Der Braunschweiger Mikrobiologe Jörg Overmann wird am 1. August neuer Generaldirektor der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns. Wie Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) am Mittwoch bestätigte, wird Overmann, 63, zugleich den Lehrstuhl für Molekulare Biodiversitätsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) leiten. Der renommierte Biologe war bis jetzt wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts „Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen“ (DSMZ), das nach eigenen Angaben einen weltweit einzigartigen Bestand an menschlichen und tierischen Zelllinien, Pilzen, Pflanzenviren und Bakterien besitzt.
Die Staatsregierung verbindet damit auch die Hoffnung, die eigenen Sammlungen in die Leibniz-Gemeinschaft führen zu können. Leibniz-Einrichtungen werden von Bund und Ländern gefördert und pflegen enge Kooperationen mit Hochschulen, der Industrie und internationalen Forschungspartnern. „Mit einer erstmals hauptamtlichen Generaldirektion, vielen neuen Stellen und zusätzlichen Mitteln legen wir die Grundlage für eine komplette Neuaufstellung der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen. So machen wir aus einem gewachsenen System eine schlagkräftige, moderne Forschungseinrichtung auf Höhe der Zeit – mit der Exzellenzuniversität LMU im Rücken“, sagte Blume.
Mit seiner Expertise in der Wissenschaftskommunikation soll Overmann auch das geplante Bayerische Naturkundemuseum neu konzipieren. Dieses entsteht anstelle des jetzigen Museums Mensch und Natur in Schloss Nymphenburg. Die Erweiterung war zuletzt wegen verschiedener politischer Querelen ins Stocken geraten. Nach dem Weggang des Gründungsdirektors Michael Gorman war die Zukunft ungewiss. Jetzt soll neuer Schwung in das Projekt kommen. „Was wir mit dem Deutschen Museum als Leibniz-Forschungseinrichtung im Bereich der Technik erreicht haben, wollen wir mit dem neuen Museum im Bereich der Lebens- und Umweltwissenschaften erzielen“, sagte der Minister: internationales Renommee.
Für den neuen Generaldirektor, der am Tag seines Dienstantritts seinen 64. Geburtstag feiert, ist München keineswegs unbekannt. Zehn Jahre lang, von 2000 bis 2010, hatte er eine Professur an der LMU und war zuletzt Direktor des Departments Biologie. „Damals arbeiteten wir schon eng mit den Staatssammlungen zusammen“, sagt Overmann. In den vergangenen Jahren war er zudem Vorsitzender von deren wissenschaftlichem Beirat, kennt also auch Personen und Strukturen.
Die Sammlungen für Zoologie, Botanik, Geologie, Mineralogie, Paläontologie, Anthropologie und Paläoanatomie sind alle in München beheimatet. Sie betreuen aber auch zehn Museen, darunter das beliebte Museum Mensch und Natur und den Botanischen Garten sowie die fünf Regionalmuseen in Bayern. Zusammen ziehen sie jährlich etwa 800.000 Besucherinnen und Besucher an. Die Sammlungen verfügen über einzigartige Objekte – etwa die weltweit größte Schmetterlingssammlung, Dinosaurier-Skelette und ein einmaliges Pflanzenarchiv. Sie verfolgen wichtige Projekte wie etwa das DNA-Barcoding Projekt, eine ständig wachsende Datenbank heimischer Arten. Doch sie führten bislang ein starkes Eigenleben. Auch bei der Digitalisierung und der Kommunikation untereinander und nach außen hatten sie Nachholbedarf.
Overmanns Vertrag läuft über fünf Jahre. In dieser Zeit will er „eine kohärente Einrichtung schaffen, die international sichtbar ist und neue Projektförderungen bekommt“, so der Biologe. „Wissenschaft hat die Verpflichtung, ihre Relevanz der Gesellschaft zu erklären. Warum bewahren wir die 30 Millionen Objekte der Sammlungen, wie entwickeln wir sie weiter und welche Erkenntnisse über Klima, Artenvielfalt oder die Fruchtbarkeit der Böden ziehen wir daraus, die für das Überleben der Menschheit wichtig sind?“
Dass Overmann Forschung und Management beherrscht, habe er am DSMZ in Braunschweig bewiesen, heißt es von dort. Er habe das Institut in den vergangenen 15 Jahren um fünf neue Abteilungen, darunter den Bereich Mikrobielle Ökologie und Diversitätsforschung, erweitert und die Digitalisierung der Bestände eingeleitet. Sein wissenschaftliches Werk widmet sich besonders der Vielfalt von Mikroorganismen – von Tiefseebakterien bis zum Einfluss von Bakteriengemeinschaften an Pflanzenwurzeln, auf Amphibien oder Fischen.

