Süddeutsche Zeitung

Nach Oktoberfest-Absage:Warum eine längere Wiesn 2021 nicht so einfach machbar ist

Kaum ist das Oktoberfest für dieses Jahr abgesagt, wünschen sich Politiker eine Verlängerung für das Spektakel 2021. Was dafür alles nötig wäre.

Die Absage des Oktoberfests ist für viele ein herber Schlag. Nicht nur Wiesnwirten und Schaustellern entgeht ihre wichtigste Einnahmequelle des Jahres. Von dem Fest profitieren auch viele Branchen in der Stadt. Jetzt überlegen einige Politiker laut, die Wiesn nächstes Jahr - sofern sie denn stattfinden kann - zu verlängern, um den wirtschaftlichen Schaden zumindest zum Teil abzumildern. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) schließt eine lange Wiesn 2021 nicht aus. Eine abgespeckte Wiesn 2020, wie sie Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger vorschlägt, stößt indes auf breite Ablehnung.

Bereits am Tag der Absage hatte der Vizepräsident des bayerischen Landtags, Karl Freller (CSU), eine lange Wiesn ins Spiel gebracht. Auch der Münchner SPD-Bundestagsabgeordnete Florian Post und die Fraktionschefin der Grünen im Rathaus, Katrin Habenschaden, sprachen sich dafür aus.

Die Idee, die Wiesn für Münchner zu verlängern, ist dabei nicht neu. Bei früheren Debatten ging es vor allem darum, den Festbetrieb um einen Tag zu erweitern, damit auch die Münchner einen entspannten Tag ohne allzu viele Touristen erleben können. Die Bedenken im Rathaus, die Anwohner würden zu sehr unter einer Wiesn in Überlänge leiden, überwogen allerdings.

Jetzt werden sich die betroffenen Bezirksausschüsse und der Stadtrat wohl erneut mit der Idee auseinandersetzen - und die Frage offen diskutieren. Sibylle Stöhr (Grüne), Stadträtin und Vorsitzende des Bezirksausschusses Schwanthalerhöhe, ist selbst Anwohnerin. Gegen eine Verlängerung des Fests an sich habe sie nichts, so Stöhr. "Doch nur unter der Bedingung, dass sich die Verkehrssituation ändert."

Denn es sind nicht unbedingt Wildbiesler und sich in Hausflure übergebende Betrunkene, die den Anwohnern schwer auf die Nerven gehen. Es sind die Menschen, die unbedingt mit dem eigenen Auto möglichst nah ans Fest heranfahren wollen und dann die Anwohnerparkplätze blockieren. Ein Strafzettel in Höhe von 15 Euro halte die Leute nicht davon ab, sagt etwa Tobias Bohlinger, der in der Anglerstraße im Westend wohnt und sich seit Längerem für ein neues Verkehrskonzept einsetzt. Die Wiesn an sich störe ihn nicht, sagt er. "Damit muss ich leben, wenn ich hierher ziehe." Doch er vermisst die Unterstützung der Stadt, was das Vorgehen gegen Falschparker angeht. Sein Vorschlag wäre ein Wiesn-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr einzuführen, "bei dem die erste Mass mit drin ist". Diesen Vorschlag äußert auch die BA-Vorsitzende Stöhr. Den Verkehr müsse man schon möglichst weit von der Wiesn fernhalten, mindestens im Umkreis von fünf Kilometern, und etwa mehr Park-and-ride-Angebote schaffen.

OB Reiter erklärt auf Nachfrage, eine Verlängerung wäre sicher für die Beschäftigten, aber auch für die Anwohnerinnen und Anwohner nur schwer zu verkraften. "Aber ich will mich der Idee gar nicht verschließen. Wir werden sehen, was es im nächsten Jahr für Möglichkeiten geben kann." Die Absage treffe alle, die auf dem Oktoberfest arbeiten und mit den Einnahmen jedes Jahr fest rechnen. Auch für die gesamte Tourismuswirtschaft, die Gastronomie außerhalb der Wiesn, die Hotels, das Taxigewerbe und viele andere, die schon jetzt schwere Zeiten durchmachen, sei das ein herber Verlust. "Natürlich werden wir mit dem Freistaat und dem Bund Gespräche führen, wie gerade auch den besonders gebeutelten Schaustellern und Kleinbetrieben geholfen werden kann."

Die Wiesnwirte geben sich angesichts der neuen Debatte zurückhaltend. Man begrüße, dass über eine Verlängerung gesprochen wird, sagt Wirtesprecher Peter Inselkammer. Mehr könne er zu diesem frühen Zeitpunkt aber noch nicht sagen. Auch die Münchner Polizei teilt mit, sie wolle noch keine Spekulationen über eine verlängerte Wiesn anstellen, die erst in mehr als 16 Monaten stattfinde und zudem noch nicht einmal beschlossen sei.

Die Bahn und die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG), die während des Oktoberfests regelmäßig den Ausnahmezustand mit Zusatzangeboten meistern, geben an, sich rechtzeitig darauf einstellen zu können. "Das kriegen wir auch eine Woche länger hin", sagt ein Bahnsprecher. "Man kann es ja planen." MVG-Sprecher Matthias Korte meint, man müsse jetzt erst mal die aktuelle Krise meisten. "Wie sich die Situation im kommenden Jahr darstellt, ist derzeit unklar, insbesondere hinsichtlich Finanzierung und Personalverfügbarkeit", sagt er. "Grundsätzlich gilt, dass wir uns auf eine längere Wiesn einstellen, wenn es dazu eine möglichst frühzeitige Entscheidung gibt. Überschneidungen mit anderen Großveranstaltungen - auch nachgeholten - müssten auf jeden Fall vermieden werden und es wäre ein zeitlicher Abstand zwischen den einzelnen Events nötig."

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SZ vom 23.04.2020/syn
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