Oktoberfest:Wo ist all das Bier geblieben?

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Oktoberfest: 2018 war noch jede zweite Mass "ordnungsgemäß gefüllt", dieses Jahr waren es nur noch 14,3 Prozent.

2018 war noch jede zweite Mass "ordnungsgemäß gefüllt", dieses Jahr waren es nur noch 14,3 Prozent.

(Foto: Florian Peljak)

Um die Schankmoral war es beim diesjährigen Oktoberfest schlecht bestellt: Fast jede dritte Wiesn-Mass hatte zu wenig Bier. Wundersamerweise wurden die Besucher trotzdem voll.

Glosse von Anna Hoben

Wenn es so weitergeht, dann stehen die Münchnerinnen und Münchner in den nächsten Jahren im Bierzelt vor der großen philosophischen Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Und zwar noch bevor sie auch nur einen Schluck daraus getrunken haben. Die Schankmoral hat auf dem diesjährigen Oktoberfest nämlich drastisch nachgelassen, wie nun bekannt wurde. Die meisten der kontrollierten Masskrüge waren in diesem Jahr alles andere als voll. In Zeiten von hoher Inflation und steigenden Energiepreisen kann man dazu nur sagen: Das Maß ist voll!

825 Krüge haben die Kontrolleure des Kreisverwaltungsreferats (KVR) dieses Jahr überprüft, verteilt über alle Festzelte. Vollständig mit einem Liter Bier gefüllt waren gerade mal 14,3 Prozent davon, wie die Behörde mitteilt. Im Jahr 2019 seien noch 27,6 Prozent der kontrollierten Krügen "ordnungsgemäß gefüllt" gewesen, 2018 sogar 50,6 Prozent, mehr als jede zweite Wiesnmass. Das waren noch Zeiten.

Der wunderbare Begriff der Schankmoral geht in München einher mit dem des Unterschanks. Tritt dieser auf, ist es um die Schankmoral nicht gut bestellt. In diesem Jahr hat das KVR bei 31,2 Prozent der Krüge einen Unterschank beanstandet, bei fast jedem dritten also. Ein Großteil der Krüge mit Unterschank lag laut den Biersheriffs noch im Toleranzbereich. Trotzdem wurden die Sprecher der Wirte wegen der schlechten Werte schon während der Wiesn zum Rapport bestellt.

Vielleicht haben sie in ihren Erklärungen auch einen Exkurs zum Schaum gemacht, der ja eine ambivalente Rolle spielt. Biertrinker mögen ihn, weil er verhindert, dass CO₂ zu schnell entweichen kann, und das Getränk frisch hält. Wird dem Gast aber ein Glas voll mit Schaum hingestellt, bezahlt er für Bier, das er gar nicht bekommt. Für seine bierernsten Untersuchungen zum Zerfall des Bierschaums hat der Münchner Physiker Arnd Leike im Jahr 2002 übrigens den Ig-Nobelpreis erhalten, eine satirische Auszeichnung der Harvard-Universität. In seiner Arbeit zeigte Leike, dass die luftige weiße Krone den Gesetzen des exponentiellen Zerfalls unterliegt - analog zum radioaktiven Zerfall.

Den meisten Wiesn-Besuchern dürften die Feinheiten des Schaumzerfalls spätestens nach der zweiten Mass eher wurscht sein. Und man darf wohl davon ausgehen, dass etliche Bierzeltgäste auch in diesem Jahr am Ende des Tages ordnungsgemäß gefüllt waren. Manche drücken die Sache mit dem Unterschank auch einfach so aus: Auf dem Oktoberfest kann man wundersamerweise viel mehr trinken als sonst.

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