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SZ-Serie: Nachtgeschichten:"Das Fatale ist: Viele Insekten sind da fehlprogrammiert"

Da könnte München noch einiges tun, findet der ehemalige Grafikdesigner, auch wenn er viel mit der Stadt zusammenarbeitet. "Ich versuche, im öffentlichen Bereich mutig zu sein", aber München sei da ziemlich traditionell, oftmals sogar selbstgefällig. An der Isar zum Beispiel könnte er sich vorstellen, dass dort abends Orte entstehen, die im warmen Licht erstrahlen, wo sich Menschen gerne aufhalten. Auch was die Beleuchtung von Gebäuden und Brunnen angeht, wünscht er sich mehr Mut. Wien und London sind für ihn da leuchtende Vorbilder. "Wien macht ein mutiges und trotzdem sehr gutes Licht", findet Beck. Besonders im Winter würden dort verschiedene Straßen von unterschiedlichen Künstlern beleuchtet. In München dagegen würde ein öffentliches Gebäude manchmal regelrecht "plattgeleuchtet ohne jede Akzentuierung".

Tatsächlich unterscheidet das Baureferat grob gesagt nur zwischen zwei Optionen bei der Bestrahlung von öffentlichen Gebäuden: entweder warmes Licht wie etwa an der Theatinerkirche und der Feldherrnhalle oder kaltes weißes Licht wie an der Bavaria. "München ist da eher zurückhaltend", bestätigt Ralf Noziczka vom Baureferat. Immerhin gibt es aber etwa 140 Bauwerke in München, die abends in künstliches Licht getaucht werden - darunter der Wittelsbacher Brunnen, der Justizpalast, das Sendlinger Tor und der Friedensengel. Bisher wird die Beleuchtung um 0.30 Uhr abgeschaltet. Doch das soll sich nun ändern. Denn seit 1. August gilt das neue Bayerische Immissionsschutzgesetz, das Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) erlassen hat. Das besagt, dass es nun "nach 23 Uhr und bis zur Morgendämmerung" verboten sei, "die Fassaden baulicher Anlagen der öffentlichen Hand zu beleuchten". Auch Leuchtreklame soll dann zumindest in Außenbereichen der Stadt ausgeschaltet werden, Ausnahmen sind da etwa Gaststätten.

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Lichtkünstler Beck hält diesen Vorstoß des Umweltministeriums in einer Großstadt wie München für "lächerlich: Man stelle sich mal den Stachus und die Innenstadt ohne Beleuchtung vor - das ist ein falscher Ansatz. Es geht hier doch um Lebensqualität." Damit meint er natürlich auch die gefühlte Sicherheit, nicht mitten in der Stadt nach 23 Uhr im Dunkeln zu tappen. Für Beck geht es hier um eine Abwägung zwischen den menschlichen Bedürfnissen in einem städtischen Gebiet und Umweltschutz. Die Staatsregierung reagiert mit dem neuen Licht-Erlass auf das erfolgreiche Volksbegehren zum Schutz der Artenvielfalt. Licht lockt Insekten magisch an. "Die Lichtverschmutzung ist natürlich vor allem in der Nähe von hochwertigen Biotopen ein großes Problem", sagt Sophia Engel vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) in München. Das betreffe Leuchtreklamen genauso wie Straßenlaternen.

"Das Fatale ist: Viele Insekten sind da fehlprogrammiert, lassen sich vom Licht anlocken und können sich davon nicht mehr befreien." Das Verhalten der Tiere sei völlig aufs Licht ausgerichtet. Die Folge: An herkömmlichen Lampen, die Hitze entwickeln, verbrennen die Insekten, andere sterben letztlich an Erschöpfung oder werden leichte Beute für Spinnen. Doch weniger Insekten und Falter bedeutet weniger Nahrung für Vögel in der Stadt. Naturschützer beobachten seit längerem einen drastischen Rückgang vieler Vogelarten in München, obwohl im Vergleich zu ländlichen Gebieten im Umland Vögel in der Stadt oftmals bessere Lebensbedingungen vorfinden. In großen Parks wie dem von der bayerischen Schlösserverwaltung betreuten Englischen Garten, der nicht so dicht mit Gehwegleuchten bestückt ist wie städtische Parks und es noch genügend Unterschlupf für die Tiere gibt, finden die Vögel oftmals noch ausreichend Nahrung.

Doch nicht nur fehlendes Futter wird für Vögel zur Bedrohung. Wenn, wie derzeit, Vogelschwärme über München in Richtung Süden ziehen, fliegen viele nachts. "Sie orientieren sich an den Sternen und am Licht", sagt Sophia Engel. Nächtlich beleuchtete Hochhäuser wirken für die Vögel wie Leuchttürme, sie halten darauf zu und knallen gegen die Glasfassaden. Auf Kurzstrecken- oder Teilzieher wie Rotkehlchen und Goldhähnchen üben nächtlich beleuchtete Bürotürme eine regelrechte Magnetwirkung aus. "Für uns wäre es ein großes Anliegen, wenn nachts die Beleuchtung von Hochhäusern ausgeschaltet wird", sagt Vogelschützerin Engel. "Das hätte einen enormen Effekt."

Ein Softwareprogramm sorgt für ein bisschen mehr Dunkelheit

Wie stark München nachts leuchtet, ist an klaren Tagen selbst von den bayerischen Alpen aus gut zu erkennen. Eine riesige Lichtglocke wölbt sich dann über der Stadt, die nie ganz zur Ruhe kommt. Dabei experimentieren Experten wie Ralf Noziczka seit langem damit, wie München ein wenig dunkler werden kann. Selbst entlang von Hauptstraßen und sogar auf dem Mittleren Ring fährt ein Softwareprogramm jeden Abend um 22 Uhr die Lichtleistung der Straßenlaternen um etwa 50 Prozent herunter, was von den meisten Menschen kaum registriert wird. In Freiham sind entlang von Wegen intelligente Leuchtmasten installiert, die das Licht auf ein Zehntel Helligkeit reduzieren, wenn gerade kein Fußgänger vorbeikommt.

Wann die Nacht vorbei ist, bestimmt übrigens ein Sensor auf dem Dach des technischen Betriebszentrums in Moosach. Sobald im Osten der Stadt der Morgen dämmert und der Sensor mehr als 50 Lux misst, geht ein Befehl raus an alle 2300 Schaltschränke in der Stadt, gestaffelt nach Straßenzügen von Ost nach West. Der Auftrag lautet: Licht aus.

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