Süddeutsche Zeitung

Münchner Kliniken:Engpässe in Notaufnahmen verschärfen sich

In einer neuen Studie klagen Ärzte über einen eklatanten Personalmangel und ein enormes Patientenaufkommen. Dabei könnte die Zahl der Notfälle in Zukunft noch deutlich zunehmen.

Von Nicole Graner

Volle Notaufnahmen, lange Wartezeiten für Notfallpatienten, deren Behandlung nicht als "dringlich" eingestuft wird, und fehlendes Personal - die Entwicklung der klinischen Notfallversorgung hat sich im dritten Corona-Jahr 2022 weiter verschärft. Das ist das Ergebnis einer Befragung von Leiterinnen und Leitern der Münchner Notaufnahmen. Durchgeführt hat sie das Gesundheitsreferat - begleitend zur zweiten Münchner Notfallstudie, die das Institut für Notfallmedizin und Medizinmanagement am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität (INM) im Auftrag der Stadt ausgearbeitet hat. An diesem Donnerstag werden die Ergebnisse dem Gesundheitsausschuss im Stadtrat vorgelegt.

Von einem "enorm hohen Behandlungsaufkommen in den Notaufnahmen", einem "eklatanten Personalmangel" und von einer "zunehmenden Belastung" des Personals berichten die befragten Notfallmediziner. Diese Angaben passen zur Prognose, die das INM in der Studie bis zum Jahr 2040 für die Notfallversorgung wagt: 34 000 Fälle mehr wird es laut Auswertung bis zum Jahr 2030 geben. Bis 2040 sogar 60 000 Fälle. Den deutlichen Anstieg führt die Studie auf den zu erwartenden Bevölkerungszuwachs zurück. "Diese Zahlen bereiten mir Sorge", sagt Stefan Jagel, Vorsitzender der Fraktion Die Linke/Die Partei im Stadtrat. Schon die letzten zwei bis drei Jahre sei die Notfallversorgung ja "am Limit" gewesen.

Die erste Münchner Notfallstudie gab es 2015. Sie basierte auf der Datengrundlage von einem Jahr im Zeitraum 2013/2014. Nun wertet die zweite Studie einen Zeitraum von fünf Jahren aus, vom 1. Januar 2015 bis 31.Dezember 2019. Gearbeitet wurde mit Daten von zwölf an der Studie teilnehmenden Kliniken, unter anderem dem Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München (TUM), den LMU-Kliniken oder der München Klinik mit den Standorten Bogenhausen, Harlaching, Neuperlach und Schwabing.

1,6 Millionen Fälle dienten als Grundlage für die Studie

Die Klinken in der Studie decken zu 82 Prozent das Notfallaufkommen in der Stadt ab. Die für den Westen Münchens wichtige Helios Klinik Pasing, die ebenfalls Notfallversorger ist, hat allerdings nicht an der Studie teilgenommen. Insgesamt 1 655 674 Behandlungsfälle sind Auswertungsgrundlage für die Klinikdaten.

Ressourcenengpässe in der Notfallversorgung haben laut Studie weiter zugenommen. Gestiegen ist im Beobachtungszeitraum vor allem die Zahl der Notarzteinsätze. Rettungsdiensteinsätze seien demnach um fünf Prozent gestiegen, Einsätze mit Notarzt um 17 Prozent. Sorgen macht Jagel, den die Auswertungen der Notfallstudie sonst nicht "weiter überrascht", die Prähospitalzeit, also das Intervall zwischen Notrufeingang und der Übergabe in ein geeignetes Krankenhaus. Diese habe sich, so dokumentiert die Auswertung, weiter verlängert: von 48 Minuten im Jahr 2015 auf 57 Minuten 2022. Dies sei als "kritisch" anzusehen. "Ich glaube, die Übergabezeiten von Notarzt an Notaufnahme dauern einfach zu lange", sagt Jagel, der selbst lange in der Notaufnahme gearbeitet hat. Ein Notarztwagen, der lange warten müsse, sei eben auch nicht schnell wieder einsatzbereit.

Ambulante Behandlungen in den Kliniken sind laut der Studie "leicht rückläufig". 2019 wurden in den klinischen Einrichtungen 57 Prozent (2015: 60 Prozent) der Erwachsenen ambulant behandelt und in den Notfalleinrichtungen für Kinder 80 Prozent (2015: 85 Prozent). 70 Prozent der Patienten, die notfallversorgt werden mussten, kamen aus dem Stadtgebiet München. Ein Grund für den leichten Rückgang könnte die Ausweitung der Bereitschaftspraxen der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) seit 2018 sein. Zwischen 2015 und 2019 seien die Behandlungsfälle dort um 20 Prozent gestiegen, heißt es in der Studie, die zum ersten Mal auch notfallmedizinische Daten der KVB auswerten kann.

Die Dritte Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD) macht deutlich, wie wichtig ihr diese ambulante Versorgungsmöglichkeit ist, um die Kliniken zu entlasten. Sie nimmt den Freistaat und die KVB weiter in die Pflicht. Denn zu viele Fälle, die ihrer Meinung auch in einer Praxis behandelt werden könnten, würden noch in den Notaufnahmen behandelt. "Freistaat und KVB sind zuständig, dass es in München ausreichende Kapazitäten in Kliniken und Arzt- beziehungsweise Bereitschaftspraxen gibt."

Häufig Engpässe in der pädiatrischen Notfallversorgung

Probleme gibt es auch bei der Notfallversorgung der Kinder. "Häufige Engpässe" auf den Intensivstationen wie auch im Bereich der pädiatrischen Notfallversorgung für Kinder haben laut Studie zugenommen. Die INM empfiehlt, dass ein medizinisches Angebot zur ambulanten Versorgung der Kinder zwischen Kliniken, KVB und Gesundheitsreferat "optimiert" werden sollte. "Auffällig" findet Stefan Jagel nämlich die Zahlen des Behandlungsaufkommens bei Kindern: 2019 wurden laut Studie 46 353 Kinder ambulant behandelt und 12 101 stationär. "Wir haben einfach zu wenig Kinderärzte", kritisiert Jagel und hofft, dass die KVB weitere Arzt- und Bereitschafspraxen gerade in Stadtteilen, die unterversorgt sind, möglich macht.

Eine Karte mit Klinikfällen pro Postleitzahlenbereich zeigt für das Jahr 2019 eine hohe Auslastung im Norden der Stadt, aber auch im Osten. Die Prognose für 2040 ist noch deutlicher: Die Klinikfälle werden im Norden und Osten deutlich zunehmen. Genau dort, wo immer mehr Menschen wohnen werden und die Versorgung schon jetzt "nicht gut ist", wie Jagel sagt.

Die regelmäßige Erhebung der Münchner Notfallstudie hält der Fraktionsvorsitzende der Linken/Die Partei für "sinnvoll". Und Jagel hofft, dass die Erkenntnisse der zweiten Auflage auch in das neue medizinische Konzept der München Klink einfließen werden, das demnächst dem Aufsichtsrat vorgelegt werden soll.

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