bedeckt München 11°

40 Jahre Oktoberfestattentat:"Die Erinnerung an dieses Attentat hat viele Jahre geschlafen"

Monika Müller-Rieger vor dem Modell der neuen Erinnerungs- und Dokumentationsstätte zum Oktoberfestattentat, die an diesem Samstag an der Theresienwiese eröffnet wurde.

(Foto: Stephan Rumpf)

234 Figuren für 234 Opfer: In München wurde die "Dokumentation Oktoberfestattentat" eröffnet. Monika Müller-Rieger erklärt, was sie sich bei deren Gestaltung gedacht hat.

Interview von Christiane Lutz

Der schwerste rechtsextreme Terrorakt in der Geschichte der Bundesrepublik jährt sich an diesem Samstag zum 40. Mal. Zu diesem Anlass wurde ein neuer Gedenkort eingeweiht, eine Dokumentation des Oktoberfestattentats, bei dem 13 Menschen getötet und viele verletzt wurden. Einen solchen Ort zu schaffen, ist eine schwierige Aufgabe. Monika Müller-Rieger hat sich ihr gestellt. Sie ist Szenografin - sozusagen eine Bühnenbildnerin für Ausstellungen und Dokumentationen. Sie leitet das Münchner Gestaltungsbüro Müller-Rieger, das nach einer Ausschreibung der Stadt den Erinnerungsort auf der Theresienwiese gestaltet hat.

SZ: Wie zufrieden sind Sie mit dem Denkmal?

Monika Müller-Rieger: Ich bin sehr zufrieden mit der Dokumentation. Wir haben sie innerhalb von fünf Monaten aufgestellt, mit einem Produzenten, der unseren Entwurf sehr gut umgesetzt hat. Da mussten auf der Theresienwiese der Boden aufgegraben und wahnsinnig viele Kabel verlegt werden, weil jede der Figuren ja leuchtet. Wir mussten auch einen Wlan-Hotspot einrichten, denn über einen QR-Code können sich die Besucher an den einzelnen Stationen einloggen und dann Texte übers Handy hören. Das haben wir gemacht, damit da nicht den ganzen Tag was vor sich hin brabbelt. Besucher können sich übrigens auch barrierefreie Angebote aufs Handy holen - den Text mit größerer Schrift lesen oder ihn sich vorlesen lassen.

Was war denn Ihr erster Gedanke, Ihre erste Idee zu der Gestaltung?

Die Idee zu der Dokumentation hatte ich, weil ich wahnsinnig überrascht war über die riesige Anzahl der Betroffenen. Es sind 234. Das ist nach wie vor das größte Attentat in der Geschichte der Bundesrepublik. Ich wusste das nicht, obwohl ich schon seit 30 Jahren in München lebe. Ich wollte diese Zahl zeigen. Die Erinnerung an dieses Attentat hat ja viele Jahre geschlafen und wurde nicht bearbeitet. Das hat mich bestätigt: Wenn wir die Zahl in den Raum bringen, bringen wir eine sehr große Überraschung mit und es wird ein Stück weit wieder gutgemacht, dass die Betroffenen so spät erst in das kollektive Gedächtnis einrücken.

Die Zahl spielt für Sie eine zentrale Rolle.

Der Generalbundesanwalt hat erst in diesem Juli die Zahl der Betroffenen nach oben korrigiert - von 224 auf 234, also zehn Betroffene mehr ermittelt, als bis dahin bekannt war. Das war für uns eine Schwierigkeit. Weil unser Entwurf so stark auf die Zahl setzt, mussten wir das unbedingt noch ändern. Dank einem sehr kompromissbereiten Partner haben wir noch zehn Figuren dazu gestellt, es sind jetzt wirklich 234. Ich bin sehr froh, dass die Zahl stimmt.

Haben Sie es denn bereut, ein Konzept zu haben, das auf dieser Zahl aufbaut?

An dem Tag ja. Was eine doofe Idee! Aber wir kennen das von jüngeren Attentaten: Die Zahl der Betroffenen spielt immer eine Rolle. Dann wiederum: Wer gehört denn dazu? Jemand der nur an der Stelle vorbeikommt? Oder die Einsatzkräfte, die sind ja auch betroffen. Ich hätte auch eine große Menge machen können, aber das hätte ich zu ungenau gefunden.

Was kann man beim Besuch der Dokumentation sehen?

Auf den 200 Quadratmetern stehen 234 Figuren aus Metall. Ich kann mir die wesentlichen Fakten zum Attentat anschauen, am Handy anhören. Es gibt fünf Themen in der Dokumentation: Was passierte? Wer war das? Wie liefen die Ermittlungen? Wie geht es den Betroffenen und welchen Stellenwert hat das Ereignis heute? Man begibt sich hinein und wird Teil der Gruppe. Jeder wird dann was anderes da erleben, das war mir wichtig. Es gibt einen gedachten Weg, aber man kann sich frei durch die Gruppe bewegen.

Sind das reale Personen, die Sie da nachgebaut haben?

Nein, wir haben niemanden abgebildet, der echt gelebt hat. Aber unsere Vorlagen waren natürlich Menschengruppen, die dort zum Zeitpunkt des Attentats unterwegs waren. Es soll die zufällige Gruppe sein, die der Anschlag getroffen hat. Das war mir ein großes Anliegen, diese Zufälligkeit mitzunehmen. Die Geschichten der Zeitzeugen sind total ergreifend: Ein Kind etwa, das eine Zuckerwatte hatte und den Stab ausgerechnet in den Papierkorb werfen wollte und deshalb da hin gegangen ist. Die Stadt hat aber viel Recherche und Vorarbeit geleistet und Inhalte und Zitate für die Dokumentation ausgewählt.

Erinnern Sie sich noch an den Tag des Attentats?

Nein, ich habe damals noch nicht in München gelebt. Im Zuge der Arbeit an dieser Dokumentation aber habe ich viele Menschen getroffen, die mir sofort erzählten, was sie an dem Tag gemacht haben.

Sie sprechen von "Dokumentation" und nicht von "Denkmal" - warum?

Es wäre ein Denkmal, wenn nichts draufstünde auf den Figuren. Aber die Aufgabe, die die Stadt im Wettbewerb stellte, war, ein Informationsangebot zu schaffen. Im Wording haben wir uns geeinigt, dass es "Dokumentation Oktoberfestattentat" heißt. Wir haben den Vertrag im Frühjahr 2020 geschlossen und hatten fünf Monate zur Umsetzung, das ist sehr sportlich gewesen. Uns hat in die Hände gespielt, dass keine Wiesn war, das muss man leider sagen. So konnten wir ungehindert arbeiten. Wir bespielen ja eine Fläche von 200 Quadratmetern, das wäre ganz aufregend geworden, da hätte ja jedes Fahrgeschäft vorbeifahren müssen.

Was soll beim Besuch dieser Dokumentation denn rüberkommen?

Ich hoffe, dass sie viele Menschen berühren wird. Anfang September gab es eine Führung mit den Betroffenen, die waren wohl sehr angetan. Das hat mich wahnsinnig gefreut. Wenn die sich jetzt wahrgenommen fühlen von der Stadtgesellschaft, was Schöneres kann ich mir für meine Arbeit nicht wünschen. Ich hoffe, dass mit der Dokumentation das Ereignis endlich den Platz in unserer Gesellschaft bekommt, der ihm zusteht.

© SZ.de/kast
Teaser Oktoberfestattentat

SZ PlusOktoberfest 1980
:Das Attentat

13 Menschen sterben, als im September 1980 eine Bombe am Eingang des Oktoberfests explodiert. Die rechte Tat wurde verharmlost, Beweise weggeschmissen, Aussagen ignoriert. Nun erinnern sich Opfer, Ermittler und Zeugen noch einmal an die Nacht, die ihr Leben veränderte.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite