Latein ist eine „tote Sprache“, heißt es gerne. Und es stimmt ja, die Zeit des klassischen Lateins ist gut zwei Jahrtausende her. Gute Lateinlehrerinnen und -lehrer können hingegen sehr genau erklären, warum Latein in Europa weiterwirkt bis heute, und das nicht nur, weil eine Hautcreme „Nivea“ (‚die Schneeweiße’) heißt oder der Auto-Pionier August Horch die Weltmarke „Audi“ gründete („audi“ ist der lateinische Imperativ von ‚hören’, also: ‚höre, horch!’). Die vielleicht prominenteste dieser kulturkundigen Stimmen ist nun verstummt: Der Altphilologe Wilfried Stroh hat es in seiner Laufbahn an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) bis zum Popstar der Alten Sprachen gebracht. Er hat die Sprache ins lebendige Leben geholt und sie selbst fließend vor seinen Studierenden zelebriert.
Neben klassischer Forschung zu römischer Dichtkunst und Ciceros rhetorischen Strategien galt Strohs Leidenschaft dem, wie er sagte, „größten Dichter Bayerns“ Jacobus Balde (17. Jahrhundert) – und dem heute gelebten Latein. In seiner Fachzunft sprach man üblicherweise deutsch in Vorlesungen – Stroh schaffte es, sein deutsch ausformuliertes Manuskript in seinen LMU-Vorlesungen aus dem Stegreif in ein klares, wohlverständliches ciceronianisches Latein zu übersetzen (Tonmitschnitte auf Strohs Homepage). Eine allwöchentliche Meisterleistung. Das hörte sich auch für Lateinstudierende zunächst skurril bis überfordernd an, erwies sich aber als doppelt lohnend und brachte dem hochseriösen Lateinprofessor eine große Fangemeinde ein. Zudem auch einige Skepsis aus dem traditionalistischen Teil der Zunft. Auf Lateinisch über lateinische Literatur sprechen, das war neu, klang nach Revolution – und machte Wilfried Stroh als leidenschaftlichem Nerd immer noch größeren Spaß.
Der gebürtige Stuttgarter war als Fachwissenschaftler solide genug, sich das Kuriose leisten „z“u dürfen. Seine Laufbahn begann er mit dem Studium der Klassischen Philologie 1959 in Tübingen, Wien und München, promovierte 1967 in Heidelberg und habilitierte sich dort 1972. In den Jahren 1972 bis 1976 lehrte er als Dozent und außerplanmäßiger Professor an der Universität Heidelberg und wechselte 1976 als ordentlicher Professor an die LMU nach München, wo er 2005 emeritiert wurde.
Wer in den 80er-Jahren an der LMU Latein studierte, hatte die Wahl zwischen einem Professor, der die Werkzeuge einer viel moderneren englischen Philologie ins Fach Latein importierte, einem sehr sachlichen Vergil-Experten – und eben jenem für sein lebendiges Latein brennenden schwäbischen Feuerkopf Wilfried Stroh, der sich dann irgendwann auch gleich selbst komplett latinisierte: Er war dann einfach nur noch „der Valahfridus“.

Als solcher begründete er moderne „Ludi Latini“, also Lateinfestspiele, bei denen es umfassend „lateinisch“ zuging, und die Stroh begrifflich nicht zufällig anlehnte an die Säkularspiele „ludi latini“, mit denen der römische Kaiser Augustus im Jahr 17 vor Christus das „goldene Zeitalter“ einläuten wollte. In großem Maßstab organisierte er solche „Ludi Latini“ 1985 auch zur 2000-Jahr-Feier der Stadt Augsburg: Mittags wurde in den Zeughausstuben nach dem antiken Kochbuch des Apicius gekocht, positiv lateinverrückte Gäste aus Italien und Japan saßen beisammen und pflegten Konversation in Valahfridus’ Lieblingsweltsprache. Abends gab’s dann lateinische Lieder mit moderner Musik im Schaezler-Palais, mit Stroh als Gastgeber.
Den Flughafen im Erdinger Moos verfluchte er – auf Latein selbstverständlich
Manchen war das zu viel der guten Propaganda fürs Fach, aber seine Studierenden liebten Stroh für seine Auftritte. Und die Medien ebenso. Unvergessen, als er gemeinsam mit dem Grünen-Landtagsabgeordneten Christian Magerl den neuen Münchner Flughafen im Erdinger Moos, einen nach Strohs Ansicht großen Frevel, mit lateinischen Verwünschungen überzog. Valahfridus trat auch in weißer römischer Toga auf, mit einem Lorbeerkranz auf dem Haupt, und deklamierte natürlich in dramatischstem Latein. In diesem Fall kam die Antike dann doch nicht ganz gegen die Moderne an, wie wir wissen.
Latein ist eine tote Sprache, aber eine schöne Leich’, hat mal jemand hübsch zusammengefasst. Valahfridus hat seinen Anteil an dieser Wertschätzung. Wilfried Stroh ist am 15. Juli in Freising im Alter von 85 Jahren gestorben.

