Wohnungslose Zuwanderer in München:"Es gibt in diesem System Verlierer, auf die niemand achtet"

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Wohnungslose Zuwanderer in München: Andreea Garlonta vor der Migrations- und Wohnungslosenberatung "Schiller 25".

Andreea Garlonta vor der Migrations- und Wohnungslosenberatung "Schiller 25".

(Foto: Florian Peljak)

Wer auf dem Münchner Wohnungsmarkt kein Deutsch spricht, hat kaum eine Chance, sagt Andreea Garlonta von der Migrationsberatung "Schiller 25". Sie verschafft Zuwanderern in Not einen Schlafplatz - und kämpft mit ihnen gegen Ausbeutung.

Interview von Marija Barišić

Viele Menschen kommen aus dem EU-Ausland nach München in der Hoffnung auf Arbeit. Diese finden sie, allerdings eine schlecht bezahlte. Eine Wohnung dagegen finden nur die wenigsten. Andreea Garlonta, Leiterin der Migrationsberatung "Schiller 25", kämpft gegen diese Missstände an - auch vor Gericht.

SZ: Seit sieben Jahren beraten Sie wohnungslose Personen in München, die aus dem Ausland zugewandert sind. Viele dieser Menschen arbeiten hier, haben aber trotzdem keinen Schlafplatz. Wie kann das sein?

Andreea Garlonta: Die meisten Menschen, die zu uns in die Beratung kommen, sind ursprünglich aus Rumänien oder Bulgarien. Es sind Menschen, die wenig bis gar nicht ausgebildet sind. Sie kommen mit der Hoffnung hierher, dass sie mit harter Arbeit viel Geld in Deutschland verdienen können - also viel im Gegensatz zu den Gehältern in ihrer Heimat.

Meist finden sie in München tatsächlich einen Job im Niedriglohnsektor, am Bau, als Putzkraft oder als Essens- und Paketzusteller. Dann kommen sie zu uns in die Beratung, weil sie auf der Suche nach einer Wohnung sind. Wir müssen sie aber enttäuschen. Aus Erfahrung wissen wir: In den nächsten fünf Jahren werden diese Menschen hier ziemlich sicher keine eigene Wohnung finden.

Warum nicht?

Eine große Hürde sind die mangelnden Sprachkenntnisse. Wer kein Deutsch spricht, hat fast keine Chance auf dem Münchner Wohnungsmarkt, auf dem man schon fast Bewerbungsverfahren durchlaufen muss. Alle zehn Minuten stellt sich eine andere Person in einem Besichtigungstermin vor. Unser Klient hat da keine Chance, weil mindestens ein Deutscher unter den anderen Bewerbern sein wird. Und die Vermieter entscheiden sich fast immer für den Deutschen, das sagt unsere Erfahrung. Wenn Sie mich fragen aber nicht nur wegen der Herkunft - das ist nicht das größte Problem.

Sondern?

Die meisten unserer Klienten haben befristete Arbeitsverträge. Allein deswegen misstrauen ihnen Vermieter. Sie fragen sich: Kann dieser bulgarische Mann auch in zwei Monaten noch die Miete zahlen? Die schlechten Beschäftigungsverhältnisse sind die größte Hürde bei der Suche nach einer Wohnung.

Weshalb ist es so schwer für diese Menschen, ordentlich beschäftigt zu werden?

Seit vielen Jahren beobachte ich eine gefährliche Entwicklung auf dem europäischen Arbeitsmarkt. Es gibt unzählige Subunternehmen, kleine Personalvermittlungsfirmen, die billige Arbeitskräfte aus dem Ausland nach Deutschland holen, um sie an größere Firmen weiterzuvermitteln. Das können Putzkräfte für Hotels sein oder Arbeitskräfte für Bauunternehmen. Für die größeren Firmen ist das super: Sie müssen sich nicht um die Bürokratie kümmern, müssen keine Verträge aufsetzen und sind auch nicht für die Bezahlung zuständig. Das erledigen alles die Subunternehmen für sie.

Hört sich jetzt erstmal gar nicht so schlimm an.

Ja, aber es passiert dann sehr oft etwas, das ich absolut nicht verstehen kann: Die Menschen kommen hierher und müssen unglaublich viel mehr arbeiten als angekündigt. Sie machen Überstunden, die aber nicht bezahlt werden. Manche schauen nach einem Monat auf die Lohnabrechnung und sehen, dass ihnen weniger Geld überwiesen wurde als ursprünglich vereinbart. Irgendwann beschweren sie sich und werden daraufhin entlassen oder sie kündigen selbst. Das macht es nicht gerade leichter, eine Wohnung zu finden. Und so landen sie bei uns.

Sie vermitteln Ihren Klienten einen Schlafplatz im Übernachtungsschutz und helfen ihnen, das Geld von den einzelnen Subunternehmen zurückzuholen.

Genau. Unsere Beraterinnen rufen bei den jeweiligen Unternehmen an und fragen nach. Meistens sagen diese dann, dass unser Klient nicht schnell oder nicht ordentlich genug geputzt habe, dass er sich zu oft krankgemeldet habe oder nicht zuverlässig gewesen sei. Wenn wir dann bei den Männern - es sind meistens Männer - nachfragen, erzählen die uns aber oft eine ganz andere Geschichte. Sie sagen: Mir wurden 1200 Euro im Monat versprochen, aber ich bekomme nur 800. Oder: Ich hatte keine Pausen und musste von Montag bis Samstag durcharbeiten, wurde dafür aber nicht bezahlt.

Woher wissen Sie, welche Geschichte stimmt?

Zu hundert Prozent kann man das nie wissen. Aber wenn sich die Firmen weigern, das Geld zu überweisen, weil unser Klient gar nicht so viel gearbeitet habe, dann sitzen die Männer vor uns und fragen: Was kann ich jetzt tun? Wir erklären ihnen, dass wir sie zum Arbeitsgericht begleiten können, wenn sie das wollen. Fast alle sagen sofort Ja. Ich glaube nicht, dass das der Fall wäre, wenn sie in Wahrheit faul waren.

Mir scheint eher: Sie wissen sehr gut, wie viel sie gearbeitet haben und wollen das Geld, das ihnen zusteht. Sehr oft gelingt ihnen das übrigens auch, sie bekommen vor Gericht recht und die Subunternehmen müssen ihnen zumindest einen Teil des Geldes überweisen. Aus jahrelanger Erfahrung kann ich also sagen: Es stellt sich fast immer heraus, dass diese Menschen unter krassen Bedingungen bis hin zur Ausbeutung gearbeitet haben.

Wie gehen die Männer damit um?

Sie haben nur noch wenig Vertrauen in deutsche Unternehmen. Ich muss oft an ein rumänisches Sprichwort denken: "Wenn ich meine Zunge an einer heißen Suppe verbrannt habe, dann puste ich auch auf Joghurt." Trotz allem sagen aber die wenigsten von ihnen: Mir ging es so schlecht, ich kehre wieder zurück nach Hause.

Wohnungslose Zuwanderer in München: "Die wollen gar nichts umsonst, die sind ja gekommen, um zu arbeiten": Sozialarbeiterin Andreea Garlonta versucht, den Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen.

"Die wollen gar nichts umsonst, die sind ja gekommen, um zu arbeiten": Sozialarbeiterin Andreea Garlonta versucht, den Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen.

(Foto: Florian Peljak)

Sie bleiben also trotz der schlechten Erfahrungen in München.

Ja. Das hat ganz viel mit Stolz und Scham zu tun. Die meisten von ihnen lassen ihre Familienmitglieder zurück, sie wollen ihnen Geld schicken und zeigen: Ich habe es in Deutschland geschafft! Ich habe keinen einzigen Klienten kennengelernt, bei dem die Familie zu Hause wusste, dass er hier in München obdachlos ist.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, um die Situation dieser Menschen zu verbessern?

Ich glaube, wenn wir dieses System der Subunternehmen auflösen könnten und die Menschen direkt bei den Hotels, direkt bei den Bauunternehmen anstellen würden, gäbe es weniger Ausbeutung. Wenn sie dann nicht nur die Möglichkeit hätten, hier zu arbeiten, sondern auch zu wohnen, wäre ihnen auch geholfen. Vor allem psychisch.

Inwiefern?

Den meisten Menschen tut es gut zu wissen: Ich verdiene mein Geld und mit diesem Geld kann ich mir ein Dach über dem Kopf leisten. Die wollen gar nichts umsonst, die sind ja gekommen, um zu arbeiten. Und sie verrichten im Übrigen Arbeiten, die für uns alle wichtig sind und für die sich die meisten Deutschen zu schade wären.

Weil sie vermutlich mehr Geld dafür verlangen würden.

Ja, für das wenige Geld, das Subunternehmer unseren Klienten anbieten, die auf Baustellen teilweise sehr, sehr schwere körperliche Arbeiten verrichten, würde kein Mensch arbeiten, der hier aufgewachsen ist. Das sind Menschen, die Wohnungen bauen, von Montag bis Samstag, teilweise zehn Stunden am Tag, die wir uns irgendwann vielleicht kaufen werden.

Ich finde es ist nur fair, dass unser System ihnen erlaubt, einigermaßen menschenwürdig zu leben. Arbeitnehmer zu sein und in einem Obdachlosenangebot übernachten zu müssen, passt nicht zusammen. Diese Menschen kommen hierher um zu arbeiten, von ihrer Arbeit profitiert man hierzulande, das ist ein Geben und Nehmen. Es muss also möglich sein, dass sie sich ein Zimmer in einem Arbeiterwohnheim leisten können.

Sie arbeiten nun schon seit Jahren als Sozialarbeiterin. Hat Ihre Arbeit Sie eher pessimistisch oder optimistisch gemacht?

Optimistisch leider nicht. Ich habe oft das Gefühl, man muss sehr viel kämpfen und erreicht trotzdem wenig. Ich komme selbst aus Rumänien und habe dort Jura studiert, danach habe ich hier in München meinen Master im europäischen Wirtschaftsrecht gemacht. Weil ich an die EU geglaubt habe. Weil ich damals als junge Frau überzeugt war: Die EU ist einfach toll! Als Rumänien und Bulgarien ihr auch noch beigetreten sind, war ich begeistert: von der Idee, dass so viele Länder ein gemeinsames Netz aufbauen, dass ein deutsches Unternehmen sich auch in Rumänien niederlassen kann und umgekehrt.

Aber inzwischen sehe ich immer mehr die Kehrseite der Medaille. Ich sehe, dass es in diesem System Verlierer gibt, auf die niemand achtet, und dass diese Verlierer meine Klienten sind. Das macht mich sehr traurig.

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