Versuch in NeuhausenEinmal im Monat sind Autos tabu

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Die Münchner Kolumbusstraße wurde für das Forschungsprojekt "Autoreduzierte Quartiere für eine lebenswerte Stadt" (AQT) begrünt und für den Verkehr gesperrt. Es war ein heftigst umstrittener Verkehrsversuch.
Die Münchner Kolumbusstraße wurde für das Forschungsprojekt "Autoreduzierte Quartiere für eine lebenswerte Stadt" (AQT) begrünt und für den Verkehr gesperrt. Es war ein heftigst umstrittener Verkehrsversuch. (Foto: Alessandra Schellnegger)

Dann gehört die Hanebergstraße in Neuhausen einen Nachmittag lang den Kindern. Das Projekt soll die Debatte über die Aufteilung des öffentlichen Raumes in einer dicht besiedelten Stadt voranbringen.

Von Patrik Stäbler

Die Hanebergstraße in Neuhausen kommt auf ihren 400 Metern von der Taxisstraße bis zum Mittleren Ring reichlich unscheinbar daher. Immer wieder geht’s über Kopfsteinpflaster, beidseits parken Autos, und abgesehen vom Schleichverkehr, der sich ein Vermeiden der Landshuter Allee erhofft, ist hier vergleichsweise wenig los – für gewöhnlich. Anders sieht es jedoch am letzten Donnerstagnachmittag eines Monats aus. Denn da sind Autos – stehend wie fahrend – tabu in der Hanebergstraße. Stattdessen tummeln sich dort an die 150 Kinder mit ihren Eltern, spielen Basket- und Fußball, bauen Kreisel, hantieren an überdimensionalen Brettspielen oder hüpfen zwischen bunten Kreidekästchen umher, die sie zuvor auf die Fahrbahn gemalt haben.

 „Temporäre Spielstraße“ nennt sich diese Aktion, die heuer in Neuhausen bereits im dritten Jahr stattfindet – als Kooperationsprojekt des örtlichen Bezirksausschusses (BA) und der Arbeitsgemeinschaft Spiellandschaft Stadt sowie dem in der Hanebergstraße beheimateten Jugendtreff Oase und dem benachbarten Abenteuerspielplatz des Kreisjugendrings. „Die Idee ist, dass wir die Straße als Spiel- und Begegnungsraum erobern“, sagt Gerhard Knecht von der Spiellandschaft Stadt. Schließlich werde in der münchenweit geführten Debatte über die Neuaufteilung des Straßenraums zwar viel über die Belange von Radfahrenden diskutiert, über potenzielle Erholungsräume und mehr Platz für Fußgänger. Doch eine Gruppe komme meist zu kurz, findet Gerhard Knecht. Nämlich: junge Menschen, die ihm zufolge „das Recht zu spielen“ haben und sich dabei auch öffentlichen Raum aneignen dürfen. Sprich: Sie sollen auf der Straße spielen können, wie es bei früheren Generationen noch vielerorts üblich war.

Doch wie kann Straßen- und Parkraum in Spiel- und Begegnungsorte für Kinder und Jugendliche umgewandelt werden? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein Fachtag zum Thema „Recht auf Spielstraße“, der in der Oase Neuhausen Vertreterinnen und Vertreter diverser Initiativen und Vereine, aber auch aus Politik und Rathaus zusammengebracht hat. „Unser Ziel war es, dass sich die verschiedenen Gruppen an einen Tisch setzen, um Erfahrungen und Ideen auszutauschen“, sagt Gerhard Knecht. Dabei blicken die Teilnehmer nicht nur auf das Pilotprojekt in der Hanebergstraße, sondern auch auf weitere Modelle zur Umnutzung von Straßenraum. So berichtet etwa Rebecca Gepperth aus dem städtischen Mobilitätsreferat über „Sommerstraßen – ein Münchner Ansatz“, also jene temporäre Verkehrsberuhigung während der warmen Monate, die es seit 2019 an verschiedenen Orten in der Stadt gibt. Mareike Schmidt von der Technischen Universität München blickt auf einen besonders umstrittenen Verkehrsversuch – nämlich das AQT-Projekt in der Kolumbusstraße, deren Umgestaltung 2023 in eine grüne Oase mit Rollrasen, Sandkasten und Sitzbänken das Viertel regelrecht gespaltet hat. 

Zudem stellt Cornelia Dittrich aus Berlin das Bündnis Temporäre Spielstraßen vor, das selbige in den vergangenen Jahren in der Hauptstadt etabliert hat – und auch als Vorbild für die Hanebergstraße diente. Diese soll 2025 erneut an einem Nachmittag im Monat autofrei und zum Spielplatz für junge Menschen werden. Darüber hinaus kündigt eine Vertreterin des Mobilitätsreferats an, dass die Behörde dem Stadtrat kommendes Jahr ein Konzept vorlegen wolle, um derlei temporäre Spielstraßen auch an anderen Stellen in München zu erproben. „Ich glaube, da gibt es viel Potenzial“, sagt Grünen-Stadträtin Anna Hanusch, die als BA-Vorsitzende am Pilotprojekt in der Hanebergstraße beteiligt war. „Der Charme an solchen temporären Spielstraßen ist, dass man etwas ausprobieren kann, und die Straße auch nur für einige Stunden umgenutzt wird. Das birgt deutlich weniger Konfliktpotenzial als bei längeren Aktionen wie in der Kolumbusstraße oder bei Sommerstraßen.“

Dass es generell eine Neuaufteilung des Straßenraums in München braucht, steht für Anna Hanusch außer Frage. „Wir sind eine dichte Stadt, und der Druck auf den öffentlichen Raum wird immer größer“, sagt die BA-Chefin. „Diesen Bedarf können wir nicht nur in Parkanlagen und an der Isar befriedigen. Als Ergänzung braucht es Räume vor Ort – vor allem auch für Kinder, Jugendliche und ältere Menschen.“ So wie dies an jedem letzten Donnerstagnachmittag eines Monats in der Hanebergstraße geschieht, die als temporäre Spielstraße „ein Begegnungsort für alle“ sei, sagt Gerhard Knecht. „Ich würde mir wünschen, dass wir in München mehr solcher Projekte umsetzen.“

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