Neue Wohngebiete im Münchner Nordosten:Viele Fragen beim Strampeln

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Neue Wohngebiete im Münchner Nordosten: Erkundungstouren im Nordosten werden im Juli und im September noch einmal angeboten.

Erkundungstouren im Nordosten werden im Juli und im September noch einmal angeboten.

(Foto: Stephan Rumpf)

Planer und Architekten begeben sich mit Interessierten auf Radtouren durch die geplanten Neubaugebiete im Münchner Nordosten. Dabei wird klar, wie sehr das Vorhaben viele bewegt.

Von Ilona Gerdom

Im Schatten hinter dem S-Bahnhof Englschalking haben sich mehr als 20 Leute zu einer Radtour versammelt. Viele haben neben ihrem Rad auch Fragen und Meinungen zum Münchner Nordosten mitgebracht. Nicht weit vom Treffpunkt soll Wohnraum für 30 000 Menschen entstehen. Bei einem Radausflug stellen Architekten und Planungsreferat ihre Pläne vor. Es zeigt sich: Bürgerinnen und Bürger treiben die Größe des Projekts, die Höhe der Häuser und der Verkehr um. Einiges bleibt offen - vor allem, weil man noch in der Prüfungsphase ist.

Eigentlich sollte die Tour der Münchner Volkshochschule gegen 17 Uhr starten. Eine Stunde später steht die Gruppe immer noch auf dem Schotterweg neben den Gleisen. Der Gesprächsbedarf ist groß. Es geht zum Beispiel um die 30 000 Menschen, die hierherziehen sollen: Ob das nicht zu viele wären? Auch aus Sicht des Naturschutzes?

"Fangen wir ruhig bei dieser Zahl an", sagt Björn Severin vom Architekturbüro Rheinflügel Severin. Er und Timo Herrmann von BBZ Landschaftsarchitekten haben mit ihren Entwürfen den städte- und landschaftsplanerischen Wettbewerb gewonnen. Ihre Pläne sind Grundlage für das weitere Vorgehen.

Die Büros legten Vorschläge für 10 000, 20 000 und 30 000 Bewohner vor. Der Stadtrat entschied sich vor Kurzem für die letzte Variante. "Auch für uns ist das die Sinnvollste wegen der Potenziale, die der Ort bietet", erklärt Severin. Er meint damit, dass man zum Beispiel gute Anbindungen an den öffentlichen Nahverkehr schaffen könnte - geplant sind U- und Trambahn. "Man kann hier wirklich ein nachhaltiges Stück Stadt bauen", findet der Architekt.

Neue Wohngebiete im Münchner Nordosten: Bis zu 30 000 Menschen sollen einmal auf dem Gebiet wohnen können, von dem sich heute ein guter Blick auf das Hochhaus der Süddeutschen Zeitung bietet.

Bis zu 30 000 Menschen sollen einmal auf dem Gebiet wohnen können, von dem sich heute ein guter Blick auf das Hochhaus der Süddeutschen Zeitung bietet.

(Foto: Stephan Rumpf)

Einige der Anwesenden sehen das anders. Manche sind aus Daglfing oder Johanneskirchen, wieder andere aus Aschheim gekommen. Eine Befürchtung ist, dass eine Messestadt 2.0 entstehen könnte. Dort sei alles "quadratisch und klotzig", kritisiert eine Bürgerin. Jemand anders sieht sich bereits "umzingelt von Hochhäusern".

Severin beschwichtigt: "Sicherlich wird es keine Hochhaussiedlung. Was nicht heißen soll, dass es nicht an bestimmten Stellen Hochpunkte geben kann und soll." Herrmann betont außerdem "gewaltige Unterschiede" zur Riemer Planung. Dort sei der "riesige Park" der Wohnsiedlung vorgelagert. Im Münchner Nordosten sei die Planung "situativ" und "in kleinen Clustern". Man habe "sensibel agiert" und "keine überdimensionale Planung drübergelegt".

