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SZ-Serie: Nachtgeschichten:Wie München leuchtet

Es werde Licht: In Freiham stehen intelligente Straßenleuchten mit LED-Technik.

(Foto: Robert Haas)
  • Freiham ist der erste Stadtteil in München, der komplett in LED ausgebaut werden soll. Dabei sollen diese Lichtmasten nur unwesentlich mehr als herkömmliche Laternen kosten.
  • Die neu konstruierten Straßenlampen haben Wlan, Geräte für Verkehrsanalysen übermitteln lokale Wetterdaten. Teilweise beinhalten diese sogar Ladebuchsen für Elektrofahrzeuge.
  • In München gibt es bislang 140 Bauwerke, die abends in künstliches Licht getaucht werden. Bisher wird die Beleuchtung um 0.30 Uhr abgeschaltet. Doch das soll sich nun ändern.

Der Himmel leuchtet purpur. Gerade ist die Sonne hinter einem Rohbau verschwunden, drei Kräne zeichnen sich als schwarze Silhouette am Horizont ab. Noch ist genügend Licht, um die Gesichtszüge der sieben Frauen und Männer am Straßenrand zu erkennen, die interessiert auf einen Laternenmast blicken. Die Delegation ist aus Südkorea angereist, um diesen Anblick zu erleben: 23 Leuchten entlang der Bodenseestraße. Es ist 20.26 Uhr, die Lampen flammen auf. Die Koreaner knipsen.

Junui Lee verneigt sich höflich. "Wir sind geschäftlich nach Deutschland gekommen", sagt der Dolmetscher der Delegation. Die Beamten der Stadtverwaltung von Seoul um den Delegationsleiter Shin Won Woo wollen in München erfahren, welche Lichtsysteme hier verwendet werden. Schließlich hat Seoul ein ambitioniertes Ziel: "Bis 2022 soll die gesamte Beleuchtung mit LED ausgestattet sein", sagt Junui Lee. Nun, so weit ist München noch lange nicht. Im riesigen Neubaugebiet von Freiham, wo sich die koreanische Delegation an diesem Spätsommerabend über das Münchner Straßenlicht informiert, läuft erst ein Pilotprojekt mit intelligenten Leuchten. "Freiham Nord ist der erste Stadtteil in München, der komplett in LED ausgebaut wird", sagt Ralf Noziczka seinen Gästen aus Fernost. Der Ingenieur ist beim Baureferat zuständig für Straßenbeleuchtung, Verkehrsleittechnik und Grundsatzangelegenheiten - etwa, um Menschen die Sache mit dem Licht in der nächtlichen Stadt zu erklären.

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Für Freiham Nord sei ein Licht-Masterplan erstellt und der Frage nachgegangen worden: Wie viel Licht und in welcher Tönung ist nötig? Wie viel intelligente Technik kann man in einen Lichtmast packen? Und wo können Leuchten bis auf zehn Prozent ihrer Leistung heruntergedimmt werden, wenn gerade niemand auf dem Gehweg unterwegs ist? In diesem Jahr will das Baureferat die ersten Ergebnisse aus Freiham dem Stadtrat vorlegen. Es geht vor allem um die Frage, ob die energieeffizienten Leuchtdioden, die in die eigens vom Baureferat entwickelten Hightech-Lichtmasten eingebaut worden sind, künftig stadtweit eingesetzt werden können.

Doch bis München LED-Stadt sein wird, ist es noch ein weiter Weg. Am Tag vor dem Besuch der Südkoreaner sitzt Noziczka im Besprechungsraum des technischen Betriebszentrums in Moosach und sagt: "Wir haben fast einhunderttausend Straßenleuchten in München, insgesamt etwa 200 000 Lampen." Er macht eine kleine Pause und lässt diesen Satz wirken. Dann schiebt er noch ein paar Zahlen hinterher, um zu verdeutlichen, dass eine Umstellung der Beleuchtungstechnik in München ein langwieriger Prozess ist. Eine Straßenlaterne habe eine Lebensdauer von 25 bis zu 40 Jahren, noch etwa die Hälfte der Lampen sind Leuchtstofflampen und die halten etwa vier Jahre, bevor sie ausgetauscht werden können.

Trotzdem ist Noziczka auch ein wenig stolz auf das Projekt in Freiham, dem laut Stadtverwaltung größten Entwicklungsgebiet Deutschlands. Es ist mit Wien und Lyon Teil des Gemeinschaftsprojekts "Smarter Together", andere Städte interessieren sich dafür - sogar Seoul. Die neu konstruierten Lichtmasten bieten Platz für Wlan, Geräte für Verkehrsanalysen und die Übermittlung lokaler Wetterdaten, bei Bedarf auch Ladebuchsen für Elektrofahrzeuge. Dabei kosten die Masten nur unwesentlich mehr als herkömmliche Laternen.

Die Straßenleuchten sind ohnehin fast schon eine Wissenschaft für sich. Da gibt es die "Laterne München", die ein wenig wie ein Heizpilz mit Hut aussieht und unter anderem im Bavariapark steht; oder die Typen "Alt-München" und "Bavaria", die fast an die Zeit erinnern, als München noch mit Gaslicht erleuchtet wurde; und nicht zu vergessen die aufgespießten Doppelschüsseln in der Fußgängerzone, die nach Ansicht des Baureferats "eine einladende Atmosphäre" schaffen.

Normalerweise werden städtische Gebäude nur in Weiß angestrahlt. Manchmal lässt Lichtkünstler Manfred Beck das Karlstor auch bunt leuchten.

(Foto: Manfred Beck)

"Bei Licht geht es ums Wohlfühlen", sagt Manfred Beck. Der Münchner Lichtkünstler blickt aus seinem hellen Büro nahe der Isar aus dem Fenster, in den Ästen des Baums davor sitzt eine Puppe auf einer Schaukel, daneben hängen bunte Gießkannen, die nachts in warmem Licht leuchten. "Ich mache Dinge nicht immer nur mit einem Zweck, sondern auch aus Freude", sagt Beck, der seit fast zwei Jahrzehnten mit seiner Firma mbeam auch München regelmäßig erstrahlen lässt. Den Promenadeplatz etwa, dessen Grünanlage Beck und sein Team seit Jahren zur Adventszeit mit 60 000 LED-Lichtern illuminieren. Die schaukeln dann abends wie flirrende Schneekugeln in den kahlen Bäumen. Auch die Brienner Straße erleuchtet er im Winter mit abertausenden Lichtpunkten; am Viktualienmarkt hat er ebenfalls ein Beleuchtungskonzept erstellt. Dort geht es aber neben dem Wohlfühleffekt auch um Sicherheit in den nachts dunklen Ecken der Standl. "Vandalismus ist fast zu vernachlässigen, wenn Licht gut gestaltet ist", hat Beck festgestellt. Aber wenn etwas beleuchtet wird, dann müsse es auch eine hohe Qualität haben.

"Das Fatale ist: Viele Insekten sind da fehlprogrammiert"

Da könnte München noch einiges tun, findet der ehemalige Grafikdesigner, auch wenn er viel mit der Stadt zusammenarbeitet. "Ich versuche, im öffentlichen Bereich mutig zu sein", aber München sei da ziemlich traditionell, oftmals sogar selbstgefällig. An der Isar zum Beispiel könnte er sich vorstellen, dass dort abends Orte entstehen, die im warmen Licht erstrahlen, wo sich Menschen gerne aufhalten. Auch was die Beleuchtung von Gebäuden und Brunnen angeht, wünscht er sich mehr Mut. Wien und London sind für ihn da leuchtende Vorbilder. "Wien macht ein mutiges und trotzdem sehr gutes Licht", findet Beck. Besonders im Winter würden dort verschiedene Straßen von unterschiedlichen Künstlern beleuchtet. In München dagegen würde ein öffentliches Gebäude manchmal regelrecht "plattgeleuchtet ohne jede Akzentuierung".

Tatsächlich unterscheidet das Baureferat grob gesagt nur zwischen zwei Optionen bei der Bestrahlung von öffentlichen Gebäuden: entweder warmes Licht wie etwa an der Theatinerkirche und der Feldherrnhalle oder kaltes weißes Licht wie an der Bavaria. "München ist da eher zurückhaltend", bestätigt Ralf Noziczka vom Baureferat. Immerhin gibt es aber etwa 140 Bauwerke in München, die abends in künstliches Licht getaucht werden - darunter der Wittelsbacher Brunnen, der Justizpalast, das Sendlinger Tor und der Friedensengel. Bisher wird die Beleuchtung um 0.30 Uhr abgeschaltet. Doch das soll sich nun ändern. Denn seit 1. August gilt das neue Bayerische Immissionsschutzgesetz, das Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) erlassen hat. Das besagt, dass es nun "nach 23 Uhr und bis zur Morgendämmerung" verboten sei, "die Fassaden baulicher Anlagen der öffentlichen Hand zu beleuchten". Auch Leuchtreklame soll dann zumindest in Außenbereichen der Stadt ausgeschaltet werden, Ausnahmen sind da etwa Gaststätten.

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Lichtkünstler Beck hält diesen Vorstoß des Umweltministeriums in einer Großstadt wie München für "lächerlich: Man stelle sich mal den Stachus und die Innenstadt ohne Beleuchtung vor - das ist ein falscher Ansatz. Es geht hier doch um Lebensqualität." Damit meint er natürlich auch die gefühlte Sicherheit, nicht mitten in der Stadt nach 23 Uhr im Dunkeln zu tappen. Für Beck geht es hier um eine Abwägung zwischen den menschlichen Bedürfnissen in einem städtischen Gebiet und Umweltschutz. Die Staatsregierung reagiert mit dem neuen Licht-Erlass auf das erfolgreiche Volksbegehren zum Schutz der Artenvielfalt. Licht lockt Insekten magisch an. "Die Lichtverschmutzung ist natürlich vor allem in der Nähe von hochwertigen Biotopen ein großes Problem", sagt Sophia Engel vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) in München. Das betreffe Leuchtreklamen genauso wie Straßenlaternen.

"Das Fatale ist: Viele Insekten sind da fehlprogrammiert, lassen sich vom Licht anlocken und können sich davon nicht mehr befreien." Das Verhalten der Tiere sei völlig aufs Licht ausgerichtet. Die Folge: An herkömmlichen Lampen, die Hitze entwickeln, verbrennen die Insekten, andere sterben letztlich an Erschöpfung oder werden leichte Beute für Spinnen. Doch weniger Insekten und Falter bedeutet weniger Nahrung für Vögel in der Stadt. Naturschützer beobachten seit längerem einen drastischen Rückgang vieler Vogelarten in München, obwohl im Vergleich zu ländlichen Gebieten im Umland Vögel in der Stadt oftmals bessere Lebensbedingungen vorfinden. In großen Parks wie dem von der bayerischen Schlösserverwaltung betreuten Englischen Garten, der nicht so dicht mit Gehwegleuchten bestückt ist wie städtische Parks und es noch genügend Unterschlupf für die Tiere gibt, finden die Vögel oftmals noch ausreichend Nahrung.

Doch nicht nur fehlendes Futter wird für Vögel zur Bedrohung. Wenn, wie derzeit, Vogelschwärme über München in Richtung Süden ziehen, fliegen viele nachts. "Sie orientieren sich an den Sternen und am Licht", sagt Sophia Engel. Nächtlich beleuchtete Hochhäuser wirken für die Vögel wie Leuchttürme, sie halten darauf zu und knallen gegen die Glasfassaden. Auf Kurzstrecken- oder Teilzieher wie Rotkehlchen und Goldhähnchen üben nächtlich beleuchtete Bürotürme eine regelrechte Magnetwirkung aus. "Für uns wäre es ein großes Anliegen, wenn nachts die Beleuchtung von Hochhäusern ausgeschaltet wird", sagt Vogelschützerin Engel. "Das hätte einen enormen Effekt."

Ein Softwareprogramm sorgt für ein bisschen mehr Dunkelheit

Wie stark München nachts leuchtet, ist an klaren Tagen selbst von den bayerischen Alpen aus gut zu erkennen. Eine riesige Lichtglocke wölbt sich dann über der Stadt, die nie ganz zur Ruhe kommt. Dabei experimentieren Experten wie Ralf Noziczka seit langem damit, wie München ein wenig dunkler werden kann. Selbst entlang von Hauptstraßen und sogar auf dem Mittleren Ring fährt ein Softwareprogramm jeden Abend um 22 Uhr die Lichtleistung der Straßenlaternen um etwa 50 Prozent herunter, was von den meisten Menschen kaum registriert wird. In Freiham sind entlang von Wegen intelligente Leuchtmasten installiert, die das Licht auf ein Zehntel Helligkeit reduzieren, wenn gerade kein Fußgänger vorbeikommt.

Wann die Nacht vorbei ist, bestimmt übrigens ein Sensor auf dem Dach des technischen Betriebszentrums in Moosach. Sobald im Osten der Stadt der Morgen dämmert und der Sensor mehr als 50 Lux misst, geht ein Befehl raus an alle 2300 Schaltschränke in der Stadt, gestaffelt nach Straßenzügen von Ost nach West. Der Auftrag lautet: Licht aus.

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