Eigentlich sieht das kleine, weiße Kästchen aus wie eine mobile Spielkonsole: ein paar Bedienknöpfe und ein Bildschirm. Doch das Kästchen ist keine Spielerei. Das KI-gestützte Curevision-System hilft Ärzten und medizinischem Personal, Wunden zu analysieren, zu erkennen, in welchem Stadium sie sind, und sie digital zu dokumentieren.
Dieses System kann nun auch die Wundambulanz in der Praxis des Obdachlosenvereins St. Bonifaz nutzen. Das hat die Dr.-Viktor-Freiherr-von-Fuchs-Stiftung ermöglicht, die unter anderem Pflegeeinrichtungen fördert. „Das ist eine wichtige Ergänzung für die tägliche Arbeit hier“, freut sich Oliver Gunia. Und eine Hilfe für die Menschen, die nicht überall medizinisch behandelt würden, sagt er, aber dringend eine kontinuierliche Versorgung bräuchten.
Wenn jemand weiß, was es bedeutet, sich medizinisch um Menschen zu kümmern, die auf der Straße leben und Hilfe benötigen, dann er. Der 57-Jährige ist Fachtherapeut für chronische Wunden. Seit neun Jahren arbeitet er in der Arztpraxis an der Karlstraße, die es seit 2001 gibt.

1100 Patienten versorgt die Praxis im Jahr. Das sind laut Emmanuel Rotter, der die Obdachlosenhilfe in St. Bonifaz vor vielen Jahren gegründet hat, jährlich etwa 5000 Behandlungen.
Die Patienten, die in die Praxis kommen, sind zu 60 Prozent nicht versichert. Die medizinische Versorgung steht für sie meistens auch nicht an erster Stelle. „Denn die Menschen, die lange Zeit auf der Straße leben, haben einen anderen Fokus. Sie sorgen sich in erster Linie darum, wo sie schlafen, wo sie etwas zu essen bekommen und wo sie sich waschen können“, sagt Gunia. Zudem würden sich die Menschen, je länger sie obdachlos sind, immer schlechter selbst wahrnehmen. Dass sie nicht gut riechen, ihre Kleidung dreckig ist und ihre Wunden nicht versorgt sind. „Die Selbstfürsorge obdachloser Menschen geht im Laufe der Zeit sehr verloren“, erklärt der Fachtherapeut.
Viele Verletzungen stammen vom harten Leben auf der Straße. Wie Wunden an den Füßen: 20 Kilometer läuft ein Mensch ohne Zuhause im Durchschnitt täglich durch die Stadt, bis seine Selbstversorgung gesichert ist. Das Schuhwerk ist schlecht, die Füße reiben sich auf, die Fersen sind rissig. Oft reiche ein Fußpilz, der könne sich infizieren und im schlimmsten Fall zu einer Sepsis werden, erzählt Gunia. Der Wundspezialist behandelt – meist nach einem Fußbad – eingewachsene Nägel, Hauterkrankungen wie bakterielle Infektionen, Krätze und „offene Beine“. Nach der Behandlung gibt es neue Socken und Schuhe, auch sie helfen bei der Heilung.
Wird eine Wunde mit der Kamera des neuen Systems aufgenommen, hat das für die Behandlung viele Vorteile. Die Stelle wird mithilfe von mehreren Sensoren vermessen, millimetergenau werden Länge, Breite, Fläche und Tiefe erfasst. Auch hilft eine Gewebeanalyse, die verschiedenen Gewebearten im Wundbett zu definieren. Der Bakterienscanner arbeitet mit Blaulicht, die Bakterien fluoreszieren darunter. Man sieht, wo sie am dichtesten sind.
Danach können Ärzte und Pflegende die Wundversorgung genau ausrichten. „Das Gerät ist eine wichtige Ergänzung, aber kein Werkzeug, das den Menschen ersetzt“, sagt Oliver Gunia.

Medizintechnik-Ingenieur Johannes Ruopp, 27, wollte zusammen mit seinen Mitgründern des Münchner Start-ups Curevison eine bessere Wundversorgung ermöglichen. Immer noch würden entschieden zu viele Menschen mit chronischen Wunden schlecht versorgt, sagt er. Aus einer Idee im Studium wurde Wirklichkeit, 2023 war das erste System fertig. Dieses werde nun ständig erweitert. So soll laut Ruopp das nächste Gerät etwa die Sauerstoffsättigung der Wunde messen können.
Wichtig ist Gunia für den Therapieverlauf allerdings die Dokumentation. „Wenn wir den Patienten zeigen können, dass die Wunden kleiner werden, die Therapie anschlägt, kommen sie wieder und können weiter versorgt werden.“
Tatsächlich wurde der Scanner in der Wundambulanz von St. Bonifaz schon getestet. Die Patienten hätten das Gerät sehr gut angenommen. „Sie haben sich wertgeschätzt gefühlt, dass so etwas auch bei ihnen angewendet wird“, sagt Gunia. Einige hätten sogar gefragt, wann sie „ihre Bakterien“ wieder sehen könnten.
Wertschätzung ist ein wichtiges Wort in der Wundambulanz von St. Bonifaz. Sie hilft Vertrauen aufzubauen und den Leitspruch von Frater Emmanuel Rotter umzusetzen: „Vertrauen schaffen statt Misstrauen.“ Das geht nur mit niederschwelligen Angeboten, mit Geduld und viel Zeit – und einem geschützten Raum, in dem sich obdachlose Menschen sicher fühlen. Die Wundambulanz ist wohl so ein Ort.