Das heißt, entwickelt wird nicht auf einer zusammenhängenden Fläche, sondern in Teilbereichen. Nicht alle sollen dabei gleich dicht besiedelt werden, so die Architekten. Manchmal, wie eine Ackerfläche am nördlichen Rand Englschalkings zeigt, handelt es sich auch um "klassische Ergänzungen". Das bedeutet, Neubauten sollen sich am Bestand orientieren.

Schließlich schwingt man sich auf die Räder. Zwischen Feldern kommt die Gruppe zum Stehen. Herrmann zeigt über die Glücksburger Straße. Man sieht: Noch ein Feld, am Ende einige Bäume. Dahinter läuft der Hüllgraben. Zwischen Bach und Straße könnte doch eine Ähnlichkeit zur Messestadt entstehen: ein Badesee, etwa so groß wie der Riemer See. Hier sollen "Landschaft und Stadt verbunden" werden, so die Vision.

Neue Wohngebiete im Münchner Nordosten: "Urban" und "städtisch" soll das Quartier werden. Wie das gelingen soll, erläutern die Planer und die Architekten auf der Tour.

"Urban" und "städtisch" soll das Quartier werden. Wie das gelingen soll, erläutern die Planer und die Architekten auf der Tour.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Bebauung, die sich im Süden des Gewässers befinden würde, soll das Zentrum des Quartiers werden. "Urban" und "städtisch", sagen die Planer. "Da soll Leben entstehen", so Severin. Dort sei die "maximale Dichte" vorgesehen. Zwischen See und Daglfinger Ortskern wären sieben Stockwerke denkbar.

Heute ist man mit dem Rad unterwegs. Aber natürlich spielt das Auto an diesem Nachmittag trotzdem für viele eine Rolle. Severin macht deutlich, dass man "kein autofreies Gebiet" plane: "Es ist klar, dass das Auto zur Erschließung gehört. Im besten Fall wird es autoarm." Was die Anbindung angeht, soll ein Verkehrsgutachten Klarheit bringen.

"Das ist unser nächster Job: Alles abklopfen", erklärt Michael Bacherl vom Planungsreferat. Und zwar nicht nur beim Verkehr. Dazukommen beispielsweise Gutachten zum Stadtklima oder agrarstrukturelle Untersuchungen. Die Frage eines Bürgers, wie Wasser in den See kommt, steht ebenfalls auf der Liste zu klärender Punkte.

Neue Wohngebiete im Münchner Nordosten: Ein großes Thema: Welche Grünflächen sollen erhalten bleiben, welches Grün soll neu entstehen?

Ein großes Thema: Welche Grünflächen sollen erhalten bleiben, welches Grün soll neu entstehen?

(Foto: Stephan Rumpf)

Während der Tour wird an Äckern und Wiesen vorbeigestrampelt. Viele davon sind Teil der Planung. Die Grundstücke und das Instrument der Städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme (SEM) beschäftigen einige Teilnehmer. Bacherl betont, man befinde sich auch hier noch in den "vorbereitenden Untersuchungen". Er meint: "Circa 2026/27 könnten sie so weit gediehen sein, dass es eine Entscheidung des Stadtrats zur Umsetzung gibt."

Vögel zwitschern, der Hüllgraben plätschert, man steht nun in der Grünanlage nahe der Olympiareitsportanlage. Sie gibt einen Vorgeschmack auf die Grünplanung. Zentral ist dabei laut Herrmann ein Streifen, der von Nord nach Süd entlang des Hüllgrabens läuft. Wichtig sei er auch zum Erhalt der Kaltluftschneise. Dazukommt ein Aktivitätenband, das die einzelnen Siedlungsteile verbindet und schließlich an das Reitgelände anknüpft.

Die Olympiafläche ist der nächste und letzte Halt. Dort kommen nochmal große Fragen auf: Wie man das Gebiet mit Energie und Wärme versorgen könne? Ob es wohl an die Geothermie angeschlossen wird? Die Antwort: Man weiß es noch nicht. Oder in Björn Severins Worten, die vieles des während der Tour Gesagten zusammenfassen: "Die Zeit der Gutachten ist gekommen".

Weitere Radtouren finden am Donnerstag, 21. Juli, und am Mittwoch, 14. September, statt. Anmelden kann man sich unter www.mvhs.de.

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