Das Kaufmanns-Casino am Odeonsplatz wird zur Bühne für große Worte. Da ist der Lobpreis für die Straße unter dem Fenster: Salon der Stadt, Repräsentationsort, Via Triumphalis. Dann fallen Ausdrücke, die Abscheu ausdrücken vor dem, was daraus werden könnte: Buddelkiste, Schrebergarten, Flaniermeile.
Es geht um den einen Kilometer München zwischen Feldherrnhalle und Siegestor, um Odeonsplatz und Ludwigstraße. Mit Blick auf die Klimaanpassung hat der Stadtrat einen Architekturwettbewerb veranstaltet mit diesem Ziel: „Zwischen den repräsentativen, historischen Gebäuden soll ein Aufenthaltsbereich entstehen, eine Flaniermeile von höchster Qualität und Attraktivität für die Stadtgesellschaft und Gäste aus aller Welt.“ Gewonnen hat ein Büro aus Paris, es sieht Begrünung vor und einige Bäume, angeordnet in Inseln.

Robert Brannekämper, CSU-Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des Landesdenkmalrates, hat vier Monate nach Bekanntgabe des Siegers zur ersten öffentlichen Diskussion darüber geladen. Die Emotionen auf dem Podium und die Zwischenrufe aus dem Publikum zeigen: Eine Debatte außerhalb der Fachzirkel tut Not.
Es geht um die Neugestaltung eines außergewöhnlichen Stadtraums, mit der zukünftige Generationen werden leben müssen. Diese junge Generation aber ist nicht vertreten auf der Bühne, Organisator Brannekämper ist mit knapp 61 Jahren der jüngste Diskutant. Neben ihm sitzen: Winfried Nerdinger, Architekturhistoriker und Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste; Andrea Gebhard, Landschaftsarchitektin, Stadtplanerin und Vorsitzende des Preisgerichts; Matthias Pfeil, Chef des Landesamtes für Denkmalpflege; Christian Hierneis, Schwabinger Landtagsabgeordneter der Grünen und Vorsitzender des Bund Naturschutz in München.
Die Mehrheit im Saal ist klar und laut gegen Bäume, allen voran Brannekämper: Gewonnen habe der „schlechteste Entwurf“, die Pariser Landschaftsarchitekten hätten die Ludwigstraße wohl verwechselt mit einer Pappelallee in einem Neubaugebiet. „Aus der Ludwigstraße darf kein Schrebergarten werden“, die Sichtachse zum Siegestor dürfe nicht mit Bäumen „zugestellt“ werden. Das Publikum kann sich von den Ideen der Sieger kein Bild machen, weil die Leinwand hinter der Bühne weiß bleibt, es werden keine Skizzen oder Bilder gezeigt.
„Vollkommen versagt“: So urteilt der Architekturhistoriker Nerdinger über den Siegerentwurf. Er hält den Umbau für „politisch motiviert“, die Stadt habe sich obendrein den „falschen Ort“ ausgesucht. Man könnte Bäume ja auch in der Schwanthaler- oder Landwehrstraße pflanzen, aber nein, mit der Ludwigstraße wolle die Stadt offenbar ein Zeichen setzen, aber: „Das ist kein Ort für eine Flaniermeile. Hier ist von Anfang an falsch gedacht worden.“ König Ludwig I. habe vor gut 200 Jahren eine Repräsentationsachse anlegen lassen, um aus dem kleinen München etwas Großes zu machen, ohne Grün und tauglich für Militärparaden. Das siegreiche Büro habe sich offenbar nicht mit Geschichte und Nutzung des Areals beschäftigt. „Vollkommen daneben.“
Es ist die Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, die nach bisweilen polemischen Kommentaren die Diskussion immer wieder zurück aufs sachliche Gleis holt. Andrea Gebhard verteidigt den Siegerentwurf, der das Preisgericht mit großer Mehrheit überzeugt habe, und positioniert sich: Ja, Bäume finde sie wichtig, auch in der Ludwigstraße, gerade jetzt, da die Sommer immer heißer werden. Sie verweist auf den bayerischen König und seine Baumeister, die hätten im 19. Jahrhundert auch in die Zukunft gedacht. Und seither habe sich die Stadt nun mal verändert: viel mehr Menschen, viele Touristen, und viele, die sich gerne draußen aufhalten. Gebhard plädiert dafür, die Pläne aus Paris weiterzuentwickeln, und lobt die kontroverse Diskussion. „Das ist Demokratie.“
Generalkonservator Pfeil sieht sich zwischendurch genötigt, klarzustellen: Nicht Brannekämper, sondern er sei der oberste bayerische Denkmalschützer. Als solcher sei er froh über den Wettbewerb, immerhin werde damit die ursprüngliche Idee aus dem Rathaus korrigiert: eine Bus-Wendeschleife vor der Feldherrnhalle. Den Vorschlag aus Paris lehne er nicht in Gänze ab, nur die Bäume auf dem Odeonsplatz finde er falsch. Man solle sich Zeit für die Planung nehmen, denn bis die Stadt den U-Bahnhof Odeonsplatz saniere, was Anlass für die Umgestaltung der Oberfläche ist, vergingen noch viele Jahre. Als jemand im Publikum die Kosten kritisiert, entgegnet Pfeil: „Es darf nicht billig werden.“ Zu wichtig sei die Ludwigstraße.
Christian Hierneis sagt, er überlasse die Bewertung des Siegerentwurfs den Experten. Mit Bäumen und ihrer positiven Wirkung aber kenne er sich aus, und deshalb wirbt der Umweltschützer für Bäume, im Sinne der Menschen und des Denkmalschutzes. „Wir brauchen mehr Grün in der Stadt“, gerade jetzt, da ein baumloses Asphaltband sich im Sommer unerträglich aufheize. Menschen hätten nur dann was von den schönen Fassaden, wenn sie sich gerne dort aufhalten. „Denkmalschutz ist kein Selbstzweck.“ Er sieht in der Ludwigstraße, die heute ein „Auto-Prachtraum“ sei, durchaus Potenzial zum Flanieren, wobei er das Flanieren nicht allein mit Shopping verbinde.
Nach zwei Stunden deutet sich allenfalls ein sehr kleiner gemeinsamer Nenner im Kaufmanns-Casino an: Dass der aktuelle Zustand der Ludwigstraße mit den sechs Autospuren nicht optimal sei. „So wie sie jetzt ist, wollen wir sie auch nicht“, sagt Pfeil. Zwischendrin hört man selbst von den Baumgegnern die Bereitschaft heraus, ein wenig Grün zuzulassen, aber nur sehr überlegt.
Ein Architektur-Professor aus Graz formuliert aus dem Publikum heraus den vielleicht einzig großen Konsens des Abends. Klaus Loenhart äußert sich begeistert über die „Leidenschaft“ für die Ludwigstraße. Für die Münchner „Planungskultur“ wünsche er sich, dass Formate entwickelt werden, Workshops vielleicht, die all die wertvollen Kommentare zusammenführen: „Wir wollen keine Kompromisse, wir wollen das Beste für die beste Achse in dieser wunderbaren Stadt.“


