Frustrierte Eltern in LochhausenMittagsbetreuung: 65 Prozent der Bewerber erhalten eine Absage

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„Diesmal werden wir nicht aufgeben“: Empörte Mütter vor der Grundschule Lochhhausen.
„Diesmal werden wir nicht aufgeben“: Empörte Mütter vor der Grundschule Lochhhausen. Robert Haas

Der Wohnungsbau am westlichen Münchner Stadtrand boomt, doch die Infrastruktur hinkt hinterher. 137 Familien fordern die Stadt auf, für Schule, Horte und Sportunterricht mehr zu tun.

Von Ellen Draxel

Als Farida Flentje vor Kurzem mit ihrer Familie nach Lochhausen zog, glaubte sie, die reine Idylle gefunden zu haben. Die in Werbeprospekten von Wohnungsbaugesellschaften beschriebene Lage in unmittelbarer „Nachbarschaft zum Landschaftsschutzgebiet Aubinger Lohe, eingebettet zwischen Badeseen, Wäldern und Feldern“ entsprach den Tatsachen – die Gegend ist grün und ruhig. Warum also nicht auch Teil zwei des Marketings Glauben schenken? Dem Teil mit der guten Infrastruktur? „Damals hatten wir noch die romantische Vorstellung von einer Schule nebenan samt Kinderbetreuung nach dem Unterricht“, erzählt die Mutter. Inzwischen weiß sie: Die Realität sieht anders aus. Einen Betreuungsplatz für ihren Sohn, der im September in die Schule kommt, hat sie nicht bekommen. Stand heute müsste die Patentprüferin ihren Job reduzieren, um sich um Magnus zu kümmern. Was sie nicht will.

Wie Flentje ergeht es vielen Eltern in Lochhausen. Der Stadtteil am westlichen Stadtrand von München an der Grenze zur Gemeinde Gröbenzell boomt, an mehreren Ecken entstehen Neubaugebiete. Bis in zehn Jahren wird sich die Einwohnerzahl in Lochhausen und Langwied nahezu verdoppelt haben, auf dann rund 13 000 Menschen. Die Schulsituation aber hat sich im Vergleich zum Zustand davor kaum verändert. „Mein Mann ist vor 40 Jahren auf dieselbe Grundschule gegangen wie die Kinder heute“, sagt Kathrin Haag-Eberlein. Die junge Frau ist selbst Lehrerin, drei Jahre lang musste sie in ihrem Beruf eine Zwangspause einlegen mangels Kita-Platz für ihren Sohn. „Und dabei haben wir Lehrermangel.“ Und jetzt der Kampf um die Nachmittagsbetreuungsplätze. Zustände seien das, schimpft sie, „wie in einem Entwicklungsland“.

17 Klassen beherbergt die Lochhausener Grundschule am Schubinweg 3 in diesem Schuljahr, drei Einrichtungen kümmern sich um die Förderung und Betreuung der Erst- bis Viertklässler nach dem Unterricht. Die Mittagsbetreuung am Schubinweg, genannt „Mitti“, ist die größte, sie bietet 163 Plätze, die alle belegt sind. Für kommendes Schuljahr musste das Team bereits 44 Absagen verschicken – ein Nein an rund 65 Prozent der Bewerber. „Dazu haben wir 27 Kinder auf der Warteliste, deren Eltern wir überhaupt noch nicht kontaktiert haben, weil sie sich außerhalb unserer Frist meldeten“, erklärt Mitti-Leiterin Corinna Baron-Rühl. Denn die meisten Familien sind erst neu zugezogen.

Die Mittagsbetreuung am Schubinweg bietet 163 Plätze, alle sind belegt. 44 Absagen wurden verschickt.
Die Mittagsbetreuung am Schubinweg bietet 163 Plätze, alle sind belegt. 44 Absagen wurden verschickt. Robert Haas

Außer der Mitti gibt es noch den städtischen Hort an der Schussenrieder Straße mit Platz für 50 Kinder und die Paritätische Kita Schubidu, die 25 Hortkinder betreut. Auch dort sind die Wartelisten lang, insgesamt 125 Kinder stehen drauf. Allerdings, gibt man im Referat für Bildung und Sport zu bedenken, meldeten Eltern ihre Kinder oft bei mehreren Einrichtungen an.

Immerhin: Das Haus für Kinder an der Marianne-Hoppe-Straße, das zuletzt kurz vor der Schließung stand, wird nun doch nahtlos weitergeführt. Die Einrichtung „Sonnila“ des Vereins „Hilfe von Mensch zu Mensch“ hatte erst voriges Jahr eröffnet, dann aber meldete der Träger Insolvenz an. Der Grund laut Verein: Kürzungen bei der Förderung durch die Stadt. Und „in erheblichem Umfange teilweise nicht und teilweise nicht fristgerecht bezahlte“ Ansprüche für Betreuungsleistungen. Weshalb dem Verein nun die „Liquidität“ fehle, „um über den Juni hinaus Löhne, Betriebs- und Sachkosten pünktlich bezahlen zu können“. Mehr als 100 Mädchen und Jungen wären von der Schließung zum 30. Juni betroffen gewesen, rund die Hälfte davon aus dem Hort.

Die Stadt, der die Immobilie gehört, schrieb daraufhin die Trägerschaft in einem beschleunigten Verfahren neu aus. Von 1. Juli an wird nun der Verein „Isarkinder“ die Einrichtung betreiben und auch das Personal übernehmen. „Die dringend benötigten Betreuungsplätze in Lochhausen bleiben somit erhalten“, betont die Sprecherin des Bildungsreferats, Corinna Kreiler. Mit dem neuen Träger habe man gute Erfahrungen gemacht. Dank dieser gesicherten Hortplätze liegt der Versorgungsgrad jetzt wieder bei 71 Prozent in Lochhausen und Langwied. Ohne sie wäre er auf 59 Prozent gefallen.

Für Denissa Neumann dennoch kein Grund, von ihrer Kritik abzurücken. „De facto“, kritisiert die IT- und Business-Beraterin, „ist es politische Fahrlässigkeit, so viele Wohnungen zu genehmigen, ohne die Infrastruktur zu bieten.“ Der reale Belegungsfaktor von Wohnungen liege laut Einschätzung der Schule, von Eltern und lokalen Sozialträgern bei knapp vier Personen pro Wohnung, die Planungsgrundlage der Stadt von 2,19 sei deshalb „deutlich zu niedrig angesetzt“. Die Eltern, weiß die Mutter von zwei Kindern, seien mittlerweile „wirklich wütend, frustriert und verzweifelt“.

Die Stunden im Job reduzieren – die letzte Option?

Wie Nataliya Stoyanova, die schon in Neuhausen fast keine Hebamme fand, dann keinen Kindergartenplatz trotz 23 Bewerbungen und nun in Lochhausen keine Nachmittagsbetreuung. Bei allen drei Horten hat die Finanzexpertin ihren Sohn angemeldet, dazu in Freiham, Gröbenzell und bei Privatschulen. Ergebnis: nur Absagen. „Die einzige Option, die ich jetzt noch habe, ist, meine Stunden zu reduzieren“, sagt sie. „Obwohl wir uns das nicht leisten können, weil ich der Hauptverdiener der Familie bin.“

Wie 137 weitere Familien haben auch die Stoyanovs daher einen Antrag zur Erweiterung der Grundschule am Schubinweg unterzeichnet, den Neumann bei der Bürgerversammlung Ende Mai eingereicht hat. Gefordert wird darin nicht nur eine Lösung der Betreuungssituation am Nachmittag, sondern auch wieder regelmäßiger Sportunterricht in einer Turnhalle. Denn mangels Kapazitäten dürfen die Schüler und Schülerinnen nur alle drei Wochen in die kleine Halle. Die restliche Zeit findet der Sportunterricht im Klassenzimmer statt.

Der Vorschlag der Eltern, abgestimmt mit der Schulleitung der Grundschule: eine bauliche Erweiterung der bestehenden Turnhalle, inklusive der „Schaffung multifunktionaler Fachräume zur pädagogischen Nutzung“. Nutzbar für Musik oder Werken und eine offene Kinder- und Jugendarbeit. Und kurzfristig eine Containerlösung von kommendem Schuljahr an.

Die Stadt verspricht eine neue Grundschule. Aber wann und wo?

Zumal das Thema an sich alles andere als neu ist: Die Bürgervereinigung Lochhausen-Langwied hat schon vor zehn Jahren, flankiert von der Lokalpolitik, den Bau einer neuen Dreifachturnhalle und einer zweiten Grundschule empfohlen. Diese zweite Schule soll laut Planungsreferat „entsprechend der Bedarfsentwicklung durch Wohnbauvorhaben in der Zukunft zeitgerecht auch errichtet werden“, verspricht Planungsreferatssprecher Ingo Trömer. Wann und wo sei aber noch offen.

Und von 2026 an gilt auch noch ein gesetzlicher Anspruch auf Ganztagsbetreuung. „Diesmal“, prognostiziert Denissa Neumann, „werden wir nicht aufgeben. Die Zermürbungstaktik funktioniert nicht mehr.“ Sie will sich direkt an Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD) wenden, die den Eltern bei der Bürgerversammlung Unterstützung zugesagt hat. Es sei „an der Zeit für die Stadt, aktiv zu werden“, betont auch Mitti-Chefin Corinna Baron-Rühl. „Die Kommune kann nicht alles auf dem Rücken der Kinder austragen – das ist sehr zynisch.“

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