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Neuried:"Allein ist's schon einfach fad, einfach saublöd"

Langer Baum, sehr kleine Runde: 2017 gab es eine große Gaudi, als Neuried seinen Maibaum vor Dieben schützte.

(Foto: Stephan Rumpf)

Es war immer eine Mordsgaudi mit viel Bier und vielen Leuten, wenn der Maibaumverein sein bestes Stück die ganze Nacht vor Dieben schützte. Heute überlassen sie diesen Job einem einzigen Mitglied, der Ausgangssperre und einer Polizei-Vogelscheuche.

Von Veronika Ebner, Neuried

Lachende Kinder laufen durch die Menschenmenge, Bierflaschen klirren beim Zuprosten aneinander, freudiges Gemurmel in der Dämmerung, gespannte Ohren lauschen Lagerfeuergeschichten. Die Partystimmung steigt mit jeder Stunde. Nach der 23. Runde Schafkopf um fünf Uhr morgens begibt man sich schwankend auf den Heimweg, während der neue Tag anbricht. Eine "Mordsgaudi" seien die Maibaumwachen immer gewesen, berichtet Felix Lechner nostalgisch. Denn heuer ist alles anders. Der Vorstand des Neurieder Maibaumvereins blickt auf den diesjährigen Baum. 27 Meter Holz, zwei bis drei Tonnen schwer, liegen da am Stück, abgehobelt, geschliffen und erst vor wenigen Stunden weiß angestrichen. Die Farbe ist noch feucht.

"Wir sind schon froh, dieses Jahr überhaupt einen Baum aufstellen zu können. Den wollen wir uns natürlich auch nicht stehlen lassen", gibt sich der 33-jährige Familienvater kampfentschlossen. Tagsüber unterliegt der Verein denselben Corona-Auflagen wie eine Firma. Die Mitglieder beachteten genau die Mindestabstände, medizinisches Personal teste zwei bis drei Mal in der Woche alle Arbeiter, die Gesundheit gehe vor, betont der Vorstand mit Nachdruck. Die Nachtwache - einst Gelegenheit zum ausgiebigen Feiern - ist heuer nur spärlich besetzt und durch die Ausgangssperre tangiert. Ein Haushalt plus maximal eine weitere Person sind erlaubt.

Der 47-jährige Ernst Matschke hat in seinem Leben schon unzählige Nachtwachen miterlebt. Routiniert und passioniert übernimmt er auch in dieser Saison die meisten Dienste. "Dank Corona hat man sich wenigstens daran gewöhnt, die Zeit rumzubringen. Aber allein ist's schon einfach fad, einfach saublöd", lässt er in urigem Bairisch seinem Frust Lauf, während er den Grill anheizt. Damit der Wächter nicht ganz so einsam ist, haben ihm seine Kollegen einen Kameraden beiseitegestellt, der potenzielle Diebe abschrecken soll. Stramm, mit Stock im Hintern, steht er rund um die Uhr neben dem Maibaum, in grüner Polizeiuniform und - ganz nach Vorschrift - mit FFP2-Maske. Doch in der Birne hat er nur Luft, denn sein Haupt, auf dem eine Kappe thront, besteht aus einem Fußball. Die gebastelte Polizei-Vogelscheuche ist nur ein kleiner Trostspender, aber sie zeugt davon, dass unter schwierigen Umständen Kreativität gedeihen kann.

Der Lederhosen tragende Matschke vermisst es, seinen Kindern das Brauchtum und die Traditionen näherbringen zu können. Wenigstens begleitet ihn heute sein Sohn Yannick bei der Wache, aber das sei einfach nicht wie sonst. Alle vier Jahre stellt Neuried einen neuen Maibaum auf. "Den alten haben wir im November umgeschnitten und daraus Möbel gemacht", die sie jetzt auf Ebay versteigerten, erzählt Felix Lechner. Damit sollen die wegfallenden Einnahmen vom Maifest zumindest ein Stück weit kompensiert werden. Auch das ist eine aus der Pandemie-Not entstandene kreative Idee.

Diese Jacke tragen diejenigen, die Maibaumwach in Neuried halten.

(Foto: Stephan Rumpf)

Gespannt ist der Vereinsvorstand auf den Einfallsreichtum der Maibaum-Meisterdiebe. Denn einen Maibaum unbemerkt und ohne etwas zu beschädigen unter Einhaltung der Corona-Auflagen bis jenseits des Ortsschilds zu manövrieren, dürfte kaum machbar sein. Auf die Frage, ob er denn glaube, dass es dennoch jemand schaffen könnte, meint Lechner salopp: "Glauben tun wir in der Kirche", und fügt lachend hinzu: "Aber ich warte auf den Tag, an dem uns jemand den Baum mit dem Hubschrauber rausholt." Interessant sei die Menge an auswärtigen Kennzeichen, die seit ein paar Tagen durch den Ort fahre.

Gegen halb neun abends wird es langsam frisch, das Feuer im Grill knistert und knackst, die Mägen knurren. Grillmeister Matschke wartet noch auf die optimale Temperatur für seine Steaks und Würstl. Eine Stunde später schlägt die Kirchenglocke halb zehn. Die Bäuche sind beinahe vollständig gefüllt, als auf einmal ein Auto verdächtig langsam am Zaun vorbeirollt. Eine Minute später kommt es aus der anderen Richtung und passiert erneut den Zaun im Schritttempo. "Schaun'S, die kundschaften aus!", sagt der Nachtwächter und beginnt gen Späher zu winken und lauthals "Servus" zu rufen. Ertappt beschleunigt das Fahrzeug und verschwindet in die dunkle Nacht.

An die frühere Gaudi beim Maibaum-Schützen erinnert noch eine Collage mit Fotos von damals.

(Foto: Stephan Rumpf)

Kurz vor zehn werden die Lichter ausgeknipst, nur eines bleibt zur Sicherheit brennen. Ab jetzt bewacht den Maibaum die Ausgangssperre und die Polizeiattrappe. Weil das vielleicht noch nicht reicht, hat der Verein weitere Sicherheitsmaßnahmen installiert. Konkreter wird Lechner nicht, nur so viel: "Man muss ja nicht alles verraten."

© SZ vom 23.04.2021/vewo
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