bedeckt München

SZ-Serie: Auf dem Sockel:Der ignorierte Graf

Die Tilly-Statue in der Feldherrenhalle wurde aus dem Metall eingeschmolzener Kanonen gegossen.

Die Tilly-Statue in der Feldherrenhalle wurde aus dem Metall eingeschmolzener Kanonen gegossen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Statue des Feldherrn Johann T'Serclaes von Tilly fristet ein unbeachtetes Dasein am Odeonsplatz. Sein Denkmal ist Teil der Geschichtspolitik von König Ludwig I.

Von Max Ferstl

Am Ort kann es nicht liegen, direkt am Odeonsplatz, eine der besten Adressen der Stadt. Auch Publikum wäre reichlich vorhanden. Doch das fotografiert an diesem Tag lieber die Theatinerkirche oder die steinernen Löwen am Aufgang zur Feldherrnhalle oder sich selbst. Für den Graf interessiert sich offenbar keiner. Johann T'Serclaes von Tilly steht unbeachtet da, überzogen von einer grünlichen Patina, den Blick leicht nach unten gerichtet. Aber von unten schaut niemand hoch.

Gut möglich, dass stimmt, was der Historiker Hartmut Boockmann einst vermutete: nämlich dass die meisten Denkmäler nach ihrer Enthüllung in Vergessenheit geraten - und vor allem ignoriert werden. Beim Tilly-Denkmal in München jedenfalls könnte dies mehrere Gründe haben.

Zunächst vollbrachte er seine vermeintlichen Heldentaten in einer Zeit, die vielen sehr fern erscheint: im Dreißigjährigen Krieg, 17. Jahrhundert. Tilly war ein prägender Feldherr in diesem Krieg, der als Glaubenskampf begonnen hatte. Er befehligte die Streitkräfte der katholischen Liga und, ab 1630, auch die der kaiserlichen Armee. Sein Name wird aber vor allem mit einem Ereignis in Verbindung gebracht: der sogenannten Magdeburger Hochzeit.

Am 20. Mai 1631 griff Tilly die protestantische Stadt an. Dabei brachen mehrere Feuer aus, mindestens 20 000 Menschen starben. Die Zerstörung Magdeburgs wurde "zum Inbegriff der Schrecken des Dreißigjährigen Krieges", schreibt der Historiker Marcus Junkelmann. Hatte Tilly das Massaker geplant? Wollte er ein Blutbad? Das jedenfalls werfen ihm noch immer viele vor. Junkelmann glaubt hingegen nicht an Absicht. Nur zögernd habe Tilly den Angriffsbefehl gegeben. Zudem habe eine zerstörte Stadt keinen strategischen Wert gehabt. Trotzdem liegt ein Schatten auf dem Feldherrn Tilly. 20 000 Menschen.

Warum bekommt so einer in München ein Denkmal, und dann auch noch ein so prominentes? König Ludwig I. wünschte sich die Statue für die Feldherrnhalle, 1844 wurde alles fertig. Ludwig betrieb damit Geschichtspolitik. Bayern steckte im Umbruch, wurde moderner, die Säkularisation war noch recht frisch. Der König wollte jenes alte Bayern mit dem neuen Bayern verbinden, eine gemeinsame Identität stiften. Und Tilly, der treue Kämpfer für die katholische Sache, passte da gut ins Konzept.

Den Münchnern allerdings ist Tilly eher fremd geblieben. Dasselbe gilt für Carl Philipp Joseph von Wrede, dem das zweite Denkmal in der Feldherrnhalle gewidmet ist. "Der eine war kein Bayer und der andere kein Feldherr", lautet ein gängiges Bonmot, frei zitiert nach Lion Feuchtwanger. Tilly war jedenfalls definitiv kein Bayer: Geboren wurde er im Herzogtum Brabant im heutigen Belgien. Gestorben ist er - immerhin - in Ingolstadt. Zuvor hatte ihm im April 1632 eine Kugel den rechten Oberschenkel zerschmettert.

Die blutige Eroberung Magdeburgs hatte Tilly nichts gebracht. Wenige Monate später unterlagen die Katholiken unter seinem Befehl bei Breitenfeld nördlich von Leipzig dem schwedisch-sächsischen Heer der Protestanten. Es war die größte Schlacht des Krieges, Tilly verlor sie.

Der Bronze-Tilly in der Feldherrnhalle wurde von Ferdinand von Miller nach einem Entwurf von Ludwig Schwanthaler aus dem Metall eingeschmolzener Kanonen gegossen. Der Glanz ist schon lange verschwunden.

© SZ vom 21.08.2020/wean
Sondersitzung Corona-Testpanne

Corona-Krise in Bayern
:Huml bekommt Verstärkung - oder sind es Aufpasser?

Letzteres mutmaßt die Opposition im bayerischen Landtag. Und auch wenn die CSU das nicht zugibt, sprechen mehrere Indizien für diese These. Feststeht: Ministerpräsident Söder hat sein Kabinett wegen der Corona-Krise umgebaut.

Von Andreas Glas und Christian Sebald

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite