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Demonstration in München:Das Leid der geraubten Kinder

Kundgebung  'Entzschädigung für geraubte Kinder'

Am Gedenkstein für die 1938 abgerissene Hauptsynagoge wurde am Mittwoch an die von den Nazis verschleppten Kinder erinnert.

(Foto: Catherina Hess)

Das Nazi-Regime ließ in Osteuropa Tausende Kinder verschleppen. Viele Opfer des "Lebensborn" suchen bis heute ihre Identität - und sie hoffen auf Entschädigung vom Freistaat Bayern. Daran erinnern am Mittwoch rund 40 Menschen in München.

Von Jakob Wetzel

Haymo Heinrich Heyder ist der Wahrheit lange ausgewichen. "Tempi passati", vergangene Zeiten, habe er immer abwehrend gesagt, sagt Rosemarie Heyder, seine frühere Ehefrau. Gelitten aber habe er doch. Mit 27 Jahren hatte er erfahren, dass seine Eltern nicht seine leiblichen Eltern waren. Das war 1969, Heyder beantragte in München gerade einen deutschen Pass. Und die Sachbearbeiterin auf dem Amt sagte ganz beiläufig: "Sie sind ein Lebensborn-Kind." Ein was? Er sei adoptiert worden, erfuhr er auf Nachfrage. Doch die ganze Wahrheit hörte er erst Jahrzehnte später.

Die Wahrheit ist: Haymo Heinrich Heyder ist 1942 im Alter von fünf Monaten von den Nazis aus Slowenien entführt worden. Sein Großvater wurde in Celje von Münchner Polizisten als Partisan erschossen, seine Mutter und seine Großmutter wurden in Auschwitz ermordet. Und aufgewachsen ist er bei Verwandten von SS-Chef Heinrich Himmler. Dass sein zweiter Vorname "Heinrich" lautet, ist kein Zufall.

Heyder ist einer von Tausenden, die erfahren mussten, dass sie als Kinder von den Nazis verschleppt wurden. Anerkennung oder gar eine Entschädigung hat Heyder dafür nie erhalten. Heute ist er weit weg, er lebt er in Costa Rica. Doch Rosemarie Heyder ist am Mittwochnachmittag mit rund 40 weiteren Münchnern auf die Straße gegangen, damit sich Bundesregierung und Freistaat dieser Geschichte stellen. Der Verein "Geraubte Kinder - vergessene Opfer" hat zur Kundgebung aufgerufen; die Gewerkschaft Verdi ist vertreten, auch die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes. Am Mittwoch ist weltweit der Opfer der Nationalsozialisten gedacht worden.

Die Demonstranten sind dafür zu dem Gedenkstein an der Herzog-Max-Straße gezogen, der an die von den Nazis 1938 abgerissene Hauptsynagoge erinnert. Denn im einstigen jüdischen Gemeindehaus nebenan hatte ab 1940 der SS-Verein "Lebensborn" seinen Sitz - ein Verein, der im Krieg Dreh- und Angelpunkt eines Verbrechens war, das weitgehend vergessen ist: eines planmäßigen Menschenraubs. Das Nazi-Regime ließ in Osteuropa Tausende Kinder verschleppen, die seinen rassistischen Maßstäben entsprachen; wie viele, darüber gibt es nur Schätzungen. Die leiblichen Eltern wurden oft ermordet; die Kinder kamen in SS-Kinderheime, um sie "wiedereinzudeutschen", wie es damals hieß. Standesämter fälschten die Urkunden, aus Vili Goručan wurde so "Haymo Heinrich Heyder". Am Ende kamen die Kinder in deutsche Pflegefamilien. Viele von ihnen suchten später lange nach ihrer wahren Identität. Manche suchen bis heute.

Alleine aus Slowenien, wo ab 1941 unter anderem das Münchner Reserve-Polizeibataillon 72 wütete, seien mehr als 1100 Kinder nach Bayern gebracht worden, heißt es vom Verein "Geraubte Kinder - vergessene Opfer". Mehr als 100 von ihnen lebten noch, unter teils ärmlichen Bedingungen. Dass sie noch immer nicht entschädigt worden seien, sei schreiendes Unrecht, klagte Vereinsgründer Christoph Schwarz am Mittwoch. Sein Verein will das seit Jahren ändern. Die Klage eines Betroffenen gegen die Bundesregierung scheiterte zwar, doch Hamburg und Nordrhein-Westfalen würden mittlerweile Entschädigungen bezahlen, sagt Schwarz. Bayern solle sich der Opfer ebenfalls annehmen.

© SZ vom 28.01.2021/aner
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