Trachten-TrendsWomit man dieses Jahr auf der Wiesn gut angezogen ist

Lesezeit: 4 Min.

Designerin Nathalie Schmidt steht mit ihrem Label „Zirbenfux“ für minimalistische, puristische Tracht für Frauen.
Designerin Nathalie Schmidt steht mit ihrem Label „Zirbenfux“ für minimalistische, puristische Tracht für Frauen. Johannes Simon

Nicht einmal mehr zwei Monate bis zum Start des Oktoberfests: Zeit, sich Gedanken um die Trachten-Garderobe zu machen.

Von Johanna Feckl

Im Laden von Nathalie Schmidt, 43, schreit nichts. Keine grellen Farben, keine ausgefallenen Schnitte, kurzen Röcke oder Tüllschürzen, nicht einmal Blusen mit leichten Puffärmeln. Das Grellste bei „Zirbenfux“ in Neuhausen ist das Deckenlicht. Die Farben der Dirndl, Röcke und Blusen rundum sind ruhig und sanft, die Stoffe und Schnitte sehen gemütlich aus. Vom einengenden Dirndl, in dem sich nach fünf Minuten im Bierzelt die ersten Schweißperlen den Rücken hinab ihren Weg bahnen, kann da keine Rede sein. „Mir ist wichtig, dass sich die Frau im Dirndl wohlfühlt“, sagt Schmidt, Gründerin und Designerin des Labels.

Ist es also das, was die trendbewusste Frau dieses Jahr zur Wiesn tragen sollte: hochwertige Naturstoffe, cleane Farben, bequeme Schnitte, nur ja nichts Aufregendes und Zuschnürendes? Und was ist mit den Herren?

Auf Social Media ist unter Hashtags wie #dirndl2025, #wiesn2025 oder #trachtentrends2025 noch nicht viel zu sehen. Sind ja auch noch fast sieben Wochen hin bis zu jenem Samstag, an dem wieder morgens um neun Uhr Tausende Menschen in Tracht über die Theresienwiese laufen, um in einem der Zelte dann drei Stunden auf dem Trockenen zu sitzen, bis zum Fassanstich um zwölf Uhr – möglich, dass nach den ersten zwei, drei Mass Bier das mit dem trendigen Wiesnoutfit ohnehin nicht mehr so wichtig ist. Doch das, was auf Instagram und Tiktok zu sehen ist, spiegelt sich wider im Laden von Nathalie Schmidt: minimalistische und puristische Designs, klare und satte Farben, Knopfreihen am Mieder. Alles sehr reduziert, schlicht, einfach – weniger ist mehr.

Natalie Schmidt entwirft seit 2017 Trachtenmode für Frauen – von Beginn an in ebenjenem Stil. Alles im Sortiment wird selbst geschneidert, vieles auf Maßanfertigung, die Stoffe und andere Nähmaterialien bezieht sie aus Bayern und Österreich. Nachhaltig eben, deshalb auch die Schlichtheit bei den Röcken, Blusen, Schürzen, Miedern und Dirndln. Schmidt ist es wichtig, dass Tracht alltagstauglich ist – sie selbst trägt an diesem Vormittag zum weißen T-Shirt einen schwarzen Trachtenrock, erkennbar an den typischen Falten ringsum und dem weit ausgestellten Schnitt.

Ein gutes, schlichtes Design aus regionalen Naturmaterialien findet man auch bei Julia Leyendecker, 39. Seit sechs Jahren entwirft sie für ihr Modelabel „Heinzelstück“ am Starnberger See auch Frauentracht – vom 22. August an kommt sie mit einem Pop-up-Store für zwei Wochen nach München. Ein toller Grundschnitt kann von Frau zu Frau unterschiedlich sein, wie sie sagt. Ebenso wie die Farbe – da hilft die aktuellste Trendfarbe nichts, wenn sie einfach nicht zum Typ passt. „Für mich gibt’s nicht diese eine Farbe.“ Bei der Beratung geht sie deshalb so vor: Die Farbe des Dirndls wird auf die Augenfarbe abgestimmt, der Farbton der Schürze passend zur Haarfarbe und die Bluse in Harmonie zum Hautton. Ist ein Match gefunden, höre sie regelmäßig Sätze wie „Boah, das ist ja unglaublich, wie ich strahle“.

