaliger Bräurosl-Wirt:"Manchmal habe ich noch Tage nach dem letzten Tag die Kapelle gehört"

Lesezeit: 3 min

Nach 53 Jahren hat Georg Heide mit dem Oktoberfest Schluss gemacht und die Bräurosl einem anderen überlassen. Bereut er seine Entscheidung? Eine Rückkehr mit einem ehemaligen Wirt auf das Oktoberfest.

Von Franz Kotteder

So richtig neu ist das Zelt für ihn nicht. Schließlich hat er es ja noch mitgeplant, und zwar recht detailliert. "Vom Plan her kenne ich eigentlich jeden Raum", sagt Georg Heide. "Und eine Musterbox hat die Zeltbaufirma Pletschacher auch schon mal gebaut und uns vorgeführt." Eigentlich hätten Georg Heide, seine Frau Renate und seine Tochter Daniela das neue Zelt 2020 erstmals beziehen sollen. "Ich weiß noch, dass ich zum Brauereivorstand Andreas Steinfatt so halb zur Gaudi gesagt habe: Ein neues Zelt kann eigentlich auch neue Wirtsleute vertragen", erzählt Heide und lacht. "Allerdings habe ich da eher an meine Tochter und den Schwiegersohn gedacht."

Ortstermin mit Georg Heide in der neuen Bräurosl. Die Familie Heide ist eine der ältesten Wiesn-Dynastien, der Großvater bekam 1936 erstmals die Bräurosl. Nach dem Krieg sollte es 1950, mit dem ersten richtigen Oktoberfest der Nachkriegszeit, weitergehen. Aber dann brannte kurz zuvor die Lagerhalle mit dem Zelt ab, und so waren die Heides erst 1951 wieder mit am Start. Von da an allerdings ununterbrochen. Georg unterstützte seinen Vater Willi bereits von 1967 an, da ging er noch zur Hotelfachschule in Pasing.

Im Jahr 2020 waren das stolze 53 Jahre auf der Wiesn. Und eigentlich hätte es noch eine Weile so weitergehen können. Aber dann kam Corona und die Absage der Wiesn. Der Familienrat tagte. Schweren Herzens beschlossen die Heides, sich vom Oktoberfest zurückzuziehen. Im Frühjahr 2020 gaben sie den Rückzug bekannt. Da lächelten manche noch mitleidig, weil Georg Heide damals sagte, er rechne damit, dass die Wiesn auch noch ein zweites Mal abgesagt werden könnte. Er sollte dann Recht behalten, wie man heute weiß.

Nun ist wieder ein Oktoberfest, das 187. schon, und Georg Heide steht in dem riesigen Zelt, in dem so kurz nach der Öffnung um zehn Uhr erst wenige Leute anzutreffen sind - vor allem Personal, dauernd kommt jemand vorbei, Bedienung oder Schankkellner zum Beispiel, und begrüßt erfreut den früheren Chef. "Sehr hell, sehr licht und hoch ist es geworden", sagt der über das Zelt. "Sehr schön!"

Als Wirt achte man natürlich in erster Linie darauf, dass das wichtigste Werkzeug, also das Zelt, funktional ist, dass das Personal gut arbeiten kann und in den Pausen seine Ruhe hat. Neue Personalräume gibt es jetzt oben, im ersten Stock, in den Seitenräumen der Galerie. Die Bedienungsgänge beim Musikpodium sind deutlich breiter geworden, man kommt schneller auf die andere Seite, von der Küche her, wenn man durch muss mit den schweren "Schlitten", wie die großen Tabletts mit den Speisen genannt werden.

Überhaupt, die Küche: Die ließ Heide damals, als die Planungen für den Zeltneubau seitens der Brauerei anstanden, von einem Fachbüro zusammen mit seinem Schwiegersohn entwerfen, der selbst Koch gelernt hat. Sie ist schließlich eines der Herzstücke des Zelts, sie muss funktionieren. Ebenso wie die Schänken. "Früher hatten wir zwei Schänken, die waren wirklich sehr klein, eng und dunkel", sagt Heide, "richtige Grotten waren das. Das ist jetzt viel, viel besser".

Auch dass die Ringleitung mit dem Bier jetzt vom Erdreich in den ersten Stock, entlang der umlaufenden Galerie, verlegt wurde, hat seine Vorteile. "Früher musste die vor der Inbetriebnahme ausführlich durchgespült und gereinigt werden, nach einem Jahr ungenutzt im Boden", erklärt er, "das ist jetzt natürlich viel einfacher".

"So entspannt hab' ich den ersten Wiesn-Samstag noch nie erlebt"

Oben angekommen sagt Heide: "Ich war ja anfangs nicht ganz so überzeugt von der umlaufenden Galerie und der außen auf der Südseite. Aber die ist schon schön geworden, auch wenn man direkt auf die Küche vom Löwenbrauzelt schaut." Praktisch in Zeiten von Corona: Gäste sitzen im Freien und haben doch ein Dach über dem Kopf. Und die Bedienungen wissen es zu schätzen, in den nicht reservierbaren Bereichen draußen zu arbeiten. "Da ist natürlich viel mehr Wechsel als in den Boxen drinnen - wenn einer geht, ist gleich der nächste da."

Und, kein bisschen Wehmut, dass das neue Zelt jetzt von Peter Reichert geführt wird und nicht mehr von ihm? "Überhaupt nicht", sagt Georg Heide, "mir geht es hervorragend damit!" Denn 16 Tage Wiesn, das bedeutet schließlich auch Stress rund um die Uhr. Und man hat länger was davon, selbst wenn es nur so kuriose Auswirkungen hat wie die, dass man noch Blasmusik hört, obwohl gar keine spielt: "Manchmal habe ich noch zwei, drei Tage nach dem letzten Tag, wenn ich mich daheim auf der Couch ausgeruht habe, die Kapelle gehört", sagt Heide und muss lachen.

Trotzdem ist er gerne zur Wiesn-Eröffnung ins Zelt gekommen. Die Brauerei hatte ihren langjährigen Festwirt natürlich eingeladen, und mit dem neuen Wirt versteht er sich eh prächtig: "So entspannt hab' ich den ersten Wiesn-Samstag noch nie erlebt!"

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5661022
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/van
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.