Klima- und Naturschutz:Umweltverbände warnen vor Bebauung im Münchner Norden

Neubauprojekt München Hasenbergl, 2019

In Feldmoching soll ein Neubaugebiet mit etwa 900 Wohnungen enstehen. Das Projekt befindet sich noch in der Planung, ab Mitte der 2020er sollen die ersten Bewohner einziehen können.

(Foto: Florian Peljak)

Bund Naturschutz und Landesbund für Vogelschutz kommen zu dem Ergebnis: Fast die gesamten 900 Hektar rund um Feldmoching, auf denen einmal Wohnraum entstehen soll, sind von immenser Bedeutung für das Artenvorkommen und die Kühlung der Stadt.

Von Thomas Anlauf

Bund Naturschutz und Landesbund für Vogelschutz lehnen eine dichte Bebauung eines 900 Hektar großen Gebiets im Münchner Norden deutlich ab. In einer monatelangen Untersuchung haben die Naturschützer die Flächen im Planungsgebiet unter Klima- und Naturschutzaspekten kartiert. Das Ergebnis ist eindeutig: Lediglich fünf Prozent des Gebiets bei Feldmoching seien demnach überhaupt für eine Bebauung geeignet, alles andere seien "Tabuflächen", sagte Christian Hierneis, Vorsitzender des Bundes Naturschutz, in München am Donnerstag.

"Die seit Jahrzehnten gemachten Fehler der Stadtplanung dürfen sich nicht wiederholen. Die noch vorhandenen klimatischen und ökologischen Funktionen des Gebietes müssen erhalten bleiben", sagt der Landtagsabgeordnete der Grünen. Die landwirtschaftlich geprägte Fläche wirkt lediglich auf den ersten Blick nicht sonderlich schützenswert. Doch die Untersuchungen haben ergeben, dass dort wichtige Kaltluftschneisen zur Kühlung der Stadt liegen, die durch eine Bebauung zerstört würden.

Besonders bedeutsam sei aber auch die Artenvielfalt in dem Gebiet, in dem auch Fasaneriesee und Feldmochinger See liegen. Das Planungsgebiet, in dem die Stadt Zehntausende bezahlbare Wohnungen schaffen will, ist nach Angaben von Experten des Landesbundes für Vogelschutz (LBV) und des Bundes Naturschutz (BN) das bedeutendste Brutgebiet des stark gefährdeten Kiebitzes und auch der Feldlerche. Gerade die Kiebitze "brauchen große unbebaute Flächen", sagt Stadtökologe Maximilian Mühlbauer, der die Untersuchung maßgeblich zusammengefasst hat.

Auch andere Lebewesen sind auf die großen Freiflächen im Münchner Norden angewiesen. Das größte Vorkommen der Wechselkröte liegt genau in dem Planungsgebiet, Naturschützer haben auch Zauneidechsen, Laubfrösche, Flussregenpfeifer, Goldammern, die Blauflügelige Ödlandschrecke, Idas-Bläulinge und viele Wildbienen gefunden. "Wir haben dort eine relativ unzerschnittene Landschaft", sagt Mühlbauer. Das Gebiet liege im Grüngürtel und zum Teil in der Moos- und Heidelandschaft im Norden der Stadt. Es gibt Magerrasenflächen und Kiefernwäldchen, der Nordwesten ist Landschaftsschutzgebiet.

"Aufgrund ihrer Bedeutung für den Klima- und den Naturschutz ist eine Bebauung der von den Grünzügen erfassten Flächen inakzeptabel", heißt es in dem gemeinsamen Positionspapier von BN und LBV. Lediglich ein Abschnitt zwischen der bestehenden Bebauung von Feldmoching und der Autobahn im Norden des Planungsgebiets seien für eine weitere Bebauung geeignet, so Hierneis. Denn auch die Landwirtschaft dort trage mit ihrer Form der Bewirtschaftung dazu bei, dass es dort noch eine große Artenvielfalt an Pflanzen und Tieren gebe. Das kann auch Edward Obika bestätigen. Der Feldmochinger ist Imker und war zunächst skeptisch, ob Bienenhaltung in der Stadt überhaupt funktioniere. Doch im Gegensatz zu Imkern aus dem Umland, die oft zufüttern müssen, gedeihen seine Bienenvölker dank des großen Nahrungsangebots an Blüten.

Ein weiterer Aspekt zum Erhalt der Kulturlandschaft im Münchner Norden sei die Naherholung, wie Sylvia Engel vom LBV betont. Die Landschaft mit ihren Seen und Bächen stelle ein wichtiges und einfach zu erreichendes Naherholungsgebiet dar. "Gerade im dicht bebauten München ist die Bevölkerung auf große Freiräume zur Naherholung und zum Erleben der Natur angewiesen. "In München brauchen wir bezahlbaren Wohnraum und bezahlbare Naherholung", so Engel und Hierneis. Doch die Frage sei, wo neuer Wohnraum geschaffen werde. Im Gegensatz zum anderen geplanten Siedlungsgebiet im Nordosten, wo ebenso wie im Norden mittels einer städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme (SEM) Wohnungen für Zehntausende Menschen gebaut werden sollen, sei im Raum Feldmoching kaum eine sinnvolle Besiedlung möglich, ohne die Natur zu zerstören.

Auch im Planungsgebiet zwischen Johanneskirchen und Daglfing hatten die Naturschutzverbände Untersuchungen zum Klima- und Artenschutz angestellt. Die Vorschläge dort wurden bislang weitgehend in der Planung berücksichtigt. Ob der Stadtrat sich auch den strikten Forderungen im Münchner Norden anschließen wird, ist angesichts der Wohnungsnot noch offen. "Wir werden uns das genau anschauen und natürlich ernst nehmen und dann abwägen", sagt Bernd Schreyer, sozialpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Stadtrat. "Wir müssen ein möglichst gutes Gleichgewicht zwischen bezahlbarem Wohnen und Naturschutz finden." SPD-Stadträtin Simone Burger betont, bei der SEM Nord "sind wir erst ganz am Anfang. Wir werden uns die Argumentation anschauen und dann abwarten, was das Planungsreferat dazu erarbeitet."

© SZ vom 06.08.2021/kafe
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