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Neuhausen:Zu Gast bei Gabriele

Hochgefühl: Auf fünf Etagen können sich junge Menschen mit künstlerischen und medienpädagogischen Projekten an der Gabrielenstraße ausbreiten, wenn auch nur für einige Monate. Auch Neugierige aus der Nachbarschaft sind willkommen.

(Foto: Majid Saif & Max Kratzer/oh)

Ins ehemalige Ausbildungszentrum der Spengler-Innung ist ein Zwischennutzungsprojekt gezogen, das 150 jungen Erwachsenen bis Anfang 2021 Ateliers und Arbeitsräume bietet. Danach entstehen dort Wohnungen.

Von Sonja Niesmann, Neuhausen

Künstlerisch eingebettet in eine Lichtinstallation stemmen die einen Hanteln oder schmettern den Pingpongball über die Platte, während in einem anderen Raum Sport per Computerspiel, E-Sport also, geprobt wird. In Ateliers und Werkstätten im Erdgeschoss wird gewerkelt, während im dritten Stock Schülervertreter und -vertreterinnen ihre Initiativen debattieren oder sich zur Fortbildung treffen. Und ganz oben hilft Refugio Flüchtlingskindern, mit Malen, Musik oder Tanz die Sprachlosigkeit zu durchbrechen: Es ist ein spannender Mix, der da im Haus an der Gabrielenstraße 3 für einige Zeit - voraussichtlich bis Anfang 2021 - geboten ist.

"Gabriele" heißt das Zwischennutzungsprojekt im ehemaligen Ausbildungszentrum der Innung Spengler, Sanitär und Heizung, das auf sechs Etagen mit circa 3000 Quadratmetern Ateliers, sogenannte Coworking Spaces, Ausstellungs-, Workshop- und Bildungsräume für rund 150 junge Erwachsene bietet. Auf Initiative und Vermittlung des Bezirksausschusses Neuhausen-Nymphenburg und mit Unterstützung des Münchner Projektentwicklers Bauwerk Development engagieren sich elf gemeinnützige Gruppen. Unter der Führung des in der Jugendkultur und -bildung stark engagierten International Munich Art Lab (Imal) sind dies das Medienzentrum München, das gleich gegenüber an der Rupprechtstraße beheimatet ist, Eduart k, die Stadtschüler- und -schülerinnenvertretung, das Münchner Schülerinnenbüro, der Verein Munich eSports, Common Ground, die Refugio-Kunstwerkstatt, Zugdirekt und Drehmetrie. Zusammengetan haben sich außerdem das Kreativ-Kollektiv Tam Tam, das einst der sogenannten Pappschachtel am Pasinger Marienplatz einen sound- und lichtstarken Abgang bereitete und im Oktober am Marienplatz einen Lauschangriff im Kuppelzelt startete, und "Flo-Stern", ebenfalls ein alter Zwischennutzungs-Bekannter. Sie alle bespielen die unterschiedlichen Etagen des Gebäudes eigenständig, aber in kreativer Kooperation miteinander.

Wohnlich für eine Weile: In kürzester Zeit haben die Neueingezogenen die Räume Anfang Oktober hergerichtet.

(Foto: Thomas Kupser/oh)

"Corona bringt die Sozial- und Jugendprojekte in eine sehr schwierige Situation, da viele Projekte durch den Mangel an Raum nicht mehr durchgeführt werden können. Mit Gabriele kann dieser Mangel zumindest partiell behoben werden", sagt Ulrich Gläß von Imal erfreut. Und Sebastian Ring von der Leitung des Medienzentrums ergänzt: "Solche Räume dauerhaft zu verankern, wäre unser großes Ziel." Neben der täglichen Arbeit sind regelmäßige Präsentationen sowie einmal monatlich ein Tag der offenen Tür geplant, damit will "Gabriele" sich nach außen bekannt machen, sich dem Viertel öffnen. Die Nachbarschaft ist freilich schon aufmerksam geworden auf die neue, bunte Hausgemeinschaft; Hausaufgabenhilfen haben nach einem Raum gefragt, Chöre möchten dort proben, erzählt Gläß.

Bauwerk Development hat das Grundstück an der Gabrielenstraße 3/Rupprechtstraße 22 Ende 2019 von der Salvis AG erworben. Deren Tochter, die Horus Residential GmbH, hatte 2018 bereits Pläne eingereicht für knapp 100 Wohnungen in einem fünfgeschossigen, L-förmigen Vordergebäude und einem viergeschossigen Rückgebäude, dafür müssen das Parkhaus mit 340 Stellplätzen an der Rupprechtstraße 22 und das Innungsgebäude an der Gabrielenstraße 3 abgerissen werden. Obwohl noch im Vorbescheidstadium war das Vorhaben schon der Stadtgestaltungskommission vorgestellt worden, die in seltener Einmütigkeit in Begeisterung ausbrach und den architektonischen "Mehrwert für die Gesellschaft" lobte. Im Viertel selbst hielt sich die Begeisterung damals stark in Grenzen, anstatt über großartige Fassadengestaltung zu jubeln, solle man lieber auf den Bau erschwinglicher Wohnungen für Normalverdiener, vor allem für Familien mit mehreren Kindern, dringen, zürnten Anwohner damals.

Bauwerk sei mit seiner Planung noch ziemlich am Anfang, erklärt deren Pressesprecherin Julia Wald. Fest stehe, dass an der Rupprechtstraße Büroräume entstehen sollen, an der Gabrielenstraße Wohnraum - laut Wald Eigentumswohnungen, "unserem Geschäftsmodell entsprechend". Das Architekturbüro Allmann, Sattler, Wappner plane den Neubau in Holzhybridbauweise. Und möglicherweise, so Wald, könne an der Ecke eine Art Begegnungsraum Platz finden, ein Nachbarschaftstreff etwa oder ein Coworking Space - eine kleine Reminiszenz an Gabriele quasi, die dann längst das Schicksal aller Zwischennutzungsprojekte erlitten haben wird.

© SZ vom 29.10.2020

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