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Obersendling/Solln:Zähes Ringen um die Frischluftschneise

Weckt Begehrlichkeiten: das Areal neben dem Siemens-Sportpark.

(Foto: Robert Haas)

Die Stadträte von FDP und Bayernpartei sowie eine Bürgerinitiative sehen das Stadtklima wegen Nachverdichtungsplänen in Gefahr. Der örtliche Bezirksausschuss fordert die Ausweisung der Freiflächen beim Siemens-Sportpark als Landschaftsschutzgebiet

Von Jürgen Wolfram, Obersendling/Solln

Wollte man eines der größten Reizthemen im Münchner Süden geografisch darstellen, es kämen vermutlich die Freiflächen südlich und östlich des Siemens-Sportparks dabei heraus. Heiß umkämpft sind diese Wiesen und landwirtschaftlichen Areale. Lokalpolitiker fordern kategorisch ihre Ausweisung als Landschaftsschutzgebiet, eine Bürgerinitiative beschwört die Bedeutung als Frischluftschneisen. Als bei einer Bürgerversammlung Überlegungen der Stadtratsfraktionen von CSU und SPD ruchbar wurden, ausgerechnet dort "Wohnungsbaupotentiale" zu heben und die Nachverdichtung voranzutreiben, hagelte es Proteste. Inzwischen haben andere nachgelegt.

Zuletzt meldete sich die Stadtratsfraktion der FDP/Bayernpartei in der heiklen Angelegenheit zu Wort. Deren Vertreter beantragten bei Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) ein "vertiefendes stadtklimatisches Gutachten für den Norden des Stadtteils Solln". Die Expertise soll "die Wertigkeit und Bedeutung der Freiflächen südlich des Siemens-Sportparks bis zur Isar" für die Frischluftversorgung von Solln, Sendling sowie der Münchner Innenstadt aufzeigen. Und selbstverständlich soll das Ergebnis der Untersuchung bei künftigen Planungen in dem betreffenden Gebiet Berücksichtigung finden. Zur Begründung ihres Vorstoßes führen FDP und Bayernpartei an, dass die Wärmebelastung in der Stadt durch den Klimawandel zunehme. Wegen der steigenden Temperaturen sei eine Großstadt wie München "auf Frischluftzufuhr angewiesen". Ausdrücklich wird die Stadt an ihre eigene Zielsetzung erinnert, "dem Klimawandel auch auf der planerischen Ebene zu begegnen".

Zuvor schon hatte die Obersendlinger Stadtteilinitiative "Ü 60 aktiv" in einem Schreiben an das Referat für Gesundheit und Umwelt die Bedeutung des "Erhalts der Funktionsfähigkeit der Luftaustauschbahnen und Grünflächen im Hinblick auf das aktuelle starke städtische Wachstum" betont. "Wir machen uns nicht nur um die Umwelt, den Klimaschutz und unsere Lebensqualität, sondern schlichtweg um unsere Gesundheit Sorgen", erklärten die Sprecher der Initiative, Wilfried Buchsteiner und Lotte Sölch. Wenn jetzt statt des "jahrelang versprochenen Landschaftsschutzgebiets zwischen Solln und Obersendling" baulich extrem nachverdichtet werde, hätte man in der Gegend um den Siemens-Sportpark und die Siedlung "Südseite" weitaus schlimmere Verhältnisse als beispielsweise in der Messestadt Riem.

Die "Ü 60 aktiv"-Vertreter erinnern an einen Stadtratsbeschluss vom Juli 1993, die Freiflächen südlich der Siemensallee und des Sportparks "als Ergänzung des bestehenden Landschaftsschutzgebiets" zu behandeln. Es bleibe ein "gut gehütetes Geheimnis", warum die damalige Entscheidung des Stadtrats 27 Jahre lang nicht umgesetzt wurde, schreibt die Initiative ans Gesundheitsreferat. Dabei sei "nicht auszudenken", was passiere, wenn "die letzte Ost-West-Schneise zubetoniert und querverriegelt" werde. Obersendling, einer der heute schon am stärksten nachverdichteten Stadtteile, dürfte sich in einen "dunkelroten Hotspot mit hoher bioklimatischer Belastung" verwandeln, mutmaßen Buchsteiner und Sölch. Tropisch warme Nächte stünden bevor, die Erholungsmangel, Stress und Kreislaufprobleme auslösen könnten und besonders Älteren und Kranken lebensbedrohlich zusetzten.

Pikantes Detail im Zusammenhang mit dem Konflikt um die Freiflächen zwischen Solln und Obersendling: Vor ein paar Jahren hatte der Isartalverein auf einer Mitgliederversammlung die Chefin des Referats für Stadtplanung und Bauordnung, Elisabeth Merk, noch ausdrücklich dafür gelobt, dass sie die Frischluftschneise zwischen Siemens-Sportpark und Isar tapfer gegen alle Baubegehrlichkeiten verteidige. Ob sich das bis in die Ratsfraktionen von SPD und CSU herumgesprochen hat, ist nicht bekannt.

© SZ vom 26.11.2020/van
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