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Ausstellungen und ein Mahnmal:Zeitzeugen im Mittelpunkt

NS-Dokuzentrum stellt Programm für das Pandemie-Jahr vor

Von Bernd Kastner

Noch gibt es sie, aber ihre Stimme wird immer schwächer. Nur noch wenige Zeitzeugen leben, die den Nationalsozialismus erlebt haben und von Unrecht, Verfolgung und Holocaust berichten können. Und jetzt, in der Pandemie, sind die wenigen fast verstummt, weil die betagten Frauen und Männer zur Hochrisikogruppe gehören und zu physischem Abstand gezwungen sind. Das NS-Dokumentationszentrum will die "Zeitzeugenschaft" zu einem Schwerpunkt ihres Jahresprogramms 2021 machen und Antworten auf Fragen wie diese finden: Was bleibt, wenn der direkte Austausch mit Zeitzeugen bald nicht mehr möglich ist? Wie gehen wir mit ihrem Erbe um?

Mirjam Zadoff, die Direktorin des Dokuzentrums, hat ein Hybridprogramm geplant, also Präsenz- und Online-Veranstaltungen, weil niemand weiß, wie lange Corona ein Öffnen des Hauses noch verhindert. Wenn Politik und Behörden grünes Licht geben, könne man innerhalb weniger Tage aufsperren, verspricht Zadoff. Geschlossen oder geöffnet, die Überschrift über dem Jahresprogramm ist so oder so passend: "Erinnerung in Zeiten der Pandemie". Mit Zeitzeugen wird sich von Ende Juni bis Mitte November eine Ausstellung beschäftigen. Im Mittelpunkt sollen die Überlebenden stehen und das, was von ihnen in Interviews und Aufnahmen überliefert ist.

Neben den Zeitzeugen soll der Umgang mit "vergessenen Orten" einen Schwerpunkt bilden. Das ehemalige "Judenlager" an der Knorrstraße in Milbertshofen etwa sollen Jugendliche aus verschiedenen Schulen durch ihre Anwesenheit und Performances erforschen und sichtbar machen. Vom "Judenlager" ging im November 1941 der erste Transport jüdischer Münchnerinnen und Münchner in die Ghettos und Vernichtungslager ab. Das Zwangsarbeiterlager in Neuaubing ist von Ende des Jahres an Thema des digitalen Projekts "Departure Neuaubing", noch bevor 2024 die erhaltenen Baracken als Erinnerungsort eröffnet werden. Eine interaktive und interdisziplinäre Webanwendung soll die Geschichte der NS-Zwangsarbeit erfahrbar machen, es soll dabei etwa um Migration und Ausbeutung gehen.

Einer der prominentesten Orte der NS-Zeit bekommt in diesem Jahr ein dauerhaftes Erinnerungszeichen: der Königsplatz. Genau dort, wo mutmaßlich am 10. Mai 1933 Bücher verbrannt wurden, vor der Staatlichen Antikensammlung, wird in die Kiesfläche ein Mahnmal eingelassen, eine begehbare Scheibe. Entworfen hat sie der US-amerikanische Künstler Arnold Dreyblatt, sie hat einen Durchmesser von acht Metern. Auf ihr sind spiralförmig 9600 Buchstaben zu sehen, es sind 359 Buchtitel von 310 Autoren. Ihre Werke wurden von NS-Anhängern verbrannt. "Die Schwarze Liste" heißt das Mahnmal, der Name basiert auf der historischen Liste eines Berliner Bibliothekars, die grundlegend war für die Auswahl der verbrannten Bücher.

Neben weiteren Ausstellungen mit Werken von Nora Krug und Timothy Snyder ("On Tyranny. Zwanzig Lektionen für den Widerstand") und Fotografien von John Heartfield plant das Dokuzentrum ein "Kriseninterventionsprogramm", digital und im öffentlichen Raum. Wie steht es um die Demokratie, wenn in Corona-Zeiten Verschwörungstheorien viele Anhänger finden? Man will in Veranstaltungen die aktuelle Situation verbinden mit historischen Erfahrungen und Zukunftsvisionen.

Auch ohne Pandemie fände eine weitere Neuerung in diesem Jahr ausschließlich im virtuellen Raum statt: Das Dokuzentrum will mit einer neu gestalteten Website online gehen. Der Auftritt soll dann barrierefrei sein und neue Inhalte bieten. Dazu gehört laut Mirjam Zadoff ein umfangreich bebildertes Online-Lexikon. In ihm lasse sich zu zentralen Themen und Biografien aus der NS-Zeit recherchieren.

Ein Teil dessen, was im kommenden Jahr angeboten wird, steht auch schon fest: "To be seen", eine Ausstellung zur Geschichte des queeren Lebens. Es war im 19. Jahrhundert zunehmend sichtbar geworden, ehe die Nationalsozialisten es weitgehend zerstörten.

© SZ vom 25.02.2021/van
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