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Fürstenried:Nicht Tor, sondern Torheit

Neurieder Straße 4 bis 12

"Hinkelstein zu Fürstenried": Der Gebäudekomplex an der Neurieder Straße steht in der Kritik. Simulation: Steidle Architekten

Der Stadtteilverein Pro Fürstenried kritisiert die baulichen Dimensionen des geplanten Komplexes an der Auffahrt zur Garmischer Autobahn - und die Informationspolitik der Stadt München

Von Jürgen Wolfram, Fürstenried

Es soll das "Tor zu Fürstenried" werden. Doch aus Sicht des Stadtteilvereins Pro Fürstenried liefert das Projekt der Alva Wohnbau GmbH nur einen weiteren Beleg dafür, wie die baulichen Dimensionen im Viertel aus dem Lot geraten. Es geht um den geplanten Gebäudekomplex an der Neurieder Straße 4 bis 12 mit einem Wohnturm von 53,90 Metern Höhe und 17 Stockwerken. Pro Fürstenried fühlt sich an "Zustände wie in Neuperlach während der Siebzigerjahre" erinnert. Statt von einem "Tor" sollte lieber von einer "Torheit" gesprochen werden, meint Vorstandsmitglied Christoph Söllner.

Das Vorhaben unweit der Auffahrt zur Garmischer Autobahn umfasst insgesamt 143 Wohnungen, eine Kinderkrippe, Gewerbeflächen, Arztpraxen und eine entsprechend große Tiefgarage. Die Kritik von Anwohnern aus dem Umfeld des Stadtviertel-Vereins richtet sich dabei nicht allein gegen den "Hinkelstein zu Fürstenried", sondern bezieht sich auch auf die Informationspolitik der Stadt.

Diese habe mehr oder weniger unbemerkt dem Antrag auf Vorbescheid stattgegeben. Dabei bedürften Fragen, wie diejenige nach dem Verhältnis von geförderten Wohnungen zu Eigentumswohnungen, einer ausführlichen öffentlichen Diskussion, meint etwa Günter Fieger-von Kritter. Selbiges gelte für die absehbare Zunahme des Verkehrs durch das Projekt. Denn schon jetzt sei die Verkehrssituation in der Neurieder Straße zu den Stoßzeiten "nicht mehr tragbar".

Dass die geplante "Monstrosität" am Bürgerwillen vorbei gehe, schon weil vergleichbare Gebäudehöhen in der gesamten Umgebung nicht zu finden sind, glaubt auch Gisela Krupski. Fürstenried werde durch "neue Wolkenkratzer" ganz sicher nicht schöner, meint sie. Sollten auf der gegenüberliegenden Straßenseite weitere Wohntürme in die Höhe schießen, käme am Ende so etwas wie eine moderne Megacity-Stadtmauer dabei heraus. "Früher hielt man mit sowas Angreifer fern, heute, ausgerechnet in Klimawandel-Zeiten, die kühlende Luft", kritisiert Krupski. Sie ruft die Stadt auf, für derart sensible Bereiche mit breiter öffentlicher Beteiligung Bebauungspläne aufzustellen, statt es weiterhin nur mit der Devise "Bauen, bauen, bauen" zu halten.

Auf die Verkehrsproblematik hat wiederholt auch der Bezirksausschuss (BA) Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln hingewiesen. Die Höhenentwicklung ist den BA-Mitgliedern zeitweise ebenfalls ein Dorn im Auge gewesen. Grundsätzlich zeigte sich das Stadtteilgremium aber einverstanden mit dem "neuen städtebaulichen Akzent" im Münchner Südwesten.

© SZ vom 16.11.2020
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