München blamiert sich gerade als Gastgeberstadt und beschädigt dazu den Ruf als Veranstalterin von Großereignissen. Denn der Umgang mit der drohenden Massenpanik am vergangenen Samstag auf dem Oktoberfest wirkt bisher nicht nur höchst unprofessionell, sondern auch beschämend unempathisch. Dabei spielt nicht einmal eine Rolle, ob die Gefahrensituation in der Gasse zwischen den Festzelten auf eine Verkettung unglücklicher Umstände oder auf Probleme mit dem Sicherheitskonzept zurückzuführen ist.
Die Stadt lädt jedes Jahr zum größten Volksfest der Welt ein und ist zu Recht stolz darauf, den Besuchern ein einzigartiges Erlebnis zu bieten. Diese Fähigkeit fußt auf einer jahrzehntelangen Erfahrung, wie man ein solches Ereignis möglichst perfekt organisiert. Doch seit am Samstag Menschen Todesangst hatten, weil sie 30 bis 40 Minuten oder mehr in einer Menge eingekeilt waren, ohne Informationen und Aussicht, bald wieder in Ruhe atmen zu können, machen sich Zweifel breit, ob die Stadt das Oktoberfest in Extremsituationen im Griff hat.

Oktoberfest 2025:Und dann leuchten die Wunderkerzen im Zelt
Beim Finale auf dem Oktoberfest feiern die Gäste und Bedienungen. Die Wiesn 2025 war eine denkwürdige.
Beseitigen sollten diese Zweifel zwei Männer: Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) als direkt gewähltes Oberhaupt der städtischen Verwaltung und sozusagen als Chef des Wiesn-Chefs. Und Christian Scharpf (SPD) als Referent für Arbeit und Wirtschaft und damit verantwortlicher Mann für das Oktoberfest. Doch OB Reiter zog es vor, sich nicht zu äußern. Sein Wiesn-Chef Christian Scharpf gab am Sonntag noch eher verharmlosende Belanglosigkeiten von sich, am Montag verstummte auch er.
Gründe und Zeit genug hätten beide gehabt, sich gegenüber den Münchnerinnen und Münchnern und den Wiesn-Besuchern von auswärts zu erklären. Als Erstes hätten sich die beiden an die offenbar nicht so wenigen Menschen wenden können und müssen, die sie in die Stadt zum Feiern eingeladen hatten und die auf dem Oktoberfest Sorgen, Panik oder Todesangst erlebt haben. Ein paar Worte des Mitgefühls oder auch ein „Tut uns leid“ wären das Mindeste gewesen, was man von einem Gastgeber erwarten kann.
Als Zweites wäre es angebracht gewesen, die Gefahrensituation klar zu benennen und anzuerkennen, dass Besucher diese als lebensbedrohlich wahrgenommen haben. In Konsequenz wäre eine öffentliche Zusage zu erwarten gewesen, so schnell wie möglich das Sicherheitskonzept zu überarbeiten oder es künftig konsequenter anzuwenden. Schon vom kommenden Freitag an, wenn mit dem Tag der Deutschen Einheit ein langes Wiesn-Finale beginnt, muss das Risiko einer Panik so weit wie möglich reduziert werden. Man ahnt, dass es wieder sehr voll werden könnte.
Dass der Vorfall intern mit hoher Priorität analysiert und an Verbesserungen gearbeitet wird, wie am Montag abstrakt beteuert wurde, ist selbstverständlich. Dass der Oberbürgermeister und der Wiesn-Chef sich auch dazu nicht persönlich äußerten, irritiert nachhaltig. Sie hätten noch keine Ergebnisse vorweisen müssen, aber Entschlossenheit zeigen können, dass sie ähnliche Vorfälle künftig unbedingt verhindern wollen. In den kommenden Tagen und Wochen gibt es in der Oktoberfest-Stadt München viel aufzuarbeiten.


