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SZ-Serie: München natürlich:Der Mann als Mahlzeit

Das Netz der Wespenspinne ist vertikal ausgerichtet.Darin verspeisen die Spinnen nicht nur Heuschrecken, sondern auch ihre Männer.

Das Netz der Wespenspinne ist vertikal ausgerichtet. Darin verspeisen sie nicht nur Heuschrecken, sondern auch ihre Männer.

Die Wespenspinnen in der Fröttmaninger Heide helfen ihrem Nachwuchs beim Überwintern, indem sie ihre Partner fressen - Menschen beißen sie nur.

Von Thomas Anlauf

Nebel liegt auf der Heide. Feine Tropfen sitzen auf Spinnennetzen, die im Licht glitzern. Die Netze hängen waagerecht über einem Grasbüschel, "das sind Baldachinspinnen", sagt Markus Bräu. Der Biologe ist jedoch auf der Suche nach einem anderen Geschöpf, der Wespenspinne. Mitten in der Fröttmaninger Heide hält er an, ein perfekter Ort, findet er. Dort steht eine geduckte Kiefer, davor haben weidende Schafe eine kleine Grasinsel stehen gelassen. Hier steht ein senkrechtes Netz. Es funktioniert wie beim Tennisspiel: Wenn der Ball nicht hoch genug springt, landet er im Netz. Vor allem die Feldheuschrecke springt oftmals genau in das Netz der Wespenspinne hinein. Die Spinne weiß genau, wie der Absprungwinkel der Heuschrecke ist.

Markus Bräu hat einen Kescher dabei auf dieser kleinen Exkursion. Damit fischt er normalerweise Wanzen aller Art aus den Gräsern im Münchner Norden. Bräu ist bundesweit ausgewiesener Experte für Wanzen, der Biologe vom Referat für Gesundheit und Umwelt bestimmt und prüft seit Jahren unter anderem Insekten, die ihm zugeschickt werden. 50 000 Tiere hat er schon bestimmt, er will in seinem Leben noch die Hunderttausend schaffen. Wer mit ihm in der Fröttmaninger Heide steht, weiß, das schafft der Mann. Er kennt sich nicht nur mit den etwa dreitausend Wanzenarten in Mitteleuropa aus, sondern auch mit der Wespenspinne.

Markus Bräu holt aus seinem Rucksack ein milchweißes Röhrchen heraus. Darin krabbelt eine lebendige Wespenspinne, die er am Tag zuvor eingefangen hat. Es geht ihr gut, er schüttelt das ziemlich große Weibchen in seinen Kescher. Die Webspinne (Argiope bruennichi) ist ziemlich imposant und auch eigentlich unverwechselbar. Wie Echte Wespen hat sie einen schwarz-gelb gestreiften Körper und vor allem die Weibchen sind erstaunlich groß. Sie erreichen bis zu zweieinhalb Zentimeter Umfang, die Männchen hingegen sind bis zu fünfmal kleiner. Die kleinen Männchen sind auch nur für eines gut: zur Befruchtung. Der Spinnensex endet tödlich.

Das Männchen beginnt seinen Werberitus mit dem Zupfen am Spinnennetz. Das muss ein ganz besonderes Ruckeln sein. Denn dann fällt das Wespenspinnenweibchen in eine Art Tiefschlaf oder Starre. Dann geht es für das Männchen ums pure Überleben. Er begattet das Weibchen mit seinem sogenannten Taster (Pedipalpus). Doch genau das ist der Auslöser, dass die Spinnenfrau wieder aus ihrer Starre erwacht und beginnt, mit ihrer Seide das Männchen einzuspinnen. "Um zu überleben, muss das Männchen spätestens zehn Sekunden nach Kopulationsbeginn abspringen", sagt Markus Bräu. Sonst wird das Männchen einfach eingesponnen und aufgefressen. Doch das Männchen denkt gar nicht daran. Es macht einfach weiter. Diese mörderische Kurzbeziehung ist zumindest aus biologischer Sichtweise sinnvoll. Denn der kleine Spinnenmann ist eine wichtige Mahlzeit, damit das Weibchen anschließend den aufwendigen Kokon für ihre Brut weben kann.

Biologe und Wanzenexperte Markus Bräu beobachtet die Wespenspinnen in der Fröttmaninger Heide.

(Foto: Robert Haas)

Genau in diesen Tagen baut das Weibchen (gestärkt durch den verblichenen Mann) einen ballonförmigen Kokon. Darin legt sie jeweils etwa drei- bis vierhundert Eier ab, bis zu fünf Kokons baut die Wespenspinne in ihrem Revier. Für ihren Nachwuchs ist diese Schutzhülle auch sehr praktisch. Er überwintert darin, während die Mutter schon nach den ersten Nachtfrösten gestorben ist.

Erst im Frühjahr schlüpfen die jungen Wespenspinnen aus ihrem dicken Kokon und beginnen gleich damit, eigene Netze mit ihren Fangtröpfchen zu spinnen und kleine Feldheuschrecken zu umgarnen. Die Wespenspinnen sind tatsächlich auch ein wenig bissig. "Der ist recht schmerzhaft, ähnlich einem Bienenstich", erzählt Markus Bräu. Wer mit dem Biologen an diesem nebligen Septembermorgen in der Fröttmaninger Heide steht, spürt die Natur auch sonst hautnah. Kriebelmücken beißen Stücke aus der Haut. Die Wespenspinne aus der Dose dagegen krabbelt hinunter ins dichte Gras.

© SZ vom 16.09.2020/wean
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