München Nur noch ein Wunder kann helfen

Münchens einziger Kreuzweg unter freiem Himmel verfällt. Dem Ordinariat ist die Sanierung der 14 Stelen zu kostspielig

Von Renate Winkler-Schlang

Den ersten Satz weiß sie schon: "Sie sehen hier etwas, das dem Verfall preisgegeben wird." So will die Historikerin Christl Knauer-Nothaft am Tag des offenen Denkmals ihre Führung zum alten Kreuzweg am Rand des Sportgeländes der Maria-Ward-Mädchenrealschule beginnen. Ein bitterer erster Satz. Die 14 Stelen stehen laut Knauer-Nothaft unter Denkmalschutz, doch der Eigentümer, das Erzbischöfliche Ordinariat, verweigere nun deren Sanierung. Sie aber will nicht aufgeben, sondern sich einsetzen für diese Relikte der Vergangenheit, "solange ich lebe".

Die 14 gemauerten "Häuschen", in denen Halbreliefs aus Keramik in Nischen hinter Glas den Leidensweg Jesu zeigten, stammen aus dem Jahr 1862, wurden gebaut für die Englischen Fräulein, die in Berg am Laim bis 1987 Schule und Internat betrieben haben. Der Franziskanerpater Hölzl, später Bischof von Augsburg, hat sie geweiht. Nach dem Weggang der Englischen Fräulein haben die Garser Schwestern eine Zeitlang die Anlage gepflegt. Doch jetzt heben Baumwurzeln einzelne Stationsstelen an. Farbe blättert ab. Die kleinen Metallkreuze auf den Dächern sind bereits teilweise verloren gegangen. Viele der 14 Reliefs brachen heraus und entzwei. Die Teile konnte Knauer-Nothaft mit Mitstreitern im Kirchturm trocken einlagern, doch vier sind ganz verschwunden. Die Historikerin, die früher bei den Englischen Fräulein Geschichte unterrichtete und eine historische Chronik Berg am Laims verfasst hat, bemüht sich seit Jahren. Zweimal schon hatte sie Gelegenheit, Kardinal Reinhard Marx persönlich anzusprechen, jedes Mal hat sie sie beherzt genutzt. Zunächst ging nichts voran, weil, so das Ordinariat, die Zuständigkeiten unklar waren: Es hätte sein können, dass die örtliche Kichenstiftung Eigentümerin des Kreuzwegs ist. Doch Ende November 2016 war aus dem Ordinariat das Versprechen gekommen, die Renovierung werde nun "zügig eingeleitet".

Nur noch in vier der Stelen sind die Keramiken vorhanden, wie hier, Station II,: "Christus nimmt das Kreuz auf seine Schultern." Sie sollen nun bald herausgenommen, gesichert und restauriert werden. Christl Knauer-Nothaft wird bei ihrer Führungen am Denkmaltag anstelle der fehlenden Originale Fotos in die Nischen stellen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Passiert ist jedoch monatelang gar nichts. Knauer-Nothaft hat inzwischen den Bürgerkreis Berg am Laim als Mitstreiter gewonnen, auch diesem liegt diese christliche Reminiszenz an die Vergangenheit am Herzen, Führungen entlang des verwunschenen Wegs finden regelmäßig großen Zuspruch. Das Ordinariat sagte der Mahnerin in Sachen Kreuzweg dann zu, wenigstens die noch intakten vier Keramiken einzulagern und die geretteten Keramiken zu restaurieren - wenn Pfarrer Brian McNeil von der Pfarrei St. Michael bestätigt, dass er für sie eine Verwendung hat. Er hat es bestätigt, doch es geschah: nichts.

Im April erhielt Knauer-Nothaft ein Schreiben von Ordinariatsrat Norbert Jocher, Hauptabteilungsleiter im Ressort Bauwesen und Kunst des Ordinariats. Darin schreibt er von "sehr hohen Investitionen", die für eine Restaurierung der Stelen erforderlich wären. Zudem sei der Kreuzweg nicht frei zugänglich, der Rundweg nicht immer freigeräumt und "gangbar". Um ein Kippen einzelner Stelen zu vermeiden, müssten diese versetzt werden oder es müssten hohe Bäume gefällt werden. Jochers Fazit: "Eine Nutzung ist nicht mehr möglich." Weiteres bedürfe einer "politischen Entscheidung". Christoph Kappes, Pressesprecher des Ordinariats, spricht Klartext: Eine Sanierung sei nicht vorgesehen. Kappes meint, über den Daumen gepeilt würde sie 500 000 Euro verschlingen.

Fast verschwunden: Eines der 14 Halbreliefs aus der Keramik, das eine Station auf dem Leidensweg Jesu zeigt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Nun sage zwar jeder, die Kirche habe doch viel Geld: "Aber die Kirche hat auch viele Kirchen. Wir müssen Prioritäten setzen." Es sei doch schön, dass wenigstens die Keramiktafeln gerettet würden: Demnächst mache sich die Sachverständige auf den Weg, dann werde ein Restaurator gesucht.

Hildegard Steffen, stellvertretende Vorsitzende des Bürgerkreises, sagt, es gebe ihres Wissens in ganz München keinen zweiten Kreuzweg unter freiem Himmel mehr. 500 000 Euro aber könne auch der Bürgerkreis nicht aufbringen. Christl Knauer-Nothaft hält die von Kappes genannte Summe für zu hoch gegriffen: "Das müsste erst einmal aufgeschlüsselt werden."

Jetzt hofft sie, dass die Erzdiözese nun zügig das Versprechen von der Sanierung der Keramiken wahr macht. Bei ihrer Führung wird sie Fotos der Keramiken, die Mathias Brandstätter vom Bürgerkreis angefertigt hat, in die maroden Bildstöcke stellen, damit sich die Besucher eine Vorstellung machen können. So will sie immer mehr Freude für die Anlage gewinnen, auf dass es am Ende womöglich doch noch irgendwie ein kleines Kreuzweg-Wunder in Berg am Laim geben werde. Führung am Tag des offenen Denkmals, Sonntag, 9. September, 15 Uhr, Johann-Michael-Fischer-Platz 1.