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Gescheiterte Vertuschung:Die Namen der Nazis

Andrew Barracks NSDAP-Archiv

Die Mitgliederkartei der NSDAP verwahrten nach 1945 die Amerikaner im "Berlin Document Center". Die Aufnahme stammt von 2004.

(Foto: Bernd Settnik/dpa)

Der Freimanner Papiermüller Hans Huber verhindert, dass die NSDAP ihre Mitgliederkartei vernichten lässt. Doch die Amerikaner wollen von den brisanten Akten erst einmal nichts wissen

Von Heiner Effern

Es geht um einen mysteriösen Auftrag, als ein hoher Funktionär der NSDAP am 15. April 1945 im Büro von Hans Huber erscheint. Der Inhaber der Papiermühle Wirth im damaligen Vorort Freimann erfährt nur, dass ziemlich bald eine größere Menge Papier geliefert würde. Diese solle er umgehend vernichten. Drei Tage später fährt der erste Lastwagen vor, mit Anhänger. Darauf liegen in einem wilden Berg Karteikarten, unsortiert und unverpackt. Die Reichsleitung schickt sogar ein paar helfende Hände mit, damit das Abladen nicht so lange dauert. Neunzehn weitere Transporte folgen, der letzte am 27. April. Viele Tonnen Altpapier sollten sich anhäufen, Altpapier, das brisanter nicht hätte sein können. Es handelt sich um die Mitglieder-Kartei der NSDAP. Kein Name soll den Kriegsgewinnern in die Hände fallen. Doch die Parteileitung hat nicht mit Hans Huber gerechnet.

Dieser bemerkt schon beim ersten Abladen, was ihm da angeliefert wird. Aber Huber ist einer, dessen Name in dieser Kartei nicht zu finden sein würde. Auch nicht die Namen seiner Mitarbeiter. Weil sie für die Nazis nichts übrig haben. Also verschwindet zwar der erste Berg an Karteikarten, aber lediglich unter anderem Altpapier. Neunzehn Mal wiederholt sich dieser Vorgang. Den misstrauischen NSDAP-Abgesandten, die sich über den wachsenden Papierberg wundern, erklärt Huber, dass sich wegen der Vorzugsbehandlung für die NSDAP die Lieferungen anderer Kunden stauten. Er kommt damit durch, doch es wird noch sechs Monate dauern, bis die Amerikaner begreifen, dass Huber und seine Papiermühle mit die wichtigsten Akten für die Aufarbeitung der NS-Zeit gesichert haben. Detailliert aufgeschrieben hat diese Rettung ein Reporter der Neuen Zeitung , einer Publikation der Siegermächte. Sein Bericht mit dem harmlosen Titel "Namen unter Abfallpapier" vom 28. Oktober 1945 liest sich wie ein Krimi aus den letzten Kriegstagen.

Sechs Monate zuvor, im April 1945, steht München vor dem Einmarsch der US-Armee. Auch wenn Adolf Hitlers Machtzentralen in Berlin und auf dem Obersalzberg liegen, gehört die Stadt zu den wichtigsten Orten der Nationalsozialisten. Hier hat ihr Aufstieg begonnen, hier hat die NSDAP ein ganzes Viertel für sich okkupiert, mit dem Königsplatz als Zentrum. An der heutigen Katharina-von-Bora-Straße steht der Verwaltungsbau der NSDAP (jetzt Sitz verschiedener Kulturinstitute), auf der anderen Seite der Brienner Straße der sogenannte Führerbau (heute Musikhochschule). Im Zentrum der Parteibürokratie werden kurz vor der Niederlage noch Durchhalteparolen ausgegeben, intern wird aber auch daran gearbeitet, den Siegern möglichst keine Einblicke in die Organisation der NSDAP zu gewähren. Die Kunsthistorikerin Iris Lauterbach schildert in ihrem Aufsatz "Austreibung der Dämonen. Das Parteizentrum der NSDAP nach 1945" den Mobilisierungsplan der NSDAP für die letzten Kriegswochen: Dieser sieht vor, Führer- und Verwaltungsbau für eine letzte Verteidigung zu präparieren und alle Akten beiseite zu schaffen. Es seien "vorbereitende Maßnahmen (Sprengung)" zu planen, und es gelte, "im Augenblick höchster Gefahr die Kartei und alle Mitgliederunterlagen zu vernichten", heißt es darin.

Am 15. April sehen die Parteigrößen in München diesen Zeitpunkt gekommen. Scheinbar finden sie die dafür passende Papiermühle. Wie sie mit dem Versuch scheitern, berichtet später zuerst der Sunday Express. Der Reporter der Neuen Zeitung besucht daraufhin Hans Huber in der Papiermühle und erfährt, dass der Unternehmer auf den etwa acht Millionen Karteikarten erst einmal sitzen geblieben ist. Die Amerikaner waren zwar kurz nach dem Einmarsch nach Freimann gekommen und hatten sogar kurzzeitig Quartier in der Papiermühle bezogen, doch niemand hatte Interesse an dem Haufen Papier. Huber verpackte trotzdem die Karteikarten, alle mit Foto, persönlichen Daten, Eintrittstermin.

Doch die US-Armee weigerte sich noch mehrere Monate lang, sich mit den Akten zu beschäftigen, wie die Historikerin Astrid Eckert in ihrem Buch "Kampf um die Akten" nachzeichnet. Bis der Archivberater der Militärregierung, Sagent Child, Wind davon bekam. "Any damn fool", jeder Idiot, hätte die Brisanz erkennen müssen, schrieb er in einem Brief. Schließlich landeten die Karteikarten doch noch im "Berlin Document Center" der Amerikaner, das heute zum Bundesarchiv gehört. Sie gelten bis heute als wichtige Basis der Entnazifizierung. Der Schriftsteller Stefan Heym setzte Papiermüller Huber in seiner Erzählung "Eine wahre Geschichte" sogar ein literarisches Denkmal.

© SZ vom 27.04.2020

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