„Es kommt immer auf den Typ an – da muss man schauen, dass das Gesamtbild stimmig ist“, sagt Gabriele Hammerschick, Senior-Einkäuferin der Damentracht bei Lodenfrey. Zwar nennt sie Aspekte, die in diesem Jahr häufiger zu sehen sind: längere Röcke, Tüllblusen und transparente Blusen, aber auch welche aus Baumwolle, schmaler werdende Puffärmel. Doch eines scheint bei all dem zu überwiegen: Individualität. „Unsere Kundinnen wollen nicht uniformiert sein, sondern mit dem Dirndl ihre ganz eigene Strahlkraft unterstreichen.“ Für die Expertin ist die Passform der Tracht das wichtigste. „Die Tradition hat verdient, dass sie gut sitzt.“

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Auch bei den Herren kommt es vor allem auf die optimale Passform der Lederhose an. „Die Tracht verändert sich in Nuancen“, sagt Johann Maurer, Senior-Einkäufer der Herrentracht bei Lodenfrey. Doch in den Nuancen entspricht der Trend dem der Frauen: Das Qualitätsbewusstsein steigt, die Farben werden satter, die Accessoires traditioneller. So gewinnt der Hut an Beliebtheit, am meisten der grüne Hasenhaar-Hut. Außerdem wird der Janker kürzer, „damit man mehr von der Lederhose sieht“, und Stehkragen- und Schlupfhemd werden populärer. Aber als richtigen Trend will das der Trachtenexperte nicht verstanden wissen, stattdessen: „Zum Typ muss es passen.“ Das könne übrigens auch mal der Sneaker zur Lederhose sein, nur das Drumherum sollte möglichst stimmig sein, „stilvoll“ sagt Maurer dazu.

Was den Kundinnen am besten steht, ist auch die oberste Maßgabe für Carolin Engelhardt, 55, Gründerin von „Münchner Dirndl“. „Modetrends mit Glitzer-Flitzer bei einer Tracht finde ich nicht gelungen“, sagt sie. Zu ihr kommen Frauen, die das Schlichte, Naturverbundene suchen – Haken statt Reißverschluss, könnte man sagen. Engelhardt betont, Tracht habe eine lange Tradition, sie sei daher auch etwas Langlebiges. Das passe nicht zur Wegwerfgesellschaft, wie es Fast Fashion vorlebe: Ständig neue Schnitte und Designs, und die alten Teile taugen wegen ihrer schlechten Qualität nach kurzer Zeit nur noch für die Tonne. Stattdessen lieber Slow Fashion.

Bei ihrer Kollektion achtet Nathalie Schmidt auf Nachhaltigkeit – deshalb gibt es auch keine bunten, grellen Farben und Muster, die in zwei Jahren niemand mehr sehen mag.
Bei ihrer Kollektion achtet Nathalie Schmidt auf Nachhaltigkeit – deshalb gibt es auch keine bunten, grellen Farben und Muster, die in zwei Jahren niemand mehr sehen mag. Johannes Simon

So etwas hat seinen Preis – bei Zirbenfux gehen die Dirndl bei knapp 800 Euro los, die günstigste Dirndlschürze im Onlineshop bei Heinzelstück kostet 239 Euro, bei Münchner Dirndl zahlt man für ein Dirndl mit Schürze knapp 900 Euro, und bei Lodenfrey gibt es ein Dirndl mit Schürze für vergleichsweise günstige 499 Euro, dafür legt man für das teuerste im Shop 3299 Euro hin. Nicht jede Frau, die gerne in Tracht die Wiesn besuchen möchte, hat so viel Geld übrig.

„Es gibt unglaublich schöne Second-Hand-Dirndl“, sagt Julia Leyendecker von Heinzelstück. Sie empfiehlt Flohmärkte, gerade im ländlichen Raum sei da ein Dirndl schöner als das andere. Münchner-Dirndl-Kollegin Engelhardt schickt sogar Touristen, die vor ihrem Showroom bei den Preisen die Augen weiten, ein paar Häuser weiter zu einem Laden mit Tracht aus zweiter Hand. „Da bekommen sie super Qualität zu einem günstigen Preis“, sagt sie, „und nach dem Wiesnbesuch können sie das Dirndl dort wieder verkaufen.“ Etwas umständlicher, aber für die Designerin trotzdem besser als die Wegwerf-Tracht – nicht nur, weil es einem nachhaltigen Gedanken entspricht.

Woher kommt der Trend zur schlichten Tracht?

So fällt beim Scrollen durch Social Media eines auf: je günstiger die Dirndl, desto häufiger sieht man abgenudelte Karomuster in Grün und Blau, mit Schnürung am Mieder, mit oberhalb des Knies endendem Rock – mit 49,95 Euro sind Käuferinnen da dabei. Aber im Vergleich zu den trendsetzenden Dirndlgewändern mit klarer Silhouette in tiefen, satten Farben aus hochwertigen Naturmaterialien – allen voran Leinen, aber auch Baumwolle, Seide und Samt –, stechen die Frauen in den Billig-Dirndln da schon negativ hervor.

Nathalie Schmidt freut sich, dass immer mehr Frauen auf Schlichtheit, Passform und einen nachhaltigen Gedanken Wert legen – der Stamm an Kundinnen, die ihren Laden besucht, wachse stetig, wie sie sagt. Woher der Trend zum Einfachen und Reduzierten kommt? Darauf hat sie keine Antwort. Julia Leyendecker zumindest eine Vermutung: „Die Welt ist gerade sehr unruhig und chaotisch, da wollen die Leute zumindest in ihrer Kleidung Ruhe.“

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