Kälteschutz:Ihr müsst leider draußen bleiben

Kälteschutz: Obdachlose fordern Rederecht im Rathaus, doch das Thema wird vertagt.

Obdachlose fordern Rederecht im Rathaus, doch das Thema wird vertagt.

(Foto: Catherina Hess)

Die Stadt will tagsüber keine Obdachlosen mehr in der Bayernkaserne aufnehmen. Die Münchner Initiative Zivilcourage befürchtet, dass das den Kampf gegen die Pandemie erschweren könnte.

Von Thomas Anlauf

Die Corona-Zahlen steigen stark an, auf der Straße sinken dafür die Temperaturen. Nun will die Stadt Obdachlose wieder tagsüber aus dem Kälte- und Übernachtungsschutz schicken. Dabei gibt es die Möglichkeit für einen ganztägigen Aufenthalt der Menschen im Haus 12 der Bayernkaserne erst seit Ende März dieses Jahres. Damals wurde der Übernachtungsschutz im Rahmen der Maßnahmen gegen die Corona-Krise auf Ganztagesbetrieb umgestellt. Doch dieser soll nun am 31. Oktober schon wieder beendet werden. Dagegen regt sich Widerstand bei den Betroffenen und der Münchner Initiative Zivilcourage.

"Eine Beendigung des Tagesaufenthalts würde Menschen nicht nur im Winter auf die Straße setzen, sondern auch den Kampf gegen die Pandemie erschweren", heißt es in einer Erklärung der Initiative Zivilcourage, die sich vor allem für die Rechte von Wohnungslosen in München stark macht. Es sei zu befürchten, dass die von der beabsichtigten Schließung des Übernachtungsschutzes betroffenen Menschen tagsüber all ihre Sachen mitnehmen müssten, und sie sich so keine Arbeit suchen könnten. Gerade für Obdachlose, die nachts arbeiten müssen, gebe es somit keine Chance mehr, sich tagsüber zu erholen, schreibt die Initiative.

Das Sozialreferat, das sich gegen eine Verlängerung des Ganztagsangebots für Obdachlose ausspricht, nennt unter anderem Kostengründe als Argument. So gebe es seit Jahren Hilfsangebote verschiedener Träger für die Betroffenen, etwa die Beratungsstelle "Destouche 89", das Infozentrum Migration und Arbeit mit Beratungscafé sowie das Projekt "Bildung statt Betteln". Auch die Bahnhofsmission, das Haneberghaus von St. Bonifaz, die Tagestreffs der Teestube "komm", "otto & rosi" sowie das Begegnungszentrum D3 an der Dachauer Straße. Die Tagesangebote, die vom Sozialreferat mit etwa fünf Millionen Euro insgesamt gefördert werden, würden demnach eine Art Doppelstruktur zum Übernachtungsschutz der Bayernkaserne an der Heidemannstraße darstellen.

Die ganztägige Öffnung des Gebäudes für Obdachlose kostet nach Angaben des Sozialreferats monatlich etwa 180 000 Euro. Die hohen Kosten entstehen offenbar auch dadurch, dass nun auf jedem Stockwerk jeweils zwei Sicherheitsleute stationiert sein sollen, die beim einfachen Übernachtungsschutz tagsüber nicht nötig waren. Nach Auskunft des Trägers der Einrichtung, dem Evangelischen Hilfswerk, habe die Gewaltbereitschaft in der Unterkunft zugenommen, was einen stärkeren Einsatz des Sicherheitsdienstes erforderlich mache, heißt es in einer Beschlussvorlage des Sozialreferats. Bei einigen Nutzern des städtischen Angebots sei zudem die Motivation gesunken, durch einen ganztägigen Aufenthalt sich nach einer Arbeitsmöglichkeit umzusehen oder soziale Beratungen anzunehmen, was laut Sozialreferat "dem eigentlichen Unterstützungsgedanken des Münchner Systems an Tagesaufenthalten zuwider läuft".

Trotz der geplanten Kürzung des Angebots soll es in der Bayernkaserne dennoch weiterhin verschiedene Angebote geben. Die Küche im Haus 22 für die Nutzer des Übernachtungsschutzes soll weiter geöffnet bleiben, sodass die Bewohner abends kochen können. Betten werden nun für mindestens eine Woche fest vergeben. So ist sichergestellt, dass die Übernachtenden nicht ständig mit wechselnden Zimmergenossen schlafen müssen. Zudem ist angedacht, die Notunterkunft in den Wintermonaten bereits um 16 Uhr anstatt wie bisher erst um 17 Uhr zu öffnen. Obdachlose Familien seien nicht von einer Rückkehr in den reinen Übernachtungsschutz betroffen, wie es noch in der Vergangenheit teilweise der Fall war. Sie werden, wo möglich, im regulären Wohnungslosensystem untergebracht.

Die Vollversammlung des Stadtrats wird nun am kommenden Mittwoch entscheiden, ob die Obdachlosen künftig wieder tagsüber die Bayernkaserne verlassen müssen. Bereits am vergangenen Donnerstag hatten mehrere Betroffene mit Pappschildern vor dem Sitzungssaal im Alten Rathaus protestiert und forderten Rederecht. Doch der Sozialausschuss vertagte den Punkt, weil die Stadträte erst kurz zuvor die Beschlussvorlage erhalten hatten und sich somit nicht ausreichend einarbeiten konnten.

Zur SZ-Startseite
Mit Stein beschwerter, verwitterter Zettel mit Aufschrift ich bin obdachlos, bitte um 10 Cent an der Schlafstätte eines

Corona-Krise
:Die Angst vor der Obdachlosigkeit wächst

Immer mehr Menschen droht in München die Wohnungslosigkeit. Wohlfahrtsverbände schlagen deshalb Alarm - und wollen die Stadt in die Pflicht nehmen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB