Sommerspiele-BewerbungWie München wegen Olympia Tempo beim Ausbau des Nahverkehrs machen will

Lesezeit: 5 Min.

Der 2007 stillgelegte Busbahnhof am U-Bahnausgang Olympiazentrum auf einem Archivbild.
Der 2007 stillgelegte Busbahnhof am U-Bahnausgang Olympiazentrum auf einem Archivbild. Alessandra Schellnegger

Neue U-Bahn-Linien, bessere S-Bahn-Anbindungen und endlich ein ICE-Anschluss für den Flughafen: Versprechen gibt es viele, falls die Bewerbung erfolgreich sein sollte. Aber welche Ideen sind realistisch?

Von Andreas Schubert

Vor den Olympischen Spielen in München 1972 rührte sich in der Stadt ordentlich was. In jeweils nur sechs Jahren wurden die S-Bahn-Stammstrecke und die erste Münchner U-Bahn gebaut. Heute dauern solche Projekte sehr viel länger und sind ohne Milliarden aus Berlin nicht bezahlbar. Trotzdem führt die Stadt in ihrem Olympia-Verkehrskonzept für 2036 oder 2040 einige Beispiele auf, die während der Spiele wichtig wären – und auch noch darüber hinaus. Doch wie realistisch sind diese Gedankenspiele? Ein Überblick.

U-Bahn

Die U-Bahn wird derzeit Abschnitt für Abschnitt saniert, um das teils mehr als 50 Jahre alte Netz zukunftsfest zu machen. Was Neubauten betrifft, nennt das Olympia-Konzept der Stadt zwei Projekte, die den Nahverkehr langfristig voranbringen würden. Da wäre zum einen die Verlängerung der U4 vom Arabellapark bis zum möglichen Olympischen Dorf in Daglfing, das dann auch mit der Innenstadt umsteigefrei verbunden wäre.

Hier läuft aktuell eine Machbarkeitsstudie. Die Kosten werden nach heutigem Stand auf 1,2 Milliarden Euro beziffert. Eine weitere Verlängerung bis zur Messe in Riem ist vorerst nur angedacht, hier gibt es auch noch keine Kostenschätzungen.

Ein weiteres Großprojekt, das die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) als essenziell für die Zukunft betrachtet, ist der Neubau der Linie U9 zwischen Implerstraße und Münchner Freiheit. Sie könnte die heutige Linie U6 ersetzen und die U3 entlasten, da die Linien im Zentrum auf eigenen Trassen verlaufen würden und somit dichtere Takte möglich wären.

Um die Zuverlässigkeit der U-Bahn zu erhöhen und dichtere Takte zu ermöglichen, will die MVG bis zum Jahr 2030 das Zugsicherungssystem CBTC (Communication-Based Train Control) installieren, ein funkbasiertes Sicherungs- und Leitsystem für das gesamte U-Bahnnetz. Mit den künftigen Zügen der nächsten Generation „D“ wären dann theoretisch fahrerlose U-Bahnen möglich, aber nur in Kombination mit Bahnsteigtüren.

Durch eine Anbindung der U9 an die U2 am Bahnhof Theresienstraße würde eine Verbindung zwischen der Austragungsstätte Theresienwiese zum Hauptbahnhof, zum Königsplatz bis hin zum Olympiazentrum entstehen. Die U9 gilt auch als Voraussetzung für eine mögliche U-Bahn-Spange zwischen Am Hart und Kieferngarten.

Ungeklärt ist noch die Frage der Finanzierung: Erste Schätzungen sprachen von vier Milliarden Euro, von einer Kostensteigerung ist auszugehen. Ob es Zuschüsse gibt, ist dabei noch offen. Dann ist fraglich, ob die beiden Linien wirklich bis zu möglichen Spielen 2040 fertig werden würden.

Die Linie U6 soll Verstärkung durch die neue U9 bekommen. Doch die soll mindestens vier Milliarden Euro kosten.
Die Linie U6 soll Verstärkung durch die neue U9 bekommen. Doch die soll mindestens vier Milliarden Euro kosten. Robert Haas

Der Arbeitskreis Attraktiver Nahverkehr (AAN) im Münchner Forum bezweifelt das stark. „Es ist völlig unklar, warum das durch Olympia plötzlich um Jahre schneller gehen und die Finanzierung gesichert sein soll“, teilt AAN-Sprecher Berthold Maier mit. „Es ist nun an Stadt und Freistaat, dies bis zum Münchner Bürgerentscheid über die Olympiateilnahme überzeugend darzulegen.“

Abstimmung im Herbst
:München stellt Konzept für Olympia-Bewerbung vor

Für die Spiele soll ein Olympisches Dorf in Daglfing entstehen, Schloss Nymphenburg spielt eine Rolle – und auch für den Nahverkehr hätte die Bewerbung Folgen.

Von René Hofmann, Heiner Effern, Andreas Glas

S-Bahn

Der S-Bahn-Nordring ist schon jahrelang im Gespräch, er soll den Verkehr im Norden entlasten. Doch wie so viele Projekte zieht sich auch dieses: Mal sollte der Nordring schon dieses Jahr befahrbar sein, mal 2026. Dann kam die Hiobsbotschaft der Deutschen Bahn (DB): Weil sich lange niemand fand, der das Ganze planen sollte, verzögert sich der Ausbau der Trasse wohl um zehn Jahre.

Der Nordring, auf dem heute nur Güterverkehr verläuft, könnte an der Lassallestraße nahe dem Olympiapark, am Forschungs- und Innovationszentrum (FIZ) von BMW und am Euro-Industriepark Haltestellen bekommen. Der Ringschluss im Norden würde zudem eine direkte Schienenverbindung zwischen dem Olympischen Dorf (S-Bahnhof Englschalking) und dem erweiterten Olympiapark ermöglichen. Es entstünde eine „Olympic Lane auf Schienen“, heißt es im Konzept der Stadt.

Ebenso lange wird der viergleisige Ausbau der S-Bahn-Trasse zwischen Daglfing und Johanneskirchen diskutiert. Er würde den S-Bahn-Verkehr vom Güterverkehr trennen, was eine Express-S-Bahn und somit eine schnellere Verbindung zum Flughafen ermöglichen würde.

Es gibt zwei Versionen in der Planung: Eine ebenerdige Trasse und eine im Tunnel. Im Hinblick auf Olympische Spiele im Jahr 2036 sei der viergleisige Ausbau Daglfing-Johanneskirchen wohl nicht realistisch, steht in der Olympia-Vorlage. Für Spiele im Jahr 2040 wäre ein ebenerdiger Ausbau der Strecke möglich. Doch die Verwaltung bremst jeglichen Optimismus: „Der vom Stadtrat geforderte Ausbau in Tunnellage scheint in diesem Zeitfenster nicht erreichbar zu sein.“

Und auch hier stellt sich die Frage, wer die Kosten von mindestens zweieinhalb Milliarden Euro tragen würde. Die zweite S-Bahn-Stammstrecke immerhin, soll 2036 fertig sein, frühestens.

Ohne ins Detail zu gehen, stellt das Mobilitätsreferat übrigens auch die Frage, ob sich der alte S-Bahnhof Olympiastadion an der Landshuter Allee wieder in Betrieb nehmen ließe, der seit 1988 vor sich hin gammelt, aber unter Denkmalschutz steht. Hier gibt es noch keine Antworten.

Bewerbung um Sommerspiele
:Die Wiesn soll helfen, Olympia nach München zu holen

Das Oktoberfest spielt in den Plänen der Stadt eine wichtige Rolle: Auf der Theresienwiese soll während der Spiele eine „olympische Wiesn“ entstehen. Wie das aussehen könnte – und was die Bewerbung kosten wird.

SZ PlusVon Anna Hoben und René Hofmann

ICE-Anschluss des Flughafens

Eine im Vergleich zu anderen internationalen Flughäfen fast schon peinliche Anbindung an den Zugverkehr hat der Münchner Flughafen seit seiner Eröffnung 1992. Noch immer fahren von München aus nur zwei S-Bahn-Linien, die bis zu einer Dreiviertelstunde unterwegs sind. Wenn es an den Trassen Baustellen gibt, dauert die Fahrt von und zum Flughafen auch schon mal eineinhalb Stunden oder länger.

Doch inzwischen denkt die DB über eine neue Schnellverbindung zwischen München und Ingolstadt mit einem Abzweig ins Erdinger Moos nach. Konkrete Planungen gibt es aber noch nicht. Wenn man die Dauer von Projekten wie die zweite S-Bahn-Stammstrecke oder Stuttgart 21 als Vorbild nimmt, mag man an einen neuen Bahnhof am Airport und eine neue Zugstrecke nicht so recht glauben, auch wenn die Europäische Union eine Anbindung großer Flughäfen an das Fernverkehrsnetz bis 2040 fordert.

Für die Olympiabewerbung ist ein ICE-Anschluss des Airports, der die Reisezeit zum Münchner Hauptbahnhof auf 15 Minuten verkürzen würde, ein „wesentlicher Bestandteil des nachhaltigen Mobilitätskonzepts“, wie es in der Stadtratsvorlage heißt. Ein solcher Anschluss hätte natürlich auch über Olympische Spiele hinaus einen enormen Nutzen für die Menschen, die Umwelt und die Wirtschaft. Was er dann kosten soll, ist offen.

Tram

Unter der Überschrift „Wesentliche Optionen zur Verbesserung während der Spiele“ ist in der Vorlage die Notiz „Neubau Tangenten, speziell Nord“ ohne weitere Erläuterungen zu finden. Was die Nordtangente durch den Englischen Garten angeht, so kann die MVG nur hoffen, dass sich die Einstellung der bayerischen Staatsregierung irgendwann wieder ändert. Sie hat den Bau untersagt und somit die langjährigen und fünf Millionen Euro teuren Planungen der MVG auf einen Schlag beerdigt.

Nun aber will die Regierung eine neue Trasse für eine potenzielle Nordtangente prüfen lassen, die entlang des Isarrings zwischen dem Süd- und Nordteil des Englischen Gartens verlaufen soll, und zwar in einem Tunnel. Das Mobilitätsreferat hält von der Idee nichts, unter anderem weil wegen längerer Fahrzeiten weniger Fahrgäste die Tram nutzen würden.

Fahrrad

Zwei der sechs geplanten Radschnellwege in der Region würden auch der Verkehrsanbindung der Spiele zugutekommen:  Die 19,2 Kilometer lange Trasse zwischen Münchens Zentrum und Dachau, die den Olympiapark anschließen würde, sowie der 25,3 Kilometer lange Radschnellweg nach Markt Schwaben, der am Olympischen Dorf vorbeiführen könnte. Derzeitiger Stand: in Planung. Realisierung bis 2040: nicht ausgeschlossen.

Weitere Ideen

Die Sharing- und „On-Demand-Angebote“ (Rufbusse) sollen weiterentwickelt werden, auch an die Entwicklung und Einrichtung des autonomen Fahrens im ÖPNV – Arbeitstitel „Olympic Shuttles“ – denkt das Mobilitätsreferat.

Ersteres ist schon vorhanden und ausbaufähig, für Letzteres laufen in der Stadt immer wieder einzelne Tests. Mobilitätsreferent Georg Dunkel (parteilos) hat erklärt, er sei davon überzeugt, dass sich das autonome Fahren durchsetzen kann. Autonome Taxis gibt es bereits anderswo im Regelbetrieb, zum Beispiel in San Francisco.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

MeinungSport
:Die Münchner sollen entscheiden, ob sie Olympia in München wollen

SZ PlusKommentar von René Hofmann
Portrait undefined René Hofmann

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: