Süddeutsche Zeitung

Nahverkehr in München:"Der Zustand der Infrastruktur ist nur noch mit zwei Halben zu ertragen"

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Das sagt der Geschäftsführer der Bayerischen Eisenbahngesellschaft. Allein der MVG fehlen jährlich 30 Millionen Euro. Die Ticketpreise müssten aus deren Sicht noch viel stärker steigen - um 22 Prozent.

Von Andreas Schubert

An diesem Freitag werden die Gesellschafter des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds (MVV) einen neuen Tarif beschließen. Und es ist davon auszugehen, dass die Preise steigen. Denn nach dem derzeitigen Finanzierungssystem sind die Verkehrsunternehmen auf die Fahrgeldeinnahmen angewiesen. Sollte die Bundesregierung einen Nachfolger des Neun-Euro-Tickets einführen, müsste sie deshalb sicherstellen, dass genug Geld für die Verkehrsbetriebe wie die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) übrig bleibt, damit diese ihr Angebot ausbauen können - oder zumindest erhalten. Denn aus eigener Kraft schaffe man das nicht, sagte MVG-Chef Ingo Wortmann bei einer Presserunde von MVV, MVG und Bayerischer Eisenbahngesellschaft (BEG).

Wortmann, der auch Präsident des Verbands deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) ist, erklärte, er halte eine Nachfolgelösung für sinnvoll. Der VDV schlage ein 69-Euro-Ticket vor, das zwei Milliarden Euro kosten würde. Nach Ansicht von MVV-Geschäftsführer Bernd Rosenbusch wäre in Deutschland genug Geld für den öffentlichen Verkehr vorhanden, es kommt nur nicht dort an. "Es ist eine reine Frage der Priorisierung", sagte er.

Explodierende Energiepreise und gestiegene Personalkosten bringen die MVG in Not: Ginge es nach ihren Bedürfnissen, müssten die MVV-Gesellschafter den Tarif sogar um 22 Prozent erhöhen. Eine ähnlich drastische Erhöhung, und zwar um 30 Prozent, gab es bisher nur 1980, auch damals wegen erhöhter Personal- und Treibstoffkosten. Sie führte zu lange andauernden und heftigen Protesten, die Gegner versuchten sie sogar vor dem Verwaltungsgericht zu kippen - vergeblich. Heute wäre eine vergleichbare Steigerung nicht durchsetzbar. Zur Debatte steht eine Erhöhung um bis zu 6,9 Prozent.

Die S-Bahn will 100 neue Züge anschaffen

Laut Wortmann ist die MVG allerdings mit 30 Millionen Euro jährlich strukturell unterfinanziert, diese Summe werde noch auf 100 Millionen steigen. Als die MVG im April dieses Jahres ihr Leistungsprogramm für 2023 vorgelegte, schlug sie deshalb einige Leistungskürzungen vor. Noch hat der Stadtrat nicht darüber abgestimmt. Um die Klimaziele zu erfüllen, wären für einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs im Raum München laut Wortmann zwei Milliarden Euro jährlich notwendig.

Auch die S-Bahn benötigt Geld. Allein die Modernisierung der Flotte mit 238 Zügen vom Typ ET 423 hat 300 Millionen Euro gekostet. In Zukunft steht der Ausbau um 100 neue, 200 Meter lange Züge an. Dazu kommt der Bau zweier neuer S-Bahnwerke in München - eines im Osten, eines im Westen der Stadt. Aktuell nutzen bis zu 900 000 Menschen täglich die S-Bahn. Bis zum Jahr 2040 rechnet S-Bahn-Chef Heiko Büttner mit 60 Prozent mehr Fahrgästen. Ohne die zweite Stammstrecke wäre dieser Ansturm nicht zu bewältigen.

Was die Infrastruktur auf der Schiene, auch über München hinaus, angeht, so fallen Thomas Prechtl, BEG-Geschäftsführer und Präsident des Bundesverbands Schienennahverkehr, deutliche Worte ein. 60 Prozent aller Verspätungen seien auf die Infrastruktur zurückzuführen. Die BEG, die für den Freistaat den S-Bahn- und regionalen Bahnverkehr organisiert, hatte wiederholt den schlechten Zustand der Schiene kritisiert. "Ein ordentlicher Eisenbahnverkehr ist nicht mehr möglich", so Prechtl. Es gebe einen "Riesen-Investitionsstau", zudem müsse auch mehr bei der Instandhaltung getan werden, um Ausfälle etwa von Signalen oder Weichen vorab zu verhindern. Prechtls Urteil: "Der Zustand der Infrastruktur ist nur noch mit zwei Halben zu ertragen."

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