bedeckt München

SZ-Serie: München natürlich:Blau blüht der Enzian - auch in der Großstadt

Deutscher Enzian - die Pflanze blüht nicht nur im Gebirge.

(Foto: Gabriele Maier)

Eine Gebirgspflanze mitten in München: In der Langwieder Heide blühen gleich mehrere Enzianarten - doch wer sie ausreißt, muss mit drakonischen Strafen rechnen.

Von Thomas Anlauf

Zwei Bläulinge trudeln über die Blumenwiese. Ein Schmetterling landet auf einer Silberdistel, der andere flattert weiter nach Nahrung. Das Angebot ist riesig, wenn auch nicht für jeden. Da leuchtet lila der Thymian, drüben der Dornige Hauhechel und die Skabiosen-Flockenblume. Jetzt im Spätsommer ist im Münchner Westen ein Phänomen zu beobachten. Tiere und Pflanzen geben noch einmal alles, um sich satt zu saugen oder bestäubt zu werden. Auf der Langwieder Heide zwischen Bahngleisen, Betonwerk und Brauerei wachsen Pflanzenarten, die dort niemals vermutet werden würden: Neben der Silberdistel kommen hier auch mehrere Enzianarten vor. Gerade ist der Kreuz-Enzian verblüht. Nun können Spaziergänger am Wegesrand sogar den Deutschen Enzian entdecken. Blumen, die man in Bayern nur in den Alpen erwartet.

Katharina Spannraft setzt vorsichtig Fuß vor Fuß, als sie durch die Magerwiese in der Langwieder Heide läuft. "Wir finden hier oft die gleichen Pflanzenarten wie in den Nördlichen Kalkalpen", erklärt die Geografin. Das klingt zunächst seltsam, schließlich liegt München in einer Schotterebene mit so gut wie keinem Hügel. Aber hier herrschen trotzdem ähnliche Bedingungen vor wie an den Steilhängen der Berge: Der Boden ist ziemlich kalkhaltig und nährstoffarm, auf die Magerwiesen in den Münchner Heideflächen scheint die Sonne fast so stark wie in den Bergen. Und die streng geschützten Enziane haben wichtige Partner, die helfen, dass sie überleben können: Naturschützer wie Katharina Spannraft.

Katharina Spannraft vom LBV im Biotop Langwieder Heide

Katharina Spannraft kennt die Stellen in der Langwieder Heide.

(Foto: Florian Peljak)

Seit 2002 kümmern sich der Landesbund für Vogelschutz und mehr als zweihundert freiwillige Helfer darum, dass Magerrasen wie in der Langwieder Heide (manche sagen auch Haide) nicht verbuschen. Denn die einstige Beweidung von Schafen oder Ziegen, die die Münchner Heiden jahrhundertelang offen gehalten haben, gibt es hier nicht mehr. So müssen die Helfer regelmäßig sensibel mähen und abrechen, um die wertvolle Naturlandschaft zu erhalten. In den Bergen wächst der Enzian an mageren und besonnten Stellen oder auf Wiesen, auf denen Almtiere das Gras nieder halten, sodass auch kleinere Pflanzen eine Chance zum Überleben haben. Der Enzian hat da sogar eine besondere Taktik, um nicht gefressen zu werden. Er ist ziemlich bitter.

Der Gelbe Enzian, der in München allerdings nicht vorkommt, enthält laut Katharina Spannraft sogar einen der bittersten Stoffe im Pflanzenreich weltweit, weshalb Tiere ihn im großen Bogen meiden. Trotzdem war einst die berühmteste Enzian-Brennerei eine Münchnerin: die Firma L. Eberhardt, die seit 1879 damit warb, "Bayerns berühmte Marke" zu sein und deutschlandweit verkauft wurde.

Mit dem Deutschen Enzian (Gentianella germanica) hat die Schnapswurz allerdings optisch nur wenig gemein. Während der Gelbe Enzian bis zu eineinhalb Meter groß und bis zu 60 Jahre alt werden kann, ist sein kleiner Verwandter aus München ein ausgesprochen hübsches und zierliches Gewächs. Der Deutsche Enzian wird höchstens zwischen fünf und 25 Zentimeter hoch und wird lediglich zwei Jahre alt. Typisch für ihn sind die fünf violetten Kronblätter mit dem weißen Haargitter, den auch der Fransenenzian besitzt.

Enzian

Name: Gentianella germanica

Vorkommen: Die in München vorkommenden Enzianarten lieben kalkhaltige und magere Böden, die von der Sonne beschienen sind. Sie kommen unter anderem in der Langwieder Heide, der Angerlohe und dem Schwarzhölzl vor, den Kreuz-Enzian kann man sogar in Schwabing in einem Biotop entdecken.

Besonderheit: Zwar gilt der Enzian als eine Blume, die vorzugsweise in Mittelgebirgen oder den Kalkalpen vorkommt, trotzdem gilt er als richtig münchnerisch. Denn nördlich der Landeshauptstadt ist er höchstens noch vereinzelt bis Freising an der Isar zu finden, im Tertiärhügelland weiter im Norden kommt der Deutsche Enzian laut Experten gar nicht mehr vor. Ansonsten sind Vertreter der Pflanzenfamilie "Enziangewächse" weltweit verbreitet - bis auf die Antarktis.

Der Enzian ist eigentümlicherweise ziemlich wählerisch, wer an seinen Nektar darf: Nur die Insekten, deren Rüssel lang genug sind, kommen überhaupt durch die engen Kronröhren. Kleinere Insekten behelfen sich dann schon mal damit, dass sie den Enzian von der Seite anbohren, um an die Süßigkeit zu kommen. Die Verbreitung auf der Wiese überlässt der Enzian dann übrigens auch nicht den Insekten, sondern dem Wind.

Beim Spaziergang durch die Langwieder Heide zeigt Katharina Spannraft plötzlich nach unten. "Ein Kreuz-Enzian", sagt sie. Der ist soeben verblüht. Der Deutsche Enzian wiederum öffnet seine violetten Blüten frühestens Ende August bis September. "Er ist relativ selten, aber man kann ihn oft auch hier vom Weg aus entdecken", sagt sie und appelliert an die Spaziergänger, nicht durch die Wiesen zu laufen und auch Hunde an die Leinen zu nehmen. Überall wachsen seltene Blumen und leben Tiere, die vom Aussterben bedroht sind. Die Langwieder Heide ist ein "geschützter Landschaftsbestandteil". Wer Blumen ausreißt, Abfall wegwirft oder zeltet, muss mit einer Geldstrafe bis zu 50 000 Euro rechnen. Trotzdem sollen die Menschen natürlich die Wiesen besuchen, um zu entdecken, wie viele Pflanzen- und Tierarten es in München gibt. Magerrasen zählen zu den artenreichsten Lebensräumen in Europa. Allein in der Stadt fühlen sich fünf Enzianarten wohl: Neben dem Deutschen Enzian sind das der Fransen- und der Kreuz-Enzian, der Frühlingsenzian und der Stängellose Kalkenzian. Die Alpen liegen wirklich mitten in München.

© SZ vom 04.09.2020
Zur SZ-Startseite
Male of the fence lizard Lacerta agilis Copyright: xKieferx Panthermedia27315865

SZ-Serie: München natürlich
:Die Rabeneltern unter den Reptilien

Zauneidechsen sind streng geschützt. Doch das hindert sie nicht daran, manchmal den eigenen Nachwuchs zu verspeisen.

Von Thomas Anlauf

Lesen Sie mehr zum Thema