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Nachruf:Münchens King of Swing

Gerry Hayes-70 Geb.; Kingofswing

Nicht nur Meister der Mallets, sondern auch Schlagzeuger, Pianist, Sänger, Entertainer und Clubbetreiber: Gerry Hayes.

(Foto: Stephan Rumpf)

Gerry Hayes war Showman, hervorragender Musiker und charmanter Gastgeber in seinen Clubs wie dem "Allotria" - Anfang November ist er im Alter von 86 Jahren gestorben

Von Oliver Hochkeppel

Wenn München je einen "King of Swing" hatte, dann war das Gerry Hayes. "It swings and sways with Gerry Hayes" lautete der Schlachtruf des Mannes, dessen ganze musikalische Liebe jener goldenen Ära gehörte, in der Jazzer auch Showmen waren. So wie er, mit seinem markanten Gesicht, sonorer Stimme und bezwingender Vielseitigkeit. Ursprünglich Schlagzeuger, spielte er sich später vorzugsweise am Vibrafon durch den ganzen Standard-Kosmos. Er konnte aber auch am Klavier einen Tango hinlegen, und Höhepunkte waren es stets, wenn er mit seiner Crooner-Stimme eine Ballade sang.

Seine Weltläufigkeit war immer mit einer geheimnisvollen Aura verbunden - recherchierte man seine Vergangenheit, landete man schnell bei "Rosebud"-Rätseln wie aus Orson Welles' "Citizen Kane". Verbürgt ist, dass er am 23. August 1934 in Frankfurt geboren wurde - noch nicht als Gerry Hayes, sondern als Günter Hess. Die Teenager-Zeit verbrachte er indes schon bei Verwandten in New York, wo er sich neben seinem exzellenten Englisch auch klassische Grundlagen an Klavier und Schlagwerk sowie die lebenslange Liebe zum Jazz aneignete. Zurück in Europa begann seine Karriere in den frühen Fünfzigerjahren in den amerikanischen Clubs Wiesbadens. So zelebrierte Hayes unter anderem in der Fritz Becker Big Band den Woody-Herman-Style. 1959 ging er für zweieinhalb Jahre nach Paris, damals das europäische Jazz-Mekka. Dort gründete er seine erste eigene Band, mit der er zwei Jahrzehnte lang weltweit unterwegs war, von Skandinavien bis nach Portugal und in den Libanon. Er spielte in Clubs und Kasinos, begleitete Stars wie Diana Ross, Nancy Wilson oder die Osmond Brothers, trat in Funk und Fernsehen auf. 1968 spielte er im in München (unter anderem im legendären "Blow Up", der heutigen Schauburg) gedrehten Film "Das Go-Go-Girl vom Blow-Up" an der Seite von Monika Lundi und Eddie Arendt einen Bandleader.

Der Liebe und seines Maßschneiders wegen wurde München dann 1979 seine Heimat. Kaum ein Jahr hier, machte er seinen ersten Club auf, "Gerry's Music Corner" in Schwabing, bald abgelöst vom "Gerry's" im Lehel. Unsterbliche Verdienste um die Münchner Szene erwarb er sich er sich durch die Übernahme von Hermann Küglers "Allotria" in der Türkenstraße, das er vom Dixieland- und Bierjazz-Saloon in eine Hochburg des Swing verwandelte. US-Stars - Tommy Flanagan spielte zur Eröffnung - wechselten sich ab mit den heimischen Größen, von denen der blutjunge Tizian Jost zum Hauspianisten wurde, und Cracks wie Dusko Goykovich, Charlie Antolini oder Roman Schwaller zum festen Freundeskreis gehörten, der auch in seiner "Jazz Big Band" oder "Swing Explosion" spielte. Zehn Jahre lang trotzte Hayes Mietpreisexplosionen, Lärmschutzauflagen, Konzessionsverschärfungen und dem Wandel des Publikumsgeschmacks, zweimal noch versuchte er an anderer Stelle weiterzumachen - erst in der Landesbank am Oskar-Miller-Ring, dann in der Domagkstraße -, bis 1996 endgültig Schluss war mit dem Jazzclubbetreiber-Dasein.

Viele Rücklagen waren dabei draufgegangen, und so traf es Hayes hart, dass er sich gegen Ende der 2000er-Jahre wegen einer chronischen Lungenerkrankung auch noch von der Bühne verabschieden musste. 2010 griff ihm die Münchner Jazzfamilie noch mit einem Benefiz-Konzert im Vogler unter die Arme, dann wurde es still um ihn. Wie wir erst jetzt erfuhren, ist Gerry Hayes bereits am 1. November 86-jährig in seiner Wahlheimat München gestorben.

© SZ vom 12.11.2020/van
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