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Geschichten vom Nockherberg:Im Bier liegt die Wahrheit

Die Geschichte des Aufstiegs der Paulanerbrauerei steht exemplarisch für den Erfolg des Bieres aus München.

In seinem Buch über den Nockherberg und das Derblecken räumt Richard Winkler mit einigen Münchner Legenden auf. Wie eine frei erfundene Bierprobe zur Tradition geworden ist.

Von Franz Kotteder

Schade eigentlich, dass eine der merkwürdigsten Salvatoranstichveranstaltungen, die man sich nur denken kann, keine Aufnahme mehr in diese Chronik gefunden hat. Es steht noch drin in dem Buch, dass Maxi Schafroth 2019 seine erste Fastenpredigt gehalten hat. Und dass die Corona-Krise die im folgenden Jahr verhindert hat. "Es war nach 1991 und 2003 das dritte Mal in der 70-jährigen Nachkriegsgeschichte des Nockherbergs, dass die Veranstaltung ausfiel."

An diesem Freitag nun fällt sie nicht aus, sondern findet in stark abgespeckter Form und ohne Publikum statt. Maxi Schafroth hält seine zweite Fastenpredigt öffentlich, die zweite hatte er zwar schon geschrieben, gehalten hat er sie dann aber doch nicht auf dem Nockherberg, weil die Veranstaltung abgesagt werden musste.

"Wie wenn man beim Hundertmeterlauf bei 99 Metern rechts abbiegt", sagt Andreas Steinfatt, der Chef der Paulaner-Brauerei, die das Spektakel jedes Jahr veranstaltet. Der Salvatoranstich ist eben etwas Besonderes - für die Brauerei, die bayerische Landespolitik, die Fernsehzuschauer und all jene, die zur Starkbierzeit aufs Isarhochufer hinaufpilgern. Und danach häufig recht derangiert wieder hinunterstolpern. An normalen Jahren, nicht heuer.

Es war wohl an der Zeit, dass diesem bayerischen Phänomen - im Rest von Deutschland ist das Ereignis nicht so bekannt, wie man in München vermutet - endlich eine umfassende Aufarbeitung in Buchform gewidmet wird. Richard Winkler, Historiker und stellvertretender Leiter des Bayerischen Wirtschaftsarchivs, hat sich dieser Aufgabe angenommen und jetzt im Münchner Volk-Verlag eine opulente Chronik dieses Volksschauspiels herausgebracht. Stolze 304 eng bedruckte Seiten sind es geworden, "reich bebildert", wie man sagt. Gut so. "Der Salvator auf dem Nockherberg - Zur Geschichte der Paulanerbrauerei und ihres weltberühmten Starkbieres" wäre sonst vielleicht etwas trocken geworden, und das passt ja nun gar nicht zum Sujet.

Winkler ist ein sehr gewissenhafter Autor, der nichts unterschlägt. Seine Gründlichkeit ist einerseits sehr lobenswert, andererseits ein wenig überbordend. Das ist mitunter anstrengend, wenn es etwa um den gewieften Brauunternehmer Franz Xaver Zacherl (1772-1849) geht, der den Salvator als Marke erst so richtig etabliert hat in München.

Der gewiefte Brauunternehmer Franz Xaver Zacherl machte dem königlichen Hofbräuhaus, das eigentlich mit seinem Maibock seit jeher das Monopol auf Starkbier hatte, arge Konkurrenz mit seinem Salvator. Abbildung: Volk-Verlag

Zacherl machte dem königlichen Hofbräuhaus, das eigentlich mit seinem Maibock seit jeher das Monopol auf Starkbier hatte, arge Konkurrenz mit seinem Salvator. Und über 30 Jahre hinweg saß er mit der allergrößten Bierruhe sämtliche gerichtlichen wie polizeilichen Angriffe aus und umging leidenschaftslos sämtliche Verbote. Was ihm leicht gemacht wurde, weil das Volk halt einfach sein Starkbierfest haben wollte und die Obrigkeit nicht zu Unrecht eine Bierrevolution zu vermeiden trachtete. So genau, wie Winkler das alles schildert, will man es allerdings dann auch wieder nicht wissen.

Auch die "Münchner Gemütlichkeit" ist letztendlich nur ein Mythos

Aber, auf der anderen Seite: Diese Genauigkeit hat auch was. Allein schon, weil sie aufräumt mit ein paar Legenden, die in München nur schwer aufzuräumen sind. Etwa die von den Paulanermönchen im Neudeck in der Au, die ihr Starkbier nur zur eigenen Labsal in der Fastenzeit brauten und 1651 den Salvator erfanden. In Wirklichkeit war der Bierausstoß der Klosterbrauerei schon bald recht beachtlich und trug erheblich zum Unterhalt des Klosters bei, während sich die weltlichen Brauer oft über die starke Konkurrenz der geistlichen Herren beschwerten. Und das vermeintliche Gründungsdatum der Paulanerbrauerei, 1651 eben, hat sich inzwischen längst als willkürlich gewählt herausgestellt.

Historisierender Anspruch, aber frei erfunden: Über viele Jahrzehnte hat sich aus einer Bierprobe auf dem Nockherberg, die es so nie gab, doch noch eine richtige Tradition entwickelt. Abbildung: Volk-Verlag

Winkler geht seinen alkoholgeschwängerten Gegenstand mit der gebotenen Nüchternheit an. Er verklärt nichts, sentimentalisiert nicht herum, wo andere vielleicht versucht wären, "Münchner Gemütlichkeit" ins Spiel zu bringen. Letztlich ist die ja auch nur so ein Mythos, und die Leute haben in der sogenannten guten alten Zeit des 19. Jahrhunderts nur deshalb so beeindruckende Mengen in sich hineingelitert, weil ihre fatalen Lebensumstände halt auch nur im Suff zu ertragen waren.

Die Geschichte des Aufstiegs der Paulanerbrauerei steht exemplarisch für den Erfolg des Bieres aus München. Der Fall des Starkbiermonopols 1848 und der Sieg im jahrelangen Rechtsstreit um den Markennamen Salvator mit dem Namenspatent 1896 waren da wesentliche Eckpunkte. Winkler arbeitet das sehr schön heraus, das Zusammenwirken von ausgefuchsten Unternehmerpersönlichkeiten, geschickten Marketingstrategien und der Erfindung von Traditionen, die sich ja auch erst einmal jemand ausdenken musste.

Das Post-Schlachtengemälde als Postkarte

In gewisser Weise gehört dazu auch die Starkbierprobe auf dem Nockherberg, bei der traditionsgemäß die erste Mass dem bayerischen Ministerpräsidenten mit dem Trinkspruch "Salve pater patriae! Bibas, princeps optime!" überreicht wird. Das leicht angeberische Latein passt natürlich zu den Mönchen und dem historisierenden Anspruch, ist aber ähnlich mittelalterlich wie das Neue Rathaus am Marienplatz. Kurioserweise aber hat sich aus der frei erfundenen Bierprobe, die der bayerische Kurfürst einst zusammen mit dem Braumeister Barnabas zelebriert haben soll, über viele Jahrzehnte hinweg dann doch eine richtige Tradition entwickelt.

Die besteht in den leicht aufmüpfigen Reden zum Anstich des ersten Fasses, bald nach Beginn der Fastenzeit. Schon vor mehr als 100 Jahren hielt da etwa der Volkssänger Papa Geis launige Reden in Reimform. In den Dreißigerjahren war der Weiß Ferdl ebenso einer der berühmten Redner wie der Münchner Volksschriftsteller Joseph Benno Sailer. Es gab lange Zeit verschiedenste Sketche und Vortragsformen, die sich in der Kunst des Derbleckens übten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Roider Jackl als Gstanzlsänger auf dem Nockherberg bekannt, und Emil Vierlinger hielt launige Salvatorreden.

Der Promiauflauf fehlt diesmal. Abbildung: Volk-Verlag

So entwickelte sich nach und nach die heutige Form aus Fastenpredigt und nachfolgendem Singspiel, das von 1972 an zur humoristischen Politposse wurde. Wenige Namen aus dem bayerischen Humorgeschäft fehlten bisher auf der Bühne des Nockherbergs. Volksschauspieler wie Walter Sedlmayr und Erich Hallhuber spielten den Bußprediger ebenso wie Bruno Jonas, und Luise Kinseher als Mama Bavaria war die erste Frau, die den anwesenden Politikern sozusagen den Marsch blasen durfte.

Maxi Schafroth ist nun der Erste, der das bei nicht anwesenden Politikern machen darf. Man will nicht hoffen, dass aus diesem widrigen Umstand jetzt eine neue Tradition entsteht.

Richard Winkler: Der Salvator auf dem Nockherberg. Zur Geschichte der Münchner Paulanerbrauerei und ihres weltberühmten Starkbieres, München: Volk-Verlag, 304 Seiten, 39 Euro.

© SZ vom 05.03.2021/kafe
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