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München: Kriegsverbrecher-Prozess:John Demjanjuk - verurteilt, aber frei

Wegen der Beteiligung am Mord an 28.060 Juden im KZ Sobibor verurteilt das Münchner Landgericht den 91-jährigen Ex-Wachmann John Demjanjuk zu fünf Jahren Haft. Die Angehörigen der Opfer sind erleichtert - doch erst einmal kommt der Verurteilte frei.

John Demjanjuk ist schuldig gesprochen worden wegen eines Verbrechens, das schwerer nicht wiegen könnte: gemeinschaftlicher Mord an 28.060 Juden. Doch der Verurteilte sitzt regungslos da, als er dem Richter ins Gesicht blickt: Die eine Hand ruht auf der Lehne, der Kopf ist leicht gebeugt, die Sonnenbrille verdeckt die Augen.

Prozess gegen mutmaßlichen Kriegsverbrecher

Die Akte Demjanjuk

Dann wird der 91-Jährige in seinem Rollstuhl an den Rand des Gerichtssaales gefahren und in das Krankenbett gelegt. Am Münchner Landgericht ist der Prozess gegen Demjanjuk zu Ende gegangen. Fünf Jahre Haft, so lautet das Urteil des Gerichts - mit einem Freispruch hatte zuvor ohnehin kaum jemand gerechnet. Damit ist der wohl letzte große Prozess zur NS-Geschichte, zumindest vorerst, beendet.

Bis das Urteil rechtskräftig ist, kann Demjanjuk jedoch die Haftanstalt Stadelheim verlassen. Das Gericht begründet die Entscheidung mit dem hohen Alter des Angeklagten und der Tatsache, dass das Urteil noch nicht rechtskräftig sei. Der Verurteilte muss jedoch in Deutschland bleiben.

Richter Alt sagt in seiner fast dreistündigen Urteilsbegründung, das Gericht sei überzeugt, dass Demjanjuk vom 27. März bis Mitte September 1943 im Vernichtungslager Sobibor Wachdienste leistete und bei der Ermordung von mindestens 28.060 Menschen mitgewirkt hat.

Grausame Details aus dem Vernichtungslager Sobibor werden im nüchternen Gerichtssaal des Münchner Justizgebäudes in der Nymphenburger Straße vorgetragen. Richter Alt beschreibt, wie die Häftlinge in die Gaskammern getrieben wurden, wie sie verzweifelt versuchten, die Türen von innen zu öffnen - und wie nach einer Phase der Bewusstlosigkeit schließlich der Tod eintrat.

Die von der SS angeworbenen Trawniki-Wachmänner - darunter nach Überzeugung des Gerichts auch Demjanjuk - seien bei allen Phasen im Lager Sobibor beteiligt gewesen, sagt Alt. "Sie spielten eine wesentliche Rolle bei der Vernichtung der Juden." Allen Trawniki-Männern sei klar gewesen, was geschah. Und wenig später sagt der Richter noch deutlicher: "Der Angeklagte war Teil der Vernichtungsmaschinerie."

Alt zählt auch die Namen der Verstorbenen von Sobibor auf, deren Verwandte im Gerichtssaal sitzen. Mehr als 20 Minuten dauert es, so viele Namen sind es. Immer wieder macht der Richter Pausen und wartet, bis die Übersetzerin, die neben Demjanjuks Bett sitzt, soweit ist. Es sei ein normales Schwurgerichtsverfahren, betont Alt, das nach denselben Regeln ablaufen würde wie alle anderen auch: "Es sitzt hier kein Volk auf der Anklagebank, sondern ein Mann."

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