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Typisch Deutsch:Wenn der Gast das Handtuch wirft

Nächtliches Bahnhofsviertel in München, 2019

Unweit des Münchner Hauptbahnhofs fand unser Autor den Laden, den er für eine Stätte für Wrestlingkämpfe hielt.

(Foto: Robert Haas)

Unser Autor aus Nigeria stellte fest, wie souverän die Münchner im Vergleich zu den Menschen in seiner Heimat im Sex-Shop auftreten.

Unweit des Münchner Hauptbahnhofs gibt es einen Laden, der Poster mit leicht bekleideten Frauen hinter Glasfenstern hängen hat. Von draußen hörte man gut die dröhnenden Lautsprecher. Die Geräusche ordnete ich Wrestlern zu, die gerade im Ring kämpfen. Die Atemgeräusche, das Aufstöhnen und die Schreie sind unverwechselbar. Dachte ich.

Ich ging also von einer Stätte für Wrestlingkämpfe aus, weswegen ich den Laden mangels Interesse an Kampfsport zunächst nicht betrat. Viele aber gingen dort ein und aus. Mit sorgloser Hingabe machten sie sich nach Feierabend auf den Weg. Majestätisch öffneten sie die Eingangstür, unbeeindruckt und souverän. Immer nur Männer. Ich habe mich immer gefragt, wie das wohl zusammen passt. Eine Wrestlingarena ohne Frauenbesuch. Irgendwas stimmte da nicht.

Typisch deutsch

Ihre Flucht hat drei Journalisten nach München geführt. In einer wöchentlichen Kolumne schreiben sie, welche Eigenarten der neuen Heimat sie mittlerweile übernommen haben.

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So kam es, dass ich diesen geheimnisvollen Ort betrat. Ich öffnete die Tür und erklärte, ich sei wegen der Show da. Daraufhin bekam ich ein Handtuch und ein Päckchen mit Seife gereicht. Auf einem Flachbildschirm bekam ich obszöne Szenen zu sehen, die mit einem Wrestling-Kampf eher weniger zu tun haben. Ich wurde gebeten, zu bezahlen und mich in einen Raum zu setzen und zu warten, bis mir Filme gereicht werden. Nun traf es mich wie der Blitz. Das Handtuch war nicht für Kämpfer-Schweiß gedacht, sondern zum Reinigen von Körperflüssigkeiten. Statt in einer Arena war ich in einem Erotik-Laden für Erwachsenenunterhaltung gelandet.

Gerade noch rechtzeitig informierte ich den Mann an der Kasse über meinen Sinneswandel. Dann zog ich meine Kapuze über den Kopf, drückte die Klinke und spähte hinaus in die Dämmerung. Ich wartete, bis die Luft rein war, dann huschte ich nach draußen.

Diesen Laden betritt und verlässt man im Alleingang. Eine Straße weiter beobachtete ich hingegen, wie es vor dem Laden mit der Aufschrift "Sex toys" zuging. Hier strömten sie zu viert oder zu zweit hinein, vielleicht, um sich auf den Valentinstag - besser, die Valentinsnacht - vorzubereiten. Ich sah in der Auslage Ketten, Strapse, Gürtel. Im Hintergrund stöhnten Pornodarsteller wild durcheinander, wie bei einem Orchester, das nicht harmoniert.

Erstaunlich, dass die Besucher solcher Einrichtungen keinesfalls beschämt wirken, im Gegenteil. Im Sex-Toy-Shop kicherten die Kunden, als wären sie Kinder. Sie probierten die Werkzeuge mit teils anzüglichen Gesten aus. Und stellten den Verkäufern Fragen, ohne dass es ihnen die Schamesröte ins Gesicht trieb. Ich hörte sie gar darüber debattieren, wie sich die Vorgänge im Schlafzimmer optimieren ließen. In Nigeria wäre das nicht denkbar. Man würde nicht darüber diskutieren, erst recht nicht bei einem gemeinsamen Besuch im Sex-Shop. Die gibt es zwar, doch wer sie betritt, tut dies alleine und gut vermummt. Hier in München kann man sich die Tarnung hingegen gut und gerne sparen.

Übersetzung aus dem Englischen: Korbinian Eisenberger

© SZ vom 14.02.2020/syn
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