Zum 20. Jubiläum hat die myself-Redaktion das Upcycling für sich entdeckt. Kunstvoll drapierte Seiten der Frauenzeitschrift zieren den Rock eines Models am roten Teppich, leise rascheln die Blätter bei ihren Schritten. Lang ist der Weg vor dem Umadum im Münchner Werksviertel jedoch nicht, der nachmittägliche Geburtstagsempfang auf der Empore ist von Weitem kaum zu erkennen. So irrt auch Unternehmerin Diana zur Löwen zuerst etwas verloren auf dem Vorplatz herum und findet erst nach einem Hinweis zu den Feierlichkeiten. Wirklich wichtig scheint das Blitzlichtgewitter ohnehin nicht mehr zu sein. Die meisten Anwesenden sprechen lieber in ihre eigenen Handykameras.
Auch die Fans verbleiben hinter den Bildschirmen. Stattdessen spähen vorbeiziehende Schaulustige in den VIP-Bereich hinein, wo sich Influencerinnen in Glitzerkleidern zusammengedrängt zuprosten. Während Cathy Hummels eine Runde mit der Gondel dreht, holt sich Model Gloria-Sophie Burkandt einen Smoothie an einem der Stände auf dem Vorplatz. Einsam baumelt eine Diskokugel an der Decke.

Der gemütliche Nachmittagschampagner ist allerdings nur der Auftakt. Um die Geburtstagsfeierlichkeiten aufzupeppen, vergibt die Redaktion erstmalig den myself-Award. Karawanenartig machen sich die Gäste vom Umadum auf den Weg zur Preisverleihung im nahegelegenen Hotel Adina. Stilettoabsätze klackern auf dem Asphalt, vor dem Fahrstuhl bildet sich eine Schlange an Ballkleidern. Oben angekommen verschluckt die konferenzartige Atmosphäre des Festsaals jeglichen Glamour, graue Stuhlreihen stehen auf grau-beigem Teppichboden. Die schicken Outfits und kleinen Täschchen hätten in einen Raum dreifacher Größe gepasst.
An diesem Freitagabend würdigt die myself-Redaktion insgesamt sechs Frauen und eine Initiative für ihr „Engagement für Empowerment und Diversität“. Unklar bleibt, auf welche konkreten Leistungen die Preise abzielen – oder inwiefern sich beispielsweise Kategorien wie „Inspiration des Jahres“ und „Role Model des Jahres“ unterscheiden.
An solchen semantischen Feinheiten stört sich allerdings kaum einer. Geduldig warten die Gäste, bis die verspätete Rebecca Mir auf ihren Sitzplatz geschlüpft ist. Es gehe vor allem darum, die „Community zu würdigen“, erzählt Chefredakteurin Sabine Hofmann nach der Veranstaltung. In einem zweistufigen Prozess habe sie sich gemeinsam mit ihrem Kollegium für die Ausgezeichneten entschieden. „Zehn waren zu viel, drei zu wenig“, begründet Hofmann strahlend die Anzahl der Preise.
Doch deren sympathische Belanglosigkeit gilt keineswegs für die Gewinnerinnen. Auch wenn der Abend zuweilen in gut gemeinten Worthülsen wie „Empowerment“ und „Authentizität“ verschwimmt, bestechen viele Laudationen und Dankesreden durch ihre Ernsthaftigkeit. So entkräftet Unternehmerin Aya Jaff („Innovation des Jahres“) die Annahme, dass es jede Frau schaffen könne, die nur hart genug dafür arbeite. Ausschlaggebend für den beruflichen Erfolg seien nach wie vor Arbeitsbedingungen und gesellschaftliche Strukturen, sagt sie und wirbt zwei Sätze später für ihr Buch. Transformationsforscherin Maja Göpel („Changemakerin des Jahres“) hingegen weist darauf hin, dass wissenschaftliche Fakten zunehmend infrage gestellt würden. „Sagen, was ist“, erklärt sie, das sei mittlerweile schon ein Affront für viele Menschen.

Moderator Riccardo Simonetti, der im strahlend weißen Anzug den „Sonderpreis Engagement“ für seine Initiative entgegennimmt, macht auf reaktionäre politische Entwicklungen aufmerksam. Er erwähnt die kürzliche Äußerung Markus Söders, Deutschland ohne Auto, Maschinenbau und Chemie sei eine Dame ohne Unterleib. Die Menschenfeindlichkeit des bayerischen Ministerpräsidenten mache ihn fassungslos, so Simonetti, der Preis bedeute ihm daher umso mehr. „Wir schaffen es nur gemeinsam“, bedankt er sich ins Publikum. Söders Tochter Gloria-Sophie Burkandt hält die Aussage im Gespräch zumindest für unglücklich formuliert. „Mein Vater gehört einer anderen Generation an“, sagt sie. Er habe es nicht böse gemeint, nur betonen wollen, wie wichtig die Industrie für Deutschland sei. „Ich hätte es nicht so ausgedrückt“, räumt sie ein.
So steht am Ende der Veranstaltung eine bunt zusammen gewürfelte Mischung an Laudatorinnen und Geehrten auf der Bühne. Von Sexpodcasterin bis hin zur Politikerin ist alles dabei. Stärke hat eben viele Facetten.

