NS-Relikt am Königsplatz:"Die Nicht-Abgeschlossenheit der Geschichte ist hier sichtbar"

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NS-Relikt am Königsplatz: "Schutt und Ehre" heißt die Installation, die am Max-Mannheimer-Platz zum Hinschauen und Nachdenken anregen soll.

"Schutt und Ehre" heißt die Installation, die am Max-Mannheimer-Platz zum Hinschauen und Nachdenken anregen soll.

(Foto: Robert Haas)

Am Rande der Brienner Straße steht ein unscheinbarer Sockel. Früher ließ man Gras über ihn wachsen, neuerdings ist er mit Rettungsringen dekoriert. Was es mit der Installation "Schutt und Ehre" auf sich hat.

Von Lea Kramer

Eine typische Münchner Lösung sei das bislang gewesen: "Gras drüber wachsen lassen", sagt eine Frau, als sie an dem neuerdings mit Kugelfendern und Rettungsringen dekorierten Klotz in Sichtweite zum Königsplatz vorbeigeht. Die Hilfsmittel, die eigentlich aus der Schifffahrt stammen, sind Teil der neuen temporären Installation "Schutt und Ehre". Sie soll den Blick auf eine historisch belastete Stadtbrache lenken, um deren Umgang in den vergangenen 75 Jahren stets gerungen worden ist.

"Das ist ein Ort, der immer Erklärungsbedarf haben wird", sagt Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums, deren Haus am Max-Mannheimer-Platz direkt an die Brache mit dem Steinklotz angrenzt und die dort auch fester Bestandteil des Ausstellungskonzepts ist.

Die Überreste, um die es geht, stammen von einem monumentalen Tempelbau aus der NS-Zeit, von dem heute nur mehr überwucherte Sockel übrig geblieben sind. Sie waren einst Teil der zentralen Kultstätte, die sich die Nationalsozialisten in ihrem Parteiviertel rund um den Königsplatz geschaffen hatten. Ab 1933 wurden an der Ostseite des Platzes nach den Plänen des Architekten Paul Ludwig Troost mehrere Gebäude gebaut. So entstanden dort der repräsentative "Führerbau" (die heutige Hochschule für Musik und Theater), der "Verwaltungsbau der NSDAP" (jetzt Haus der Kulturinstitute) - und die zwei sogenannte Ehrentempel.

Wie kann aus einem NS-Kultort ein Erinnerungsort werden?

In den beiden offenen, von Pfeilern getragenen Nazi-Tempeln wurden jeweils acht Sarkophage platziert. Darin wurden die Toten des gescheiterten Hitler-Putsches vom 9. November 1923 aufgebahrt. Vom NS-Terrorregime wurden die 15 nationalsozialistischen Putschisten und der unbeteiligte Zuschauer Karl Kuhn zu Märtyrern stilisiert.

Zum Jahrestag wurde ihnen von 1935 an bei pseudo-religiösen Veranstaltungen im Fackelschein gedacht. Mit der Neugestaltung von Karl von Fischers im klassizistischen Stil angelegten Platz manifestierten die Nationalsozialisten auch architektonisch ihren Machtanspruch in der "Hauptstadt der Bewegung". Die 1935 fertiggestellten Tempel dienten dabei als neuer Eingang zum für Propaganda genutzten Königsplatz.

NS-Relikt am Königsplatz: Die Initiatoren des Projektes: Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums, und der Kabarettist und Autor Christian Springer.

Die Initiatoren des Projektes: Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums, und der Kabarettist und Autor Christian Springer.

(Foto: Robert Haas)

Während die Maxvorstadt durch das Flächenbombardement im Zweiten Weltkrieg zu großen Teilen zerstört worden war, waren die Nazi-Tempel bis zum Kriegsende unversehrt geblieben. Auf Anweisung der US-Militärregierung wurden sie im Januar 1947 gesprengt. Ihre Sockel blieben als steinerne Relikte zurück. 1956 beschloss die Stadt, sie zu begrünen. Die Pflanzenwelt begann, das historische belastete Gelände zu überwuchern. Weshalb der südliche Sockel nach einem seltenen Pflanzenfund mittlerweile als Biotop geschützt ist. Die Mauerreste selbst stehen seit 2001 unter Denkmalschutz.

"Ist es absurd oder völlig richtig, dass wir mitten in München einen Platz haben, den die Nazis als Kultort nutzten?", diese Frage stellte sich Kabarettist Christian Springer, der mit seiner Initiative Schulterschluss kulturelle und politische Bildung betreibt und die Installation konzipiert hat. Mit den leuchtenden Rettungsringen und Fendern wolle er vor allem junge Menschen zum Stehenbleiben animieren. "Das sind Objekte, die hier nix verloren haben und so Aufmerksamkeit erregen", sagt er. Damit sich die Stadtgesellschaft mit diesem historisch belasteten "Rühr-mich-nicht-an-Platz" beschäftigte und über ihn diskutiere.

NS-Dokuzentrum-Direktorin Zadoff fügt hinzu, dass der Sockel langfristig immer wieder neu bespielt werden solle, um Jugendliche und junge Erwachsene in die Debatte um angemessene Erinnerungskultur einzubeziehen. "Es ist ein Ort, der höchst aktuell ist. Die Nicht-Abgeschlossenheit der Geschichte ist hier sichtbar - und so soll das auch sein", sagt sie.

Noch bis zum 18. April ist "Schutt und Ehre" am Max-Mannheimer-Platz installiert. Begleitend dazu ist mit Schülerinnen und Schülern der Berufsschule für Spedition und Touristik ein Videoprojekt geplant.

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