Süddeutsche Zeitung

München nach den Anschlägen von Paris:"Wir müssen jetzt alle zusammenstehen"

  • Franzosen in der Stadt sind berührt von der Solidarität der Münchner mit den Opfern von Paris - ein Toter ist ein 28-jähriger Mann aus Bayern.
  • Muslime distanzieren sich von den Attentaten und planen für Freitag eine Demonstration gegen Hass und Gewalt.
  • Am Abend kam es am Pariser Platz noch einmal zu einer spontanen Solidaritätskundgebung.

Von Martin Bernstein, Frank Müller und Thomas Schmidt

"Mama, warum stehen da so viele Kerzen?" Das kleine Mädchen auf seinem bunten Tretroller bleibt an der Heimeranstraße stehen. Die Mutter kniet sich neben das Kind und versucht zu erklären, was kaum zu erklären ist. Die Kerzen und Teelichter flackern im kalten Wind, sie stehen vor dem französischen Generalkonsulat. Immer wieder kommen Menschen, um Blumen oder selbstgemalte Bilder und Plakate niederzulegen. Ein junges Paar hält sich stumm im Arm, die Frau hat Tränen in den Augen. München trauert um die Opfer von Paris.

Es sind diese Zeichen der Solidarität, die Generalkonsul Jean-Claude Brunet besonders berühren. Deshalb wird von Montag an in den Räumen des Konsulats ein Kondolenzbuch ausliegen, in das die Münchner Worte der Anteilnahme eintragen können.

Ministerpräsident Horst Seehofer und vier seiner Minister haben das am Sonntag bereits getan. "Wir stehen unter Schock", sagt Brunet 36 Stunden nach den Anschlägen von Paris. "Aber wir werden einig und entschlossen für unsere Freiheit und unsere Werte eintreten." Er spüre viel Solidarität in Deutschland, "und wir bedanken uns sehr dafür". In München soll es eine Solidaritätsdemonstration geben, wie Brunet sagt, gleichzeitig zur geplanten Trauerkundgebung in Paris. Also voraussichtlich nicht vor Ende der Woche - denn bis Donnerstag sind in Paris alle Versammlungen aus Sicherheitsgründen verboten.

Ähnliches plant auch das Münchner Forum für Islam (MFI). Es ruft für kommenden Freitag um 16.30 Uhr zu einer Demonstration in der Münchner Innenstadt auf. Der Veranstaltungsort sei noch unklar, sagt der MFI-Vorsitzende, Imam Benjamin Idriz; am Wochenende habe man noch nicht mit dem Kreisverwaltungsreferat sprechen können. Per Internet habe man bei der Behörde aber bereits eine Demonstration mit 2000 Teilnehmern angemeldet unter dem Motto "Steh auf gegen Hass und Gewalt". Laut Idriz sind Redebeiträge, Musik und gemeinsame Gebete geplant.

"Wir wollen alle anderen Kirchen einbinden", sagt der Imam, die Initiative gehe aber von den Münchner Muslimen aus. "Wir müssen jetzt alle zusammenstehen, Muslime wie Nicht-Muslime." Das MFI hat am Wochenende eine lange Stellungnahme zu den Anschlägen verschickt. Darin heißt es, man blicke "erschüttert" und "fassungslos" auf das wahllose Morden. Der Islam verabscheue jede Art von Terror, betont Imam Idriz: "Nie kann Gott, sein Prophet oder unser Glaube für solche Verbrechen eingespannt werden."

An deren Opfer denkt Rebecca Delmas an diesem Wochenende oft. "Ich habe viele Freunde und Angehörige in Paris, und ich kenne den Konzertsaal, in dem es passiert ist", sagt Delmas. Die Französin lebt seit 26 Jahren in München und ist am Samstag zum Generalkonsulat gekommen. "Stellen Sie sich vor, es hätte einen solchen Anschlag in der Muffathalle gegeben." Neben ihr steht Bruno Pludermacher, er hat sich eine Anstecknadel mit der Trikolore an den Pullover geheftet. "Das ist noch schlimmer als bei Charlie Hebdo", sagt Pludermacher. "Bei Charlie gab es noch Ziele, das jetzt ist wahlloses Töten."

Kaum eine Veranstaltung am Samstag in der Stadt, bei der das Thema nicht irgendwie eine Rolle spielt - bis hin zum Gala-Ball der Narrhalla. In der Matthäuskirche tritt der Münchner Motettenchor auf, das Programm steht seit langer Zeit fest: Mozarts Requiem und Adam's Lament (Adams Klage) von Arvo Pärt. Die Titel wirken wie Kommentare zu den Anschlägen. Das empfindet auch der Chor so. Man widme nun den ganzen Abend den Opfern und ihren Angehörigen, sagt eine Frau aus dem Chor zur Begrüßung. Es wird ein kraftvoller und ernster Auftritt.

Ein Konzert aber findet nun nicht mehr statt: Am Donnerstag sollten im Kesselhaus die Eagles of Death Metal auftreten. Jene Band, deren Konzert am Freitagabend in der Pariser Halle Bataclan von den Attentätern gestürmt wurde. Sie hat am Sonntag erst einmal alle weiteren Auftritte abgesagt. Einige Crewmitglieder der Band galten da immer noch als vermisst.

Und wie es jetzt weitergeht? Sicherheit und Freiheit, sagt Bruno Pludermacher, der Mann mit der Anstecknadel, nachdenklich, das sei immer eine schwierige Balance. So schrecklich diese Nacht in Paris auch gewesen sei, "man muss sein Leben leben". Die Gemeinschaft "rückt zusammen". Viele der etwa 10 000 Franzosen in München verabredeten sich schon am Samstag spontan über Facebook, um sich vor dem Generalkonsulat zu treffen, um dort Blumen niederzulegen, um Lichter zu entzünden. Auch am Pariser Platz in Haidhausen versammelten sich am Sonntagabend Menschen, um der Opfer zu gedenken. "Jeder hier ist mit jedem irgendwie vernetzt", sagt Rebecca Delmas. Es hilft, in solchen Stunden nicht alleine zu sein. "Aber die Angst ist da".

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Quelle:
SZ vom 16.11.2015
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