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SZ-Serie: München natürlich:Wenn sie flirten, kommt die Polizei

Kleiner Igel auf Futtersuche

Wenn sie flirten, kommt die Polizei: Ein paarungsfreudiger Igel hat in München die Beamten auf den Plan gerufen.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Unerschrocken tapsen Igel durch die Stadt - ihre Flirttechnik ruft manchmal gar die Polizei auf den Plan.

Da schnauft doch jemand im Gebüsch. Es raschelt. Der älteren Dame, die diese seltsamen Geräusche im Garten hört, ist die Sache nicht ganz geheuer. Sie ruft die Polizei. Die alarmierten Beamten entdecken allerdings keinen Spanner hinter der Hecke.

Es ist ein liebestoller Igel, der außer Atem im Kreis um seine Angebetete herumtapst. Igelkarussell nennt sich diese ziemlich spezielle und atemraubende Flirttechnik des Igelmännchens, die sich stundenlang hinziehen kann, aber vom ständig umrundeten Weibchen zunächst lediglich mit Fauchen und Kopfnüssen quittiert wird. Dabei war das Männchen in der Nacht ohnehin schon stundenlang unterwegs, bis es endlich die einsame Igeldame im Laub gefunden hat.

Martin Hänsel kennt viele Geschichten wie diese, die ihm eine Münchnerin erzählt hat. Gerade im Frühling häufen sich solche Erzählungen, jetzt im April beginnt die Paarungszeit. Der stellvertretende Geschäftsführer beim Bund Naturschutz in München hat allerdings bereits im Februar erste Igel entdeckt, die wegen des milden Winters viel zu früh aus dem Winterschlaf erwacht sind. "Einige waren da schon aktiv. Aber sie haben in den kalten Nächten noch nichts zum Fressen gefunden", sagt Hänsel.

Zu ihren Lieblingsspeisen zählen Würmer, Larven, Spinnen, Schnecken und Insekten, doch im Spätwinter sind die kaum zu finden. Das kann ziemlich gefährlich werden für die Igel, sie müssen nachts weite Wege in Kauf nehmen, um überhaupt Nahrung zu entdecken und verbrauchen deshalb zu viel Energie. "Man kann Igel auch jetzt noch zufüttern", erklärt der Naturschützer.

Martin Hänsel hat in seinem kleinen Garten selbst einen Unterschlupf gebaut, in dem Igel nicht nur überwintern können, sondern auch im Frühjahr Fressen finden, an das Katzen oder Marder nicht herankommen können. Das funktioniert zum Beispiel mit einer schlichten Holzpalette, unter die man ein wenig Katzenfutter, ungesalzenes Hackfleisch oder gekochte Eier und ein Schälchen Wasser legen kann.

Wenn die Nächte nun langsam milder werden, treibt es den hier heimischen Braunbrustigel (Erinaceus europaeus) ziemlich um. Bis zu fünf Kilometer weit tapst er dann rund um seinen Wohnort auf der Suche nach Nahrung. "So ein Igel hat eine ziemlich genaue Vorstellung, wo es etwas gibt", sagt Martin Hänsel. "Der kann sich sehr gut arrangieren." Bei seinen Streifzügen um Wohnblocks oder durch verschiedene Gärten ist der Igel ziemlich unerschrocken, Flucht kommt für ihn nicht in Frage.

Wenn ihm eine Sache komisch vorkommt, rollt er sich einfach blitzschnell zusammen und hofft, dass irgendwann die Luft wieder rein ist. Das kann aber auch böse enden. Moderne Mähroboter halten einen eingekugelten Igel schon mal für einen kleinen Hügel und rollen drüber. Aber auch Schwimmbecken oder Gartenteiche mit senkrechtem Ufer können für den Igel, der an sich gut schwimmen kann, tödlich sein. Hausbesitzer sollten zudem darauf achten, dass ein Igel nicht in einen Kellerschacht plumpst oder eine ungesicherte Kellertreppe hinunter purzelt. Igel können ziemlich neugierig sein.

In München kommen Igel so gut wie überall vor, wo sie etwas zu fressen finden. Das hat der Bund Naturschutz vor zehn Jahren in einer münchenweiten Untersuchung festgestellt. Dass sie sich in der ganzen Stadt zurecht finden, "hat uns schon ziemlich überrascht", sagt Martin Hänsel. Bei anderen Zählungen wurden sogar am Stachus und im Bahnhofsviertel Igel entdeckt. Wie flexibel Stadtigel in ihrem Alltagsleben sein können, zeigt eine Studie des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW).

Kurz bevor im Frühherbst 2016 im Treptower Park ein mehrtägiges Musikfestival stieg, statteten die Forscher die dort lebenden Igel mit GPS-Sendern aus. Das Ergebnis sei verblüffend gewesen, erzählt Martin Hänsel. Denn die Igel hätten sehr unterschiedlich auf den Massenandrang von etwa 70 000 Berlinern reagiert. Die einen hätten sich während der drei Tage versteckt, andere wiederum veränderten ihre Aktivitätszeiten, gingen also dann auf Nahrungssuche, wenn gerade keine Besucher auf dem Gelände waren.

Wiederum andere bauten sich unter den Festival-Containern neue Nester. Und es soll sogar einen Igel gegeben haben, dem die Party richtig geschmeckt hat: Er hatte es sich unter einer Pommes-Bude gemütlich gemacht.

Die Kreisgruppe München des Bund Naturschutz gibt im Internet unter https://bn-muenchen.de Tipps zum Umgang mit Igeln und erklärt, wie kranken Tieren geholfen werden kann.

© SZ vom 04.04.2020/lfr

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