Weltklasse in München:Die wundersame Vermehrung der Nobelpreisträger

Lesezeit: 2 min

Weltklasse in München: Physik-Nobelpreisträger Anton Zeilinger war mal vier Semester lang Professor an der TUM - das macht ihn ja praktisch zu einem Münchner, oder?

Physik-Nobelpreisträger Anton Zeilinger war mal vier Semester lang Professor an der TUM - das macht ihn ja praktisch zu einem Münchner, oder?

(Foto: Matthias Röder/picture alliance/dpa)

Die TU München hat sage und schreibe 18 Nobelpreisträger hervorgebracht - sagt die TU München. Doch ein Blick auf die Liste offenbart eine recht großzügige Auslegung.

Glosse von Martina Scherf

Wer sage und schreibe 18 Nobelpreisträger hervorgebracht hat, der darf sich schon Weltklasse nennen. Oder? Schließlich werden Nobelpreise erst seit 1901 vergeben. So gerechnet wäre alle sechs bis sieben Jahre eine Medaille an die Technische Universität München gegangen. Wow.

Aber wer steht denn da auf der Liste? Thomas Mann? Hat der sich etwa vor den Buddenbrooks mit Raketenwissenschaft beschäftigt? Oder mit Vererbungslehre? Vielleicht haben seine Biografen bislang eine entscheidende Episode in seinem Schaffen vernachlässigt? Die TUM selbst hilft weiter: Thomas Mann, so schreibt sie, habe als 20-Jähriger zwei Semester lang Vorlesungen an der Technischen Hochschule München besucht, in Literatur- und Kunstgeschichte, Ästhetik und Nationalökonomie. Lange hielt er es dort allerdings nicht aus. Im Jahr darauf zog er mit seinem Bruder Heinrich nach Italien. Dann schrieb er seine berühmte Familiensaga.

Heutzutage wird alles "gerankt", da schadet es nicht, die Statistik ein bisschen aufzuhübschen, und sei es mit einem Nobelpreis für Literatur. Aber was ist mit den anderen 17 Laureaten auf der Liste, den Physikern, Chemikern, Medizinern? Gerade kam noch einer dazu: "TUM-Alumnus" Anton Zeilinger erhielt den Nobelpreis für Physik. Alumnus? Der Österreicher hat den allergrößten Teil seiner Quantenforschung in seiner Heimat Wien vollbracht, war dazwischen längere Zeit in den USA - und dann auch mal neben vielen anderen Stationen vier Semester Professor in München.

Jetzt wird man doch neugierig: Haben die anderen Professoren wenigstens ihre bahnbrechende Forschung an der TUM getätigt? Ernst Ruska, Erfinder des Elektronenmikroskops, und Wolfgang Paul, Entdecker der Ionen-Falle, studierten die ersten zwei Jahre an der TUM, bevor sie woanders promovierten und zu höchsten Weihen gelangten. Wolfgang Ketterle und Konrad Bloch blieben immerhin vier Jahre. Heinrich Wieland pendelte zwischen Berlin, wo er Kampfgase für den Ersten Weltkrieg entwickelte, und München. Und dann gibt es noch Koryphäen ihres Fachs aus dem Ausland, die zu Ehrenprofessoren der TUM ernannt wurden - schon ist die Liste wieder ein bisschen länger.

Es ist halt so eine Sache mit der Statistik: Wenn man es geschickt anstellt, ist sie dehnbar wie ein Gummiband. Fehlt nur noch ein Friedensnobelpreisträger, der die Liste schmücken würde. Kofi Annan hielt doch mal eine Rede im Audimax der TUM.

Zur SZ-Startseite

Forschung
:Wie Computer denken

Der Bund steckt Millionen Euro in das Münchner Kompetenzzentrum für maschinelles Lernen. Die gemeinsame Einrichtung von TU und LMU soll den Menschen helfen, Krebs zu erkennen, Shitstorms vorherzusagen und den Klimawandel zu verstehen.

Lesen Sie mehr zum Thema