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SZ-Adventskalender:Raus aus der Obdachlosigkeit

Harald Gruber, ein Protagonist unseres Adventskalenders, hat eine Wohnung von Vermieterin Silvia Oberman in der Brecherspitzstraße 6a bekommen.

Silvia Oberman hat das Schicksal von Harald Gruber so bewegt, dass sie ihm nun ein kleines Apartment vermietet.

(Foto: Florian Peljak)

Wegen eines rücksichtslosen Investors verlor Harald Gruber erst seine wirtschaftliche Existenz, dann seine Wohnung. Dreieinhalb Jahre war der gelernte Koch obdachlos - bis ihm eine Münchnerin half.

Es sind nur 25 Quadratmeter, aber für Harald Gruber bedeuten diese 25 Quadratmeter die Welt. Er kann nun endlich wieder in Ruhe schlafen. Er kann in den Keller gehen, Wäsche waschen und sie danach in den Trockner geben. Er kann sich abends auf seinen zwei Herdplatten etwas kochen. Wenn er Lust hat - sonst eben nicht. Vor allem kann er, wenn er unterwegs war, zurückkommen und die Tür seines neuen Zuhauses hinter sich zuziehen. Das alles ist Luxus für ihn. Dreieinhalb Jahre war Harald Gruber wohnungslos, schlief mal bei seiner Mutter, mal bei seiner Freundin und mal draußen an der Isar. Seit einem Monat hat er wieder eine Wohnung. "Ich bin total happy", sagt Gruber.

Dass es so gekommen ist, hat mit dem Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung zu tun. Vor allem aber hat es mit Silvia Oberman zu tun. Die Unternehmerin, die in München eine Praxis für Permanent Make-up und medizinische Kosmetik betreibt, las im Dezember den Artikel über Harald Gruber und das, was ihm zugestoßen ist. Wie er durch einen rücksichtslosen Investor - denselben, der später durch den skrupellosen Abriss des denkmalgeschützten Giesinger Uhrmacherhäusl schlagartig bekannt wurde - sein Imbissrestaurant verlor und sehr viel Geld, das er hineingesteckt hatte. Wie er daraufhin seine Miete nicht mehr bezahlen konnte und seine Wohnung verlor. Wie er seitdem versucht, wieder auf die Beine zu kommen. Und wie schwer das ist.

"Ich habe das gelesen", sagt Silvia Oberman, "und mein erster Gedanke war, du hast doch eine Wohnung." Ein kleines Apartment in Obergiesing, das sie einst gekauft und möbliert hatte, als ihr Mann schwer krank war. Der polnische Pfleger sollte darin wohnen. Dann starb ihr Mann, nur ein halbes Jahr später. Sieben Jahre ist das her. Seitdem hatte Silvia Oberman das Apartment an Firmen vermietet, die darin Mitarbeiter unterbrachten, wenn sie eine Zeit lang in München waren. Nun stand es leer.

Du hast doch eine Wohnung, dachte sie also, im nächsten Moment zweifelte sie schon wieder an ihrer Idee. Aber der Gedanke ließ sie nicht los. Sie nahm den Artikel mit ins Büro, eine Woche lang lag er auf ihrem Schreibtisch. Sie schrieb eine Mail an die Süddeutsche Zeitung, und dann ging alles ganz schnell. Die beiden trafen sich zur Besichtigung in der Wohnung, sie fanden einander sofort sympathisch. Mittlerweile grüßen sie sich per Umarmung.

Was die Wohnung angeht - Harald Gruber hätte jede genommen. Als er das zu ihr sagte, sei ihr zum ersten Mal die Tragweite seiner Situation bewusst geworden, sagt Silvia Oberman. Wie muss sich jemand fühlen, für den es erst einmal nur darum geht, ein Dach über dem Kopf zu haben? Wie ist das, wenn man dringend eine Sozialwohnung sucht, aber man ist nur einer von 13 000 Haushalten, deren Anträge mit höchster Dringlichkeit im Wohnungsamt liegen - während die Stadt gerade mal 3 000 Wohnungen im Jahr vergeben kann? Würde sie ihm helfen können, aus dem Teufelskreis herauszukommen, der heißt: keine Wohnung, kein Job?

"Menschen in seiner Situation wird zu wenig geholfen", sagt sie. Von da an war ihr klar: Sie macht das jetzt einfach: "Ich bedanke mich damit für mein eigenes Leben, das eigentlich gut läuft." Auch die Ämter spielten mit; die Miete, die sie nun bekommt, liegt deutlich unter dem Preis, den sie früher von den Firmen bekommen hat.

Da war nur noch die Sache mit dem Hund namens Ketchup. Der begleitet Harald Gruber seit vier Jahren, ist mittlerweile ziemlich groß und ein Grund dafür, dass er als Wohnungsloser nicht im Männerwohnheim nächtigen konnte. Ein Leben ohne Ketchup ist für Gruber nicht mehr vorstellbar, vor allem nicht seit ihrem gemeinsamen Abenteuer im Jahr 2017: Damals suchte er, arbeitslos und wohnungslos, eine Herausforderung - in München kam ihm alles so sinnlos vor. Er fuhr also mit dem Fahrrad nach Sardinien, Ketchup lief nebenher. Rucksack, Isomatte und ein kleines Zelt, mehr Gepäck hatte er nicht dabei. Auch in der Ketchup-Sache sagte Silvia Oberman schnell: kein Problem. Sie hat schließlich nichts gegen Hunde.

Der Mietvertrag ist zunächst auf ein Jahr befristet, aber Harald Gruber soll bleiben können, "so lange es eben sein muss", sagt die Vermieterin, so lange er die Wohnung braucht. Sie sitzt nun dort auf dem Sofa, Harald Gruber auf einem Hocker gegenüber, und sie sagt: "Ich freue mich, dass er sich freut."

Die Resonanz auf den Adventskalender-Artikel über seine Geschichte ist enorm gewesen. Es ist ihm wichtig, dass sie alle genannt werden: der Fußballverein ESV München, dessen A-Junioren er einst trainiert hat. Sie haben Geld gesammelt und haben ihm Fotos geschickt von ihrer Mannschaft: damals, als Achtjährige, so wie er sie kannte, und heute, als junge Erwachsene mit 18 Jahren. "Wir würden uns sehr freuen, wenn du mal bei einem unserer Spiele vorbeischauen würdest", schrieben sie in ihrer Karte. "Wir spielen alle zwei Wochen am Samstag um 15.30 Uhr auf dem Kunstrasen."

Harald Gruber ist ein Bär von Mann, er wirkt nicht wie jemand, der sich leicht aus der Fassung bringen lässt. Aber die Karte mit all den Unterschriften seiner ehemaligen Fußballjungs hat ihn überwältigt. "Als das kam, hab' ich geweint", sagt er. Vor Rührung, aber auch, weil er daran dachte, wie gut es ihm früher gegangen war: "Ich hatte drei eigene Läden und 17 Mitarbeiter." In dem Moment habe er gemerkt, wie tief das Loch ist, in das er gefallen war. "Ich krieg' Gänsehaut", sagt Silvia Oberman, als er ihr die Geschichte erzählt. Und dann waren da noch die Nachbarn aus der Fraunhoferstraße. Sie starteten eine Extra-Sammlung, das Resultat übergaben sie ihm persönlich.

Nach der Berichterstattung über einen obdachlosen Mann meldeten sich viele Menschen in der Redaktion, die helfen wollten.

(Foto: Alessandra Schellnegger/Bearbeitung: SZ)

Er hat sich nun endlich neue Schuhe gekauft und einen Kapuzenpulli. Außerdem ein paar Utensilien für seine neue Küche. Die große Hilfsbereitschaft hat zwiespältige Gefühle in ihm hervorgerufen. Sie habe ihn ein wenig beschämt, sagt Gruber - "ich habe ja nichts dafür getan, diese Wohnung zu kriegen". Auf der anderen Seite hat sie ihm neue Hoffnung gegeben und Auftrieb. Das kann er dringend gebrauchen, denn mit 52, sagt er, werde sein Leben nicht mehr so viele Chancen hergeben. Früher habe er so gelebt: hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitermachen. "Jetzt muss ich mich jeden Tag neu motivieren."

An die Zeit in der Fraunhoferstraße wird Harald Gruber immer dann erinnert, wenn er das Tattoo auf seiner Hand anschaut. Es zeigt das Logo seines ehemaligen Imbissrestaurants, des "Wicked Flavor". Es wird wohl seine letzte gastronomische Unternehmung gewesen sein. Mit sieben oder acht Jahren war er mal aus der Schule gekommen, hatte bei seiner Oma, bei der er damals aufwuchs, Reis gekocht und gesagt: "Ich will Koch werden." Irgendwie war von da an klar gewesen, dass es so kommen würde. Er war den Berufswunsch nicht mehr losgeworden, auch wenn er heute sagt: "Eigentlich hätte ich gerne was mit Autos gemacht." Kfz-Mechatroniker zum Beispiel.

Nach der Schule begann er die Kochlehre, war nach einem Jahr nah am Aufgeben, blieb aber dabei. Er arbeitete im Restaurant im Olympiaturm und im Biermuseum, und nach der Lehre ging er eine Zeit lang zur Bundeswehr. Später arbeitete er in verschiedenen Küchen, oft sieben Tage in der Woche, zwölf Stunden am Tag. Immer in hohen Positionen, als Souschef oder Küchenchef, zuletzt im Bachmaier oder im Andechser. "Da gehen an einem Samstag schon mal 1600 Essen raus." Dazwischen die Arbeit als Koch auf dem Oktoberfest und Zeiten der Selbstständigkeit, immer neue Ideen, neue Experimente.

Heute macht ihm Kochen immer noch Spaß, "es entspannt mich". In einer großen Küche zu arbeiten, kann er sich aber nicht mehr vorstellen - höchstens in der Organisation. Er hat jetzt eine neue Geschäftsidee: Gastronomie-Beratung im Internet, daran tüftelt er gerade. Er hat wieder die Ruhe dazu, weil er ein Zuhause ein. Jeden Tag geht er mit seinem Hund Ketchup raus, eine Runde um den Ostfriedhof laufen, oft auch mehr, neun oder zehn Kilometer. Er kommt dann zurück, in seine eigene Wohnung, und macht die Tür zu. "Das ist einfach endcool." Harald Gruber hat eine harte Zeit hinter sich. "Aber 2020", sagt er, "da hab' ich ein gutes Gefühl."

© SZ vom 20.02.2020/kaal
